München - Sie sind die Retter in der Not, haben alles im Griff: So kennt man Ärzte aus TV-Serien. Doch unter dem weißen Kittel stecken Menschen – und unter ihnen auch mal einer, der abhängig von Alkohol und Pillen ist. Ein betroffener Chirurg bricht jetzt das Tabu und erzählt seine Geschichte.
Wenn er das Skalpell hält, ist Kurt Wittmann* selten nüchtern. Doch seine Chirurgen-Hand zittert nie. Das verhindern Beruhigungspillen. Er schluckt sie schon morgens, um bis Mittag ohne Alkohol durchzuhalten. Die Patienten sollen nicht merken, dass ihr Arzt ein Trinker ist. Darum gibt es erst zum Essen Wein. Der bringt ihn durch den Nachmittag.
So geht das viele Monate lang. „Abends habe ich dann richtig gesoffen“, erzählt Kurt Wittmann, 67. Das ist lange her. Und die Zeit des Versteckens lange vorbei. „Ich bin seit 25 Jahren trocken“, sagt er. Er ist froh, dass ihm damals kein schlimmer Fehler passiert ist. „Ein großes Glück. Ich muss einen Schutzengel gehabt haben.“ Es hätte auch anders enden können. Weil er als Chirurg und Durchgangsarzt in seiner Praxis viel operiert hat – zu einer Zeit, als Alkohol und Medikamente längst sein Leben bestimmten.
Für Patienten ist die Vorstellung, von einem betrunkenen Arzt behandelt zu werden, ein Horror. Es gibt keine Zahlen dazu, wie oft das passiert. Sicher ist nur: Sucht macht auch vor einem weißen Kittel nicht halt. „Es gibt Hinweise, dass Ärzte ähnlich häufig erkranken wie Vertreter anderer Berufsgruppen“, sagt Professor Götz Mundle, Suchtexperte und ärztlicher Geschäftsführer der Oberbergkliniken. Demnach wären etwa 5000 Ärzte in Deutschland alkoholabhängig, weitere 20 000 der Sucht gefährlich nahe. Mundle spricht von „riskantem Konsum“.
Doch Ärzten droht neben Wein und Wodka noch eine Gefahr. Medikamente zu verschreiben, das ist ihr Alltag. Groß ist die Versuchung, einmal selbst die Pillen zu probieren. In jeder Praxis, in jeder Station steht ein Schrank mit Medikamenten – und darin liegen auch Mittel, die längst nicht nur gegen Krankheiten helfen. Psychopharmaka zum Beispiel, die auch die Stimmung nicht-depressiver Patienten aufhellen. Oder Opiate, die starke körperliche Schmerzen lindern, aber eben auch Anspannung.
Kurt Wittmann will nur schlafen, als er zum ersten Mal Pillen schluckt, die eigentlich für Patienten gedacht sind. Er ist Anfang dreißig, hat gerade seinen Facharzt geschafft, der Druck ist groß. „16-Stunden-Schichten waren keine Seltenheit“, erinnert er sich. Nach dem Dienst ist er „abends oft so überdreht gewesen“, dass er nicht einschlafen kann.
Um am nächsten Morgen nicht übermüdet im OP zu stehen, hilft er mit sogenannten Benzodiazepinen nach. Diese Tabletten sollen ihm den ersehnten Schlaf bringen, endlich. Auf Dauer machen sie ihn abhängig. „Ich habe das unter Kontrolle“, glaubt Wittmann. „Wozu bin ich Arzt?“
So denkt er auch noch, als ihm die Pillen nicht mehr genügen. Viel zu lange dauert es, bis sie wirken. Dafür hält die Wirkung noch an, wenn Wittmann längst wieder hellwach sein muss. Das ändert sich, als er beginnt, sich das Mittel zu spritzen. „Morgens war ich topfit“, erzählt er. „Das hat keiner mitbekommen.“ Wenn er Bereitschaft hat, nimmt er keine Medikamente. Er will wach sein, falls er nachts zu einer Notoperation gerufen wird.
Noch nützt Wittmann Pillen und Spritzen als Doping: Sie helfen ihm, Druck zu ertragen. Doch als er zum ersten Mal zur Spritze greift, entdeckt er noch eine andere Wirkung: Wohlige Wärme durchströmt seine Adern. Er fühlt sich euphorisch, ja erleichtert. Denn zum Druck in der Arbeit kommen private Probleme. „Damals ging meine Ehe in die Brüche“, erinnert er sich. Nur zwei Jahre nach der Scheidung stirbt seine 13-jährige Tochter. „Danach ist für mich kein Tag mehr ohne Alkohol vergangen“, sagt Wittmann. Er trinkt. Nicht viel, aber regelmäßig.
Götz Mundle, Chefarzt der Oberbergklinik Berlin-Brandenburg, kennt viele solcher Geschichten. Im Beruf überfordert, von der Familie gestresst: Bei vielen Ärzten, die er behandelt, hat so der Weg in die Sucht begonnen. Kaum einer erkennt, dass er in die Irre läuft. „Die Betroffenen nehmen als Letzte wahr, dass sie ein Problem haben.“ Meist gibt es ja niemanden, der sie darauf anspricht. Nicht einmal die Kollegen, die davon wissen. Nur selten informiert einer die Ärztekammer. „Das ist falsch verstandene Kollegialität“, schimpft Mundle. Die Patienten bringt es in Gefahr, den Betroffenen hilft es nicht.
Auch Wittmann hatte einst niemanden, der ihn aufhält. Er heiratet wieder, das Paar bekommt zwei Kinder. Und er eröffnet eine eigene Praxis. Als die endlich läuft, folgt der nächste Rückschlag. Seine zweijährige Tochter erkrankt an Krebs. Die Ärzte machen ihm wenig Hoffnung.
Wittmann selbst ringt sich durch und spricht mit einem Kollegen. „Ich habe ihm vertrauensvoll gebeichtet“, sagt er. Doch auf Verständnis stößt er nicht. „Er hat mich verachtet“, sagt er. „Mich moralisch völlig verurteilt.“ Statt ein Halbgott in Weiß ist Wittmann ein gestrauchelter Sterblicher. „Ich war eine schwache Gestalt“, sagt er. Aufgeholfen hat ihm niemand.
Die Patienten bekommen selten etwas mit. Auch deshalb, weil die Betroffenen alles tun, um ihre Sucht zu verbergen. Sie haben viel zu verlieren: ihr Ansehen, ihre Patienten, ihren Beruf. Wer entdeckt wird, der kann die Approbation verlieren, die Zulassung als Arzt. Für viele der Ruin.
Nicht wenige sehen nur einen Ausweg: den Suizid. Er ist unter Ärzten häufig. Die Zahl der Selbsttötungen sei drei bis fünf Mal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung, sagt Mundle. Und nicht selten ist der Auslöser eine Suchterkrankung. Einer Schätzung aus den USA zufolge sogar bei jedem zweiten Suizid.
Mundle erzählt von einem 52-jährigen Chefarzt, der sich, vom Druck in der Klinik völlig überfordert, in den Alkohol flüchtete – und irgendwann nicht mehr weiter wusste. „Er stand schon auf der Autobahnbrücke.“ Der Gedanke an Frau und Kinder hielt ihn zurück.
Wittmann hielt niemand zurück. Seine zweite Ehe stand „auf der Kippe“. Hilfe bekommt er keine. Von niemandem. „Ich fühlte mich saumäßig allein.“ Auch war er rückfällig geworden, nach fast einem Jahr ohne Alkohol. Eines Abends nach der Sprechstunde schreibt er auf, was sich alles ändern muss. Die Liste wird immer länger, 40 Punkte stehen am Ende auf dem Zettel. „Da habe ich resigniert“, sagt Wittmann. Er geht in den OP und mixt sich eine tödliche Infusion. Langsam beginnt sie in seine Armvene zu laufen. Er spritzt sich ein Narkosemittel, „um das Ersticken nicht mitzubekommen“, sagt er. Dann schwinden ihm die Sinne.
Wittmann hat Glück. Die Putzfrau findet den bewusstlosen Arzt. Als er zu sich kommt, sieht er die Infusionslösung in den Teppich fließen. „Jemand hatte wohl den Schlauch herausgerissen.“ Froh darüber ist der Arzt damals nicht. „Ich lebte noch – und wusste nichts damit anzufangen“, sagt er. Er flüchtet sich in den Alltag. „Ich habe gemacht, was zu tun war.“ Schon am nächsten Tag steht er wieder in der Praxis.
Wenig später bemerkt die Mutter einer Patientin seine Alkoholfahne. Er hat es nicht mehr ausgehalten, bereits während der Sprechstunde getrunken. Wittmann weiß: „Entweder ich muss sofort in die Klinik, oder ich werde mich totsaufen.“ Durch Zufall erfährt er von einer Klinik in Bad Salzuflen. Dort kennt man sich aus mit der Behandlung suchtkranker Ärzte – der Klinikleiter Professor Matthias Gottschaldt war als junger Arzt selbst betroffen. Er schaffte den Absprung, entwickelte ein Therapiekonzept, das heute noch in den Oberbergkliniken (www.oberbergkliniken.de) angewandt wird.
Das Prinzip: Die Betroffenen müssen zunächst lernen zu akzeptieren, dass sie krank sind. Das fällt Medizinern besonders schwer: Zum einen gilt Sucht unter Ärzten immer noch als Tabu. Zum anderen tun sich Ärzte schwer damit, plötzlich selbst Patient zu sein und Hilfe anzunehmen. Dabei ist, wer den ganzen Tag anderen hilft, besonders gefährdet – die eigenen Bedürfnisse werden vernachlässigt. In täglichen Einzel- und Gruppengesprächen haben betroffene Ärzte nun die Chance, sich selbst neu kennenzulernen. Da die Entwöhnung bereits während der Entgiftung beginnt, dauert die Therapie nur sechs bis acht Wochen – zugeschnitten auf die Bedürfnisse von Ärzten, die ihre Praxis nicht verlieren wollen.
Wittmann wollte es in einer Woche schaffen. „Ich habe gesagt, ich fahre ins Sporthotel“, erzählt er. Doch schon zwei Tage später ist er wieder voll. Er wagt einen neuen Anlauf. „Jetzt war mir alles egal. Ich habe damit gerechnet, die Approbation zu verlieren. Ich dachte, es wird sowieso keiner mehr kommen.“
Doch es kommt anders. Ein halbes Jahr und einen Rückfall später kehrt Wittmann in seine Praxis zurück – und die ist „brechend voll“. Hinter ihm liegt eine harte Zeit in der Klinik. Jeden Tag Einzelgespräche, Gruppentherapie, Sport. „Sauanstrengend“ sei das gewesen. Aber er habe dort gelernt, sich selbst zu verstehen – und zu verzeihen.
Seit 25 Jahren ist Wittmann trocken, die Abstinenz ist ihm leichtgefallen. An sein letztes Glas erinnert er sich genau. Er ist da schon in der Klinik. Doch nach sechs Wochen geht er in eine Kneipe, ein Rückfall. Am Tresen sieht er einen anderen Arzt. Der schreibt gerade die Dame hinter der Theke krank – gegen einen Drink. „Der war wachsweich und manipulierbar“, sagt Wittmann. In dem Kollegen erkennt er sich selbst. Und dass er sich „die Selbstachtung weggesoffen“ hat.
Vor ihm am Tresen steht ein Glas Wodka und ein Pils. Kurt Wittmann lässt alles stehen.
Andrea Eppner
* Kurt Wittmann ist ein Pseudonym. Der Arzt wollte nicht mit richtigem Namen in der Zeitung genannt werden. Wer mit ihm Kontakt aufnehmen will, kann das über die Redaktion machen unter der Mail-Adresse wissenschaft@merkur-online.de.
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