Wartenberg - Aus dem Blut von Andreas Baumann aus Wartenberg sind Stammzellen entnommen worden, die einer leukämiekranken Frau das Leben gerettet haben. Er musste dafür nur drei Stunden stillhalten und etwas frieren.

Das Spenden von Stammzellen ist weder schmerzhaft noch gefährlich. Andreas Baumann aus Wartenberg musste beim Blutabnehmen in einer Dresdener Spezialklinik nur ein bisschen frieren. Foto: Privat
Überleben ist für Leukämiekranke oft eine Frage der Wartezeit. Der Wochen und Monate, bis ein passender Stammzellenspender gefunden wird. Eine 60-Jährige irgendwo in den USA muss nicht mehr warten, die Stammzellen des Wartenbergers Andreas Baumann sind ihr bereits transplantiert worden - eine Chance zu überleben.
Als Lebensretter oder gar Held sieht sich der genetische Zwilling der Amerikanerin dennoch nicht. „Es ist nix dabei“, sagt der 45-Jährige, „der Aufwand ist minimal und der Nutzen riesig“. Heutzutage werde man für die Spende nur für ein paar Stunden an ein Gerät angeschlossen, das die Stammzellen aus dem Blut separiert - „wie bei einer Dialyse“, sagt Baumann.
Vorbei die Zeiten, in denen die Stammzellen aus dem Beckenknochen geradezu herausgeschnitten werden mussten. „Keine OP, keine Vollnarkose“, erklärt der Vater zweier Kinder. Auch die Typisierung sei kostenlos und bequem daheim zu bewerkstelligen. So könne man auf der Internetseite der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) sein Interesse anmelden und erhalte kurz darauf ein Kuvert mit zwei Wattestäbchen. Damit mache man zwei Abstriche an den Backeninnenseiten und schicke sie zurück. „Das kostet zwei Minuten Zeit und kein Porto.“
Baumann möchte alle Menschen zwischen 18 und 55 Jahren ermutigen, sich ebenfalls typisieren zu lassen. Nur so kann die DKMS die Gewebemerkmale der Patienten mit möglichen Spendern abgleichen. Schließlich, so Baumann, bekomme allein in Deutschland alle 45 Minuten ein Mensch die Diagnose Leukämie. Der Wartenberger hatte sich schon einmal in den 1990er Jahren für eine kranke Frau in Langenpreising typisieren lassen - damals mit einer Blutprobe.
Zunächst waren das Ausfüllen eines medizinischen Fragebogens und eine Blutprobe beim Hausarzt notwendig. Und schon da übernahm die DKMS die komplette Organisation, um den Termin beim Doktor musste sich Baumann nicht kümmern. Einen Monat später kam der Anruf: „Wir brauchen Ihre Stammzellen.“ Die Organisation vereinbarte einen Termin für eine umfangreiche Untersuchung in einer Klinik in Dresden, buchte den Flug und das Taxi - und schon fand sich der Wartenberger im Cellex-Institut wieder.
Der Checkup dauerte vier Stunden, und Baumann kam mit Stammzellenspendern ins Gespräch, während diese an die Geräte angeschlossen waren. „Das waren drei junge Burschen. Die saßen da, haben sich einen Film angeschaut und waren gut drauf.“ Diese Begegnung war wichtig für den 45-Jährigen, letzte Bedenken waren verflogen.
Die einzige Unannehmlichkeit für den Spender beginnt fünf Tage vor der Stammzellenentnahme. Er muss sich selbst einen körpereigenen hormonähnlichen Stoff spritzen, der vom Körper zum Beispiel bei fieberhaften Infekten produziert wird. Dieses Medikament stimuliert die Produktion der Stammzellen und bewirkt, dass sich vermehrt Stammzellen im fließenden Blut befinden. Diese können dann über ein spezielles Verfahren aus dem Blut gesammelt werden. Das Mittel kann zu Symptomen wie Kopf- oder Gliederschmerz führen. Doch Baumanns Beschwerden hielten sich in Grenzen. „Ich bin seit 25 Jahren Fußballschiedsrichter“, berichtet der Bayer, „nach dem Pfeifen dean mir d’Fiaß besser weh“.
Spendetag ist bei der DKMS immer Montag, die Hormongabe erfolgt übers Wochenende. Und dann ging es noch einmal nach Dresden. Flug und Hotel von Sonntag bis Dienstag waren für Baumann und seine Frau gebucht. Eine Begleitperson solle man mitnehmen, weil man nach der Spende etwas müde sei, erzählt der Wartenberger. Die drei Stunden der Spende selbst erlebte er nicht als sehr beschwerlich. „Das einzige war: Ich habe ein bisschen gefroren.“ Danach konnte er sich im Hotel ausruhen und sollte sich bereit halten, falls am Tag darauf noch eine Spende nötig ist.
Doch die Klinik gab nachmittags Entwarnung. Die Baumanns flogen am Dienstag heim, und schon am Mittwoch absolvierte der Berufsberater einen Zehn-Stunden-Arbeitstag. Daheim erhielt der Wartenberger schon am nächsten Tag einen Anruf von der DKMS, in dem er erfuhr, dass er einer 60-jährigen Frau aus den USA geholfen habe.
Ihre Identität bleibt unter Verschluss, und während der nächsten zwei Jahre „bin ich für diese Frau reserviert“, erzählt Baumann - für eventuell nötige weitere Spenden. Danach bestehe die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Ob er das tun will, weiß er noch nicht. Doch er hat das gute Gefühl, dass ein Leukämiekranker weniger bangen muss, ob es irgendwo auf der Welt seinen genetischen Zwilling gibt.
Timo Aichele
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