München - Schüler aus der Schweiz haben in einem Gewalt-Exzess am Sendlinger-Tor-Platz wahllos Passanten brutal zusammengeschlagen. Ein Opfer erlitt zahlreiche Brüche im Gesicht. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem „Amoklauf“.

© Haag
Am Sendlinger Tor fand der versuchte Mord statt.
Video: „Wollten jemanden wegklatschen!“
Sie benutzten keine Pistolen, keine Messer. Und doch spricht der Münchner Staatsanwalt Laurent Lafleur von einem Amoklauf. „Mit Fußtritten und Faustschlägen.“
Kaum anders ist die Gewaltorgie am Sendlinger Tor zu beschreiben: Eine Gruppe Schweizer Schüler stiefelt den Geschäftsmann Wolfgang O. wie im Rausch nieder. Die Schüler brechen dem 46-Jährigen mit ihren harten Tritten sämtliche Gesichtsknochen. Ihr Motiv: „Wir wollten einen Kick und Leute klatschen“, sagen sie später in der Vernehmung.
Zeugen rufen die Polizei und geben erste Täterhinweise. Kurze Zeit später wird der Verdacht auf eine Gruppe junger Schweizer gelenkt, die auf Abschlussfahrt in München sind und in einem Jugendgästehaus in der Innenstadt wohnen. In der Jugendherberge treffen die Beamten auf vier Tatverdächtige, die drei 16-jährigen mutmaßlichen Haupttäter und den 15-jährigen Kevin R. Die vier Burschen werden festgenommen.
Teilweise hatten sie bereits ihre Kleidung gewechselt. Sie wollten nach ihrer Bluttat wohl nicht erkannt werden. Wie erst später bekannt wird, begegnet ihnen auf der Flucht in ihr Quartier zufällig ein bulgarischer Student (26). Auch ihn schlagen sie ohne Grund mit Boxhieben nieder. Der Student erleidet Hämatome im Gesicht und am Hals.
Alle Beschuldigten wurden am Donnerstag dem Ermittlungsrichter vorgeführt, der über eine weitere Inhaftierung entscheidet. Vermutlich kommen der 15- und der 17-Jährige frei, die drei 16-jährigen Haupttäter bleiben wohl in Haft. Die Mordkommission sucht derweil Zeugen, die am 30. Juni 2009 zwischen 23 und 23.30 Uhr etwas Verdächtiges beobachtet haben, das im Zusammenhang mit der aggressiv auftretenden Jugendgruppe im Bereich Nussbaumpark/Sendlinger-Tor-Platz/Sonnenstraße stehen könnte. Sachdienliche Hinweise an das Polizeipräsidium München, Kommissariat 11, Tel. 089/2910-0.
Ein Vater ringt um Fassung. „Ich stehe völlig unter Schock. Ich kann mir das einfach nicht erklären“, sagt Toni B. der tz und stockt. Sein Sohn Mike B. (16) war vergangene Woche auf Klassenfahrt vom schmucken Zürichsee in der Schweiz nach München aufgebrochen – und nicht zurückgekehrt. Zusammen mit vier Klassenkameraden soll er am Sendlinger Tor Amok gelaufen sein.
Mike und seine Kumpels besuchen die 10. Klasse der Weiterbildungs- und Berufswahlschule in Küsnacht. Sie haben ihren Abschluss verpasst oder keine Lehre bekommen – nicht gerade Musterschüler also. Darum absolvieren sie eine Art Berufsvorbereitungsjahr. In München sollte eine Projektwoche stattfinden, vier Lehrer waren nach Schweizer Medienberichten dabei. Als Unterkunft diente das Jugendgästehaus des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in der Landwehrstraße. Den anderen Jugendlichen dort war die Klasse nicht negativ aufgefallen.
Doch dann kam alles ganz anders: Die Polizei vernahm Mike und die Mitschüler noch Dienstagnacht im CVJM. Er gilt zusammen mit Ivan Z. (16) und Alex D. (16) als Haupttäter und wurde festgenommen. Die Beamten nahmen auch Kevin R. (15) fest. Daraufhin reisten ein Lehrer und 20 Schüler am Mittwoch vorzeitig mit dem Zug zurück in die Schweiz.
Dann wurde es dramatisch. Nach weiteren Vernehmungen schöpften die Ermittler auch gegen Robert K. (17) Verdacht. Der saß aber schon im fahrenden Zug Richtung Alpen! Nach einem Bericht des Schweizer Blick stoppte die Polizei den Zug im baden-württembergischen Emmingen und fuhr den Verdächtigen nach München zurück. Die Polizei konnte den Bericht allerdings zunächst nicht bestätigen. Allerdings habe vom Verdächtigen noch keine Adresse ermittelt werden können. Das spreche für eine nachträgliche Festnahme.
Mikes Vater Toni bekam die offizielle Nachricht erst am Donnerstag. Die B.s wirken wie eine ganz normale Familie: Toni hat ein kleines Unternehmen und wohnt mit Frau Jolanda, Sohn Mike und zwei Töchtern in Uetikon am See ganz in der Nähe von Zürich. Mike spielte Eishockey, hat viele Freunde, ein beliebter Typ. „Er ist auch nie durch Gewalt aufgefallen und war eigentlich ganz brav“, sagt der Vater. Er will jetzt so schnell wie möglich nach München kommen.
D. Costanzo, J. Mell
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