München - Ein 28-Jähriger wird im Billardcafé bezichtigt, mit einer Frau Sex auf der Toilette gehabt zu haben – und sticht deren Freund nieder. Lesen Sie alles zu der kuriosen Gerichtsverhandlung:
Würde Hasan Y. nicht wegen versuchten Mordes auf der Anklagebank sitzen, man könnte ihn für das Opfer in dieser Geschichte halten. Stundenlang erzählt der gedrungene Mann am Montag dem Schwurgericht von seiner schweren Vergangenheit: Die Eltern hätten ihn von der geliebten Oma getrennt, der Vater habe ihn im Familienrestaurant als billige Arbeitskraft benutzt, die Verlobte habe ihn einfach so sitzenlassen. Im Ausnahmezustand habe er sich damals befunden.
Ein Zustand, der Hasan Y. beinahe zum Mörder gemacht hätte. So jedenfalls sieht es die Staatsanwaltschaft, die von einem gezielten Angriff des 28 Jahre alten Bäckereiangestellten ausgeht. In der Nacht auf den 9. Mai vergangenen Jahres soll Hasan Y. nach einem Streit Günther J. ein Messer in den Hals gerammt haben. Nur durch Glück überlebte der 37-Jährige den Angriff.
Wenig später musste Petra R. auf die Toilette. Just in dem Moment, als sie von dort zurückkam, kehrte auch der Angeklagte aus dem nicht einsehbaren Bereich zu den Billardtischen zurück. Günther J. interpretierte das falsch und bezichtigte die beiden, Sex auf der Toilette gehabt zu haben.
Um die Situation zu klären, gingen die Männer vors Lokal. Dort mündete die verbale Auseinandersetzung in eine körperliche, in deren Verlauf Günther J. den Angeklagten mit einem Faustschlag zu Boden streckte. Dies, meint die Staatsanwaltschaft, habe Hasan Y. nicht auf sich sitzen lassen wollen und er habe ein Messer gezückt. Als Günther J. floh, habe er ihn verfolgt und zugestochen.
Vor Gericht sagt Hasan Y. kein Wort zu den Vorwürfen. „Mein Mandant macht zum jetzigen Zeitpunkt keine Angaben“, verkündet Verteidiger Werner Kränzlein. Doch bei der Polizei hatte Hasan Y. ausgesagt. Dort habe er erklärt, er habe das Opfer eigentlich nur schlagen wollen, berichtet Staatsanwältin Nicole Selzam am Rande des Prozesses. Dabei habe er vergessen, dass er ein Messer in der Faust halte.
„Ich war immer das schwarze Schaf in der Familie“, sagt Hasan Y. Wann immer irgendetwas schief gelaufen sei, habe man ihn dafür verantwortlich gemacht. Als auch noch der Vater seiner Ex-Freundin die Verlobung gelöst habe, weil er Hasan Y. als „zu dick“ empfand, habe er sich am absoluten Tiefpunkt befunden. Er habe ohne diese Frau keinen Sinn mehr im Leben gesehen und sogar an Suizid gedacht. „Jetzt aber“, beteuert er, „bin ich mir hundertprozentig sicher, dass ich mir nach der Haft alleine ein Leben aufbauen kann.“ Ob und wie lange er in Haft muss, ist noch offen. Der Prozess dauert an.
Von Bettina Link
Rubriklistenbild: © dpa
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