München - Die Zuhörer und Zuschauer trauten ihren Ohren nicht: Da erklingt plötzlich „Deutschland, Deutschland über alles“ im Radio und live auf einer Bühne im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks.

© dpa
Drogenbenebelter, dauerbesoffener Skandalrocker: Pete Doherty.
Ich bin kein Dummkopf“, schimpft Rockstar Pete Doherty mit dem Publikum. Doch zuvor hatte er das Gegenteil bewiesen. Es sollte der große Überraschungsauftritt werden: Der Bayerische Rundfunk veranstaltete am Samstag das Musik-Festival seines Jugendsenders on3 im Funkhaus an der Arnulfstraße. Den Verantwortlichen war ein Coup gelungen: Rockstar Pete Doherty hatte zugesagt.
Doch der Stargast sorgte nicht für Stimmung – sondern für einen Skandal! Um 23.40 Uhr betritt der 30-jährige Brite die Bühne – der Spontanauftritt wird auch live im Radio übertragen. Auf der Gitarre schrammelt der betrunkene Doherty den Ray-Charles-Klassiker Hit the Road, Jack in gegrölter Drogen-Version. Dann plärrt er plötzlich „Deutschland, Deutschland über alles …“ Das Publikum traut seinen Ohren kaum. Wieder stimmt er die Zeile an. Und noch einmal. Keiner der Verantwortlichen dreht ihm den Saft ab, keiner redet im Radio dazwischen.
Noch mal grölt er „Deutschland, Deutschland …“ Diese erste Strophe des Deutschlandliedes war unter Hitler zur Nationalhymne gemacht worden. Diese Nazi-Hymne erklingt im Bayerischen Rundfunk! Die vielen hundert Zuschauer im Funkhaus können es kaum fassen – die Stimmung kippt in Entsetzen. Sie buhen und pfeifen Doherty aus, Mittelfinger gehen in die Höhe. Auch beim BR wächst das Unbehagen. In der Radio-Übertragung sprechen die beiden Moderatoren bereits von einem „Rock’n’Roll-Skandal“. Noch in der Nacht stellt der Sender eine Erklärung auf seine Internetseite: Nach „kurzer interner Beratung“ hätten sich die Verantwortlichen entschlossen, „Pete Dohertys Auftritt am ersten Moment, an dem es möglich war, ohne das zu diesem Zeitpunkt bereits aufgebrachte und in seiner Reaktion extrem gespaltene Publikum weiter aufzuregen, abzubrechen“.
Der Fall beschäftigt auch noch die Staatsanwaltschaft. Oberstaatsanwältin Barbara Stockinger: „Wir gehen derzeit nicht von einer strafbaren Handlungen aus, prüfen den Fall aber genau.“
Den Typen kennen alle, die Musik kaum einer: Pete Doherty (30) ist der einzige Rockstar, der nie einen Nummer-Eins-Hit hatte. Berühmt wurde der Brite vor allem wegen seiner Affäre mit Supermodel Kate Moss (35). Die beiden verband ihre Vorliebe für harte Drogen, dazu Skandal-Auftritte und Entzugskliniken. Vor zwei Jahren warf Moss ihn raus. Angefangen hat Doherty als Wunderknabe des Britrock: Kritiker bejubelten die ersten Platten seiner Ex-Band The Libertines, die ihn bald wegen der Drogen rausschmiss. Doherty gründete die Babyshambles, mit denen er gerade mal zweieinhalb Platten zustande brachte. Im März dieses Jahres veröffentlichte der Sänger sein Soloalbum Grace/Wastelands.
Das Lied wurde 1841 von Heinrich Hoffmann von Fallersleben gedichtet. In der Weimarer Republik wurde es Nationalhymne, unter den Nazis nur noch die erste Strophe gesungen, auf die das Horst-Wessel-Lied folgte. Die erste Strophe („Deutschland, Deutschland über alles“) wurde unter Hitler missbraucht. Fallersleben drückte eigentlich die Sehnsucht nach einem vereinigten Vaterland aus. Und die Verse „Von der Maas bis an die Memel / Von der Etsch bis an den Belt“ sind keine Staatsgrenzen, sondern Sprachgrenzen: Belt und Memel waren die Eckpunkte, in denen Deutsch gesprochen wurde.
Es geht auch ohne Skandal oder Drogenprobleme: Den Zuhörern servierte das wie immer ausverkaufte on3-Festival beste Musikunterhaltung. Von Rock und Pop über Electro bis hin zu HipHop: In den drei holzgetäfelten Studios im BR-Funkhaus war in den über sechs Stunden Musik pur am Samstag alles dabei.
Den Anfang machten Kleinmeister, ein Trio aus Rosenheim. Nicht der letzte Act aus Bayern: Freestyle Hip-Hop war bei Creme Fresh aus München angesagt, die Fans wippten mit.
Aber das Festival wartete wie jedes Jahr auch mit zahlreichen internationalen Künstlern auf: Aus der Musik-Metropole Toronto kamen Spiral Beach in die Studios, die normal für das BR-Rundfunkorchester reserviert sind. Großartig: Songwriter Chris Garneau aus New York, der mit seiner Wahnsinns-Stimme den Saal zum Schweigen brachte. Krachig ging’s danach bei den Royal Bangs aus Knoxville zu, bevor Ebony Bones! aus London den Schlusspunkt setzte.
Das on3-Festival: Ein Event für Neuentdeckungen bis hin zu Bands mit gewachsener Fan-Basis. Kein Abende für extrovertierte Stars – man frage nach bei Pete Doherty …
T. Altschäffl, A. Wille



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