Taufkirchen - Seine „Hallo“-Aktion brachte ihm positive Schlagzeilen. Immer mehr Stimmen in Taufkirchen fordern nun aber den Rücktritt ihres Bürgermeisters Jörg Pötke. Sie kommen mit seiner „eigenmächtigen“ Amtsführung nicht mehr klar. Der Bürgermeister scheint isoliert.

© Robert Brouczek
Allein in der Menge: Bürgermeister Jörg Pötke beim Neujahrsempfang seiner Gemeinde.
Im Juni 2011 schien die Welt noch in Ordnung. Taufkirchens Bürgermeister Jörg Pötke (65) hatte gerade zur „Hallo“-Aktion aufgerufen, um die Gemeinde zu einer Festung der Freundlichkeit zu machen. Per Handschlag empfing der Gute-Laune-Rathauschef seine Bürger am S-Bahnhof. Die Aktion ging durch die Presse. Sicher, ein bisschen Strategie war auch dabei. Schließlich gärte es damals schon hinter den Kulissen, vor allem zwischen Gemeinderat und Bürgermeister.
Was aber vor einem halben Jahr noch als Garant skurriler Geschichten galt, hat sich zu einer Rathaus-Krise entwickelt. Die neue Konstellation: Pötke gegen den Rest. Der Rest, das sind nicht mehr nur die Gemeinderäte, das ist auch ein Großteil der Verwaltung. Der Vorwurf: Mit Pötkes Amtsantritt 2008 hätten sich Strukturen gebildet, in denen Mobbing an der Tagesordnung sei. „Viele von uns kommen jeden Morgen mit Bauchschmerzen zur Arbeit“, klagt Erika Theimer (46). Sie arbeitet seit 20 Jahren in der Gemeinde, ist im Personalrat. Kollegen wie Jan Modrzinski (32), Kämmerer und stellvertretender Vorsitzender des Personalrats, bestätigen das. Sie berichten, sie seien beleidigt und bespitzelt worden. Systematisch, von Führungskräften.
Pötke, sagen sie, habe davon gewusst. Der Bürgermeister dementiert entschieden, spricht von einer „Kampagne“ gegen ihn. „Warum erfahre ich das aus der Presse?“, fragt er. Seine Stimme ist dabei voller Betroffenheit. Der Arme, ließe sich sagen. Das Gros seines Personal würde kontern: der Blender.
Der Keil schiebt sich immer weiter zwischen den Bürgermeister, der aus Altersgründen bei der nächsten Wahl nicht wieder antreten kann, die rund 90 Bediensteten sowie 24 Gemeinderäte. Dass einige mit diesem norddeutschen Zahnarzt, der mit Privilegien und Missständen im Rathaus der 19 000-Einwohner-Gemeinde aufräumen wollte, nichts anfangen können, ist kein Geheimnis. Sein Führungsstil sei eigenmächtig, seine Arbeitsweise beschreibt Rudi Schwab als „unkooperativ“. Schon als Gemeinderat von 1996 bis 2008 habe Pötke seine Kollegen mit Anfragen und Dienstaufsichtsbeschwerden drangsaliert. Pötke sagt dazu: „Ich habe die furchtbar getriezt, aber sachbezogen.“
Die Gemeinderäte zahlen ihm das zurück, etwa mit minutiösen Protokolländerungen. Beispielhaft für das häufige Gegeneinander ist das Ereignis, das das brodelnde Rathausfass in der vergangenen Woche zum Explodieren brachte: Der Gemeinderat sollte in nicht öffentlicher Sitzung über einen Verwaltungsmitarbeiter beraten, dem Pötke eigenmächtig – also rechtswidrig – gekündigt hat. Der Bürgermeister bestand indes darauf, die Abstimmung über die Kündigung erst im Anschluss an die öffentliche Sitzung nachzuholen. Normalerweise finden nicht-öffentliche Beratungen immer zu Beginn einer Sitzung statt. Die Fraktionen werteten Pötkes Vorgehen als Schikane. Sie brachen, mit Ausnahme von Pötkes „ILT“ (Initiative Lebenswertes Taufkirchen), die Sitzung ab.
Man könnte jetzt fragen, warum der Bürgermeister die Abstimmung verweigerte. Oder warum er die Nachholsitzung, denkbar ungünstig, auf einen Werktag, 11 Uhr, legte. Und warum weniger als die Hälfte der Ratsmitglieder zur Vormittagssitzung erschienen war – trotz gestelltem Dringlichkeitsantrag. Erst im dritten Anlauf fand die Sitzung statt – Pötke kassierte eine deftige Niederlage. Wie auch immer: Die Konfrontationen in Taufkirchen laufen auf hohem taktischem Niveau. Wobei sich auch über den Begriff Niveau streiten ließe. Einmal, Ende 2011, setzte Grünen-Gemeinderat Schwab mal wieder zur Protokollschelte an. Kurzerhand zog Pötke ein Plastikhuhn unter dem Tisch hervor und ließ es gackern – eine Minute lang. Ein Maulkorb à la Pötke. In der laufenden Diskussion wird er sich den nicht mehr leisten können. Sonst könnte es bald heißen: „auf Wiedersehen“, Herr Bürgermeister.
Markus Mäckler
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