Wenn es an der Tür läutet, gibt die Klingel der Dillitzers keinen Ton von sich, sondern ein rotes Licht blinkt. Auch der Wecker schrillt nicht laut, sondern strahlt gleißend helles Licht aus. Stefan Dillitzer (38) ist gehörlos, seine Frau Daniela (34) schwerhörig. Das junge Ehepaar aus Gauting lebt in einer Welt, wie sie normal Hörende nur schwer verstehen können.
„Wir unterhalten uns auf Gebärdensprache. Bei besonderen Problematiken nehmen wir auch schon mal Papier und Stift in die Hand“, erklärt Stefans Mutter, Josefa Dillitzer (63). Sie und ihr Mann hören normal, leben mit den beiden in einem Haus und kennen die alltäglichen Schwierigkeiten, mit denen Stefan und Daniela konfrontiert sind. „In ihrer Wohnung können sie alles allein bewerkstelligen“, versichert die Mutter. Trotzdem: Vogelgezwitscher oder Musik nehmen sie nicht wahr. Telefonieren können sie nicht, sie verwenden ein Fax, um mit anderen in Kontakt zu treten. „Sie kennen auch manche Begriffe einfach nicht. Die Sprache ist bei den beiden nicht so erweitert wie bei normal Hörenden.“
Beispielsweise kannte Stefan bis zu seiner Fahrprüfung nur das Wort Blinker, der Fahrtrichtungsanzeiger im Prüfungsbogen wurde zur hohen Hürde. Josefa Dillitzer: „Sie bekommen nur mit, was man ihnen ausführlich erklärt.“ Und Vater Rudolf (64) ergänzt: „Einem Arzt verständlich zu machen, was ihnen fehlt, oder Anträge in Ämtern auszufüllen, die schon ein normaler Mensch nicht versteht, das sind alles Probleme, vor denen mein Sohn und seine Frau stehen.“
Am meisten macht Stefan und Daniela Dillitzer aber zu schaffen: Sie sind schon des längeren arbeitslos. Er ist eigentlich gelernter Schuhmacher, sie Hauswirtschaftsgehilfin. Sie bekommen Arbeitslosengeld und haben einen 1-Euro-Job im Caritas-Sozialkaufhaus in Starnberg.
„Auch wenn es ihnen im Kaufhaus gefällt, wollen die beiden eine richtige Arbeit haben“, erklärt Rudolf Dillitzer, „die beiden können vieles leisten. Der Arbeitgeber muss natürlich mehr auf sie eingehen.“ Doch die teils unerwiderten Bewerbungsunterlagen von Stefan Dillitzer füllen ganze Ordner. Daniela hat in Altenheimen Praktika gemacht. „Dort wurde sie bis zum letzten Tag ausgenutzt. Aber eine Stelle hat man ihr nicht angeboten“, sagt Mutter Dillitzer und zuckt traurig mit den Schultern. „Die Arbeitgeber schrecken unter anderem vor dem besonderen Kündigungsschutz zurück, unter dem Behinderte stehen“, fügt ihr Mann hinzu. Optimal sei ein „menschlicher Betrieb“, eine Einstellung aus reinem Mitleid wäre ihnen allen nicht recht.
Während Vater und Mutter Dillitzer von Problemen reden, scheint es für das junge Paar keine zu geben. Gutgelaunt unterhalten sie sich in ihrer Sprache. Sie lachen viel.
Zusammengeführt hat die beiden der Zufall. Daniela, die eigentlich aus Köln kommt, hatte einfach aus ihrem Faxbuch für Gehörlose einen Namen gewählt. „Eines Tages kam ein Fax: Hallo Stefan, möchte dich kennenlernen“, erinnert sich Josefa Dillitzer. Das war vor vier Jahren, seit August 2012 sind sie ein Ehepaar. Ihren Hochzeitstanz haben sie ohne Musik getanzt – da waren die Probleme noch weiter weg.
mg
Gebärdensprache besteht aus kombinierten Zeichen (Gebärden), die vor allem mit den Händen in Verbindung mit Mimik, Mundbild und Körperhaltung gebildet werden. Weltweit gibt es keine einheitliche Gebärdensprache. Innerhalb eines Sprachraums kann es sogar verschiedene Dialekte geben.
Vier Beispiele für Wörter in der deutschen Gebärdensprache sind:
Sonne: Die Hand aufmachen und die Finger strecken.
Schnee: Mit den Händen imaginär einen Ball formen.
Sonntag: Die Hände werden wie zum Gebet gefaltet.
Buch: Die flachen Hände werden aneinander gelegt, Handflächen nach oben.




















