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„Für meine Tochter gehe ich sogar ins Gefängnis“

„Für meine Tochter gehe ich sogar ins Gefängnis“

025.10.09|Bayern|Bayern|3
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Artikel: „Für meine Tochter gehe ich sogar ins Gefängnis“

München - Ein Interview mit dem Mann, der den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter entführen ließ.

kalinka

© dpa

Kalinka Bamberski starb nach einer Injektion. War Dr. K. ihr Mörder?

Seit 1982 setzt sich der Franzose André Bamberski (72) dafür ein, dass der Allgäuer Arzt Dr. Dietrich K. für den Tod seiner Tochter Kalinka († 14) büßt. Im Sommer 1982 soll er sie, wie berichtet, in Lindau mit einer Spritze getötet haben. Vergangene Woche ließ Bamberski Dr. K. nach Frankreich verschleppen – der 74-Jährige sitzt nun in U-Haft. Doch auch nach der Inhaftierung sind für Kalinkas Vater noch nicht alle Ziele erreicht. Im Interview berichtet er von seinem Kampf um Gerechtigkeit.

Wie kamen Sie darauf, Dr. K. entführen zu lassen?

André Bamberski: Ich habe die Entführung nicht organisiert. Es gab aber seit mehreren Jahren immer wieder Organisationen, die mir anboten, Dr. K. zu töten oder zu entführen. Das hatte ich bisher immer abgelehnt. Doch nun ist K. 74, ich bin schon 72. 2015 wäre der Fall verjährt. Deshalb traf ich mich Anfang September in München mit einem Mann, dem ich mein Einverständnis dafür gab, K. auf französischen Boden zu bringen. Ich habe keinen einzigen Euro für die Leute gezahlt, die das getan haben. Ich wollte nicht, dass Dr. K. so verletzt wird. Aber es geht ihm nicht so schlecht, er kann noch Tennis spielen.

Wie kamen Sie ihm überhaupt auf die Spur?

Bamberski: Seit dem Prozess 1997 in Kempten, bei dem Dr. K. wegen Vergewaltigung einer 16-jährigen Patientin verurteilt wurde, lebte er sehr zurückgezogen. Die französischen Behörden haben nichts unternommen, um ihn zu finden. Sie gaben vor, er sei verschwunden. Also musste ich die Arbeit der Behörden übernehmen. Siebenmal ist Dr. K. seit 1997 umgezogen. Er wollte unsichtbar werden. Doch mit Hilfe von Freunden konnte ich ihn im Allgäu aufspüren.

Nun ermitteln französische Behörden wegen Freiheitsberaubung gegen Sie. Keine Angst vor Haft?                                

Bamberski: Ich riskiere zehn Jahre Gefängnis, das stimmt. Aber das ist eher nebensächlich für mich. Das wichtigste ist im Moment, dass endlich Recht angewandt wird und sich Dr. K. vor einem französischen Gericht verantworten muss. Ich bin nicht in der Lage, über den Tod meiner Tochter hinwegzukommen, solange nicht alle Umstände bei einem Prozess aufgeklärt worden sind. Dabei darf sich Dr. K. dann mit seinen Rechtsanwälten verteidigen. Und wenn das Gericht ihn für unschuldig hält, kann er gehen.

Wie wollen Sie verhindern, dass Frankreich dem deutschen Wunsch nach Freilassung von Dr. K. nachkommt?

Bamberski: Dafür genügt es, französisches Recht anzuwenden. Wenn die Deutschen nicht anerkennen, dass K. in Frankreich vor Gericht gestellt werden muss, habe ich alle Beweise dafür, die deutsche Regierung in den Schmutz zu ziehen. Ich weiß, dass es auf den höchsten Ebenen Vereinbarungen gab, Dr. K. nicht von Deutschland nach Frankreich auszuliefern. Dieser Schutz von deutschen Staatsbürgern vor Auslieferung erinnert mich an Nazi-Methoden. Deutschland muss da sehr vorsichtig sein, denn der Fall Kalinka ist inzwischen in aller Munde!

Wieso glauben Sie, dass K. unter dem Schutz deutscher Behörden stand?

Bamberski: Ich vermute, dass er Verbindungen zum Geheimdienst hatte. Dr. K. lernte meine Exfrau in den 70er-Jahren in Marokko kennen, wo wir damals lebten – und wo Dr. K. im deutschen Konsulat beschäftigt war. Was macht ein Kardiologe in der deutschen Botschaft?, habe ich mich gefragt. Ich kann ­außerdem belegen, dass er Missionen in Südafrika, Südamerika und Israel durchgeführt hat.

Die Taten des Dr. Dietrich K.: So verteidigte sich der Arzt

Kempten/Coburg - Auch wenn Dr. K. jede Verwicklung in den Tod Kalinka Bamberskis 1982 bestreitet – eine weiße Weste hat er keineswegs. 1997 verurteilte ihn das Landgericht Kempten zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und verhängte ein Berufsverbot. Dr. K. hatte die nach einer Magenspiegelung noch benommene Schülerin Lora S. (16) missbraucht. Er verteidigte sich in einem ZDF-Interview: „Sie hat nicht Ja gesagt, aber sie hat auch nicht Nein gesagt. Sie hat meine Küsse erwidert. Dann habe ich gefragt ‚Willst du noch weitergehen?‘ Da hat sie nur gelächelt. Wer schweigt, scheint zuzustimmen, hat man im alten Rom gesagt.“

André Bamberski sieht in diesem Fall einen Beleg dafür, dass Dr. K. 1982 seine Tochter vergewaltigen wollte. Als Dr. K. 2007 wegen Betrugs erneut vor Gericht stand, fragte der Richter: „Warum nehmen Sie sich immer jüngere Frauen?“ K.: „Das ist doch die Regel!“ Er wurde zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt, weil er trotz Berufsverbots weiter als Arzt praktiziert und damit 298 610,47 Euro verdient hatte. Im Prozess kam überdies heraus: Dr. K. hatte Patientinnen auf den Po geklatscht oder auf den Bauch geküsst.

Komplize packt aus: So planten wir die Entführung

Scheidegg - Der Waldweg in Lindenau, einem Ortsteil von Scheidegg im Allgäu: Immer wieder bemerkten Nachbarn von Dietrich K. hier in den vergangenen Jahren Autos mit ausländischen Kennzeichen, die langsam an Hausnummer 26 vorbeirollten. Sie fanden auch Steckbriefe in ihren Briefkästen, in denen auf das düstere Vorleben des Lindauer Kardiologen – und seine Verwicklung in den Tod von Kalinka Bamberski – hingewiesen wurde. Die tz fand einen Mann, der den Arzt über Jahre für Kalinkas Vater beschattete – und ihm bei den Vorbereitungen der Entführung half: Olivier K. (52), Kaufmann aus Paris.

Er berichtet: „Herr Bamberski wollte Informationen, um seinen Plan zu verwirklichen. Ich berichtete ihm, dass K. sehr zurückgezogen lebt, das Haus nur einmal in der Woche verlässt. Als wir erfuhren, dass Dr. K. Ende Oktober ausziehen will, musste alles sehr schnell gehen. Herr Bamberski hat das alles sehr methodisch geplant. Gleichzeitig hat er K. immer wieder angerufen, um ihn wissen zu lassen, dass er ihm auf den Fersen ist. Dr. K., der sehr gut Französisch spricht, verhöhnte Bamberski dann noch: Mit ‚Bonjour tristesse‘ (Guten Tag, Traurigkeit) begrüßte er ihn am Telefon.“

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