München - Die Arbeiten am neuen Handynetz in der U-Bahn laufen auf Hochtouren. Schon nächsten Monat sollen die Münchner im Untergrund der Innenstadt telefonieren können.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein Geschäftsmann reist zur Messe nach München. Am Hauptbahnhof ruft ihn ein Kunde am Handy an. Während der Geschäftsmann telefoniert, steigt er hinab in die U-Bahn – ohne das Handy auch nur abzusetzen. In der U2 zur Messestadt legt er auf – und schaltet seinen Laptop an. Bis er an der Messe ankommt will er noch seine E-Mails lesen und im Internet surfen.
Heute wäre das ein Ding der Unmöglichkeit. Doch schon bald dürfte man derlei Szenen öfter erleben. Von Ende August an soll an zentralen Münchner U-Bahnhöfen Handyempfang möglich sein. „Wir liegen voll im Zeitplan“, sagt Christian Schilling von Vodafone, der den Einbau der Sendeanlagen für die Mobilfunkanbieter leitet. Zu den Pionier-Stationen zählen Hauptbahnhof, Stachus, Odeonsplatz, Sendlinger Tor, Marienplatz – und die Theresienwiese. „Zur Wiesn heuer soll das schon klappen.“
Damit nicht genug: Gleich als nächstes nehmen sich die Planer die U2 Richtung Messestadt und die Linie U6 zur Allianz-Arena vor. Bis Ende 2009 werde es auch hier Empfang geben, sagt Schilling. Und 2011 soll dann kreuz und quer durchs gesamte U-Bahnnetz telefoniert werden können.
Ein ehrgeiziges Projekt – denn täglich fahren rund eine Million Menschen mit der Münchner U-Bahn. „Mehrere 1000 Gespräche gleichzeitig werden im Untergrund möglich sein.“ An die 400 Antennen installieren die Techniker dafür insgesamt in den Tunnels. Mehr als 300 Kilometer Glasfasern werden für die Verkabelung benötigt.
Seit Frühjahr 2008 tüfteln die Techniker an dem Handynetz – ein kompliziertes Unterfangen. Wie sich Funk-Wellen an der Oberfläche ausbreiten, könne man ja am Computer simulieren, erklärt Schilling. In der U-Bahn sei das aber unmöglich. „Jeder Tunnel ist anders.“ Manche haben glatte Wände, andere eine Wabenstruktur, die das Signal abschwächt. Deshalb sitzen nun oft Techniker mit Messgeräten in den U-Bahnen. Sie erfassen, wie stark das Signal in den Röhren ist – und wo mehr Antennen nötig sind.
Bis ein Anruf auf einem Handy in der U-Bahn ankommt, muss das Signal einen weiten Weg zurücklegen: Vom Anrufer gelangt es zunächst in eine zentrale Vermittlungsstelle. Das Computersystem dort kann genau orten, wo sich der Angerufene gerade aufhält. Sitzt er in der U-Bahn, wird das Signal als erstes in einen Betriebsraum im Hauptbahnhof geschickt, wo in dicken Funkschränken alle Leitungen zusammenlaufen. Über Kabel wird es zum richtigen U-Bahnhof und schließlich genau zu der Antenne geleitet, die dem Angerufenen gerade am nächsten ist. Dort kann er den Anruf entgegennehmen.
Eine kleine Revolution – denn die MVG hatte sich lange gegen den Mobilfunk gesperrt. Sie berief sich auf Fahrgastumfragen. Doch nach den letzten Gewalttaten in der U-Bahn forderte die Polizei aus Sicherheitsgründen den Handyempfang. Fürchtet die MVG nun den Grant mancher Fahrgäste, wenn der Nachbar in der U-Bahn lautstark am Handy über Liebeskummer oder Arbeitsfrust klagt? Die MVG verneint. Freilich, das könne ab und an zum Ärgernis werden – wie etwa laute Musik. Doch in S-Bahn, Bus und Tram könne man ja schon telefonieren – dort gebe es so gut wie keine Beschwerden.
Johannes Patzig
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