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Uraufführung von „Alkaid“ mit Erwin Pelzig im Residenztheater

„Alkaid“ mit Erwin Pelzig im Residenztheater

226.04.10|Kultur|Kultur|
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Artikel: „Alkaid“ mit Erwin Pelzig im Residenztheater

München - Mitreißende Komödie ohne großen Tiefgang: Uraufführung von „Alkaid“ mit Erwin Pelzig im Residenztheater.

© dpa

Mitreißende Komödie ohne großen Tiefgang: Uraufführung von „Alkaid“ mit Erwin Pelzig im Residenztheater

Ein Zeichen des Himmels wünscht sich Erwin Pelzig, auf dem Dach stehend und ins Teleskop starrend, „nur ein ganz kleines Zeichen, dann wüsste man, man ist nicht allein“. Doch als ganz am Ende ein paar Sternschnuppen übers Firmament zischen, schaut er gerade in die andere Richtung. Er hat’s nicht gesehen, dabei hat er doch so gut aufgepasst. Aber – handelt es sich hier überhaupt um ein Zeichen von Bedeutung? Das Streben nach Erkenntnis(-sen) steht über diesem an schönen Bildern und Sätzen reichen Abend wie der Sternenhimmel über der Szenerie auf der Bühne des Münchner Residenztheaters.

Die Kamera, die Wanze, der Monitor, die Bänder – sie sind die wichtigsten Requisiten in einem Stück über totale Kontrolle und den Wert von Informationen. Ein Stück über Privatsphäre und den gläsernen Menschen, das Frank-Markus Barwasser seiner Kunstfigur Erwin Pelzig auf den Leib geschrieben hat. Am Samstag erlebte „Alkaid – Pelzig hat den Staat im Bett“ in der Regie von Josef Rödl seine Uraufführung. Ein hochaktuelles Sujet im Zeitalter des Kampfes der Staaten gegen den internationalen Terrorismus und des Disputs um die Legitimität der konsequenten Datenspeicherung. Autor Barwasser, dessen kabarettistischer Hintergrund, dessen Sinn für Aphorismen und Pointen die Dialoge prägt, verlegt das Politische ins Private, in eine gemäßigt spießig eingerichtete Wohnwabe. Links ist die Stube, rechts das Schlafzimmer, in diesen beiden Räumen (und von Zeit zu Zeit oben, unter freiem Himmel) spielt sich die Geschichte ab.

In diese (etwas zu) demonstrativ kleinkarierte Welt des braven, aber nicht passiven Bürgers mit fränkischem Zungenschlag, mit „Hütli“ und „Däschli“, bricht der Staat herein. Ein zweiköpfiger Stoßtrupp, bestehend aus Chefin und Untergebenem, die den Auftrag haben, von hier aus den Nachbarn mit dem arabischen Namen zu observieren. Doch von diesem Duo (Decknamen: „Wintersprosse“ und „Hasenhirn“) geht keine Gefahr aus, das wird schnell klar. Dirk Ranninger (ver-)schläft seinen Job im Bett seines unfreiwilligen Gastgebers und gerät in eine Krise, als er plötzlich seine eigene untreue Ehefrau auf dem Bildschirm hat. Seine Vorgesetzte Dr. Irene Winter muss sich immer wieder um ihre alte Mutter kümmern, die partout nicht im Heim zu halten ist. Als sich eine andere Nachbarin Pelzigs, die alleinerziehende Anne, in den Chaoten in seinem Schlafzimmer verschaut, nimmt die Groteske ihren Lauf. Regisseur Rödl nutzt die Beziehungsstrukturen für ein dynamisches, mitreißendes „Tür-auf-Tür-zu“-Spektakel, das nur zum Schluss ins allzu Boulevardeske zu kippen droht.

Wie geschaffen ist dieser Stoff für das Spiel mit dem Lauscher an der Wand (und am Handy), der Verschleierung von Identitäten und Zielen. Das funktioniert, weil Barwassers erfreulich ensemblefähiger Pelzig hier nicht der unbewegte Beweger ist, der verschmitzt Kluge auf der Kleinkunstbühne, sondern „nur“ Teil des Ganzen, unvollkommen wie jeder seiner Mitakteure. Auch er, der anfangs so skeptische Normalbürger, verfällt irgendwann dem Reiz des Voyeurismus, genüsslich hält er das elektronische Ohr in alle Richtungen. Laienschnüffler hört mit! Und genau das ist vielleicht das Problem von „Alkaid“. Der große Bruder ist hier ein zahnloser Tiger, der Apparat, so zeigt sich im Finale, ist vor allem mit sich selbst beschäftigt, die Überwacher sind die Überwachten. Obendrein sind die Protagonisten des Kampfs der Geheimdienste doch eher Typen als echte Charaktere, und die Schauspieler tun nicht viel, ihnen ein bisschen Tiefe zu verleihen. Barbara Melzl im hellgrauen Kostüm überdreht ihre Frau Dr. Winter zur Parodie.

Eine hysterische Zicke, deren „Wenn wir etwas finden wollen, dann finden wir auch was!“ nur niedlich wirkt. Ein Geheimnis, das im Publikum die Paranoia keimen lässt, kann auch Gerd Anthoff seiner „Zielperson“ Dr. Youssef Sami nicht verleihen. Keine Sphinx – ein Beamter! Aus Fleisch und Blut scheinen nur die flatterhaft-schwärmerische Anna Lisa Wagners und Felix Rechs skrupulöser, dem Job mehr und mehr entfremdeter Befehlsempfänger Ranninger zu sein. Und die anarchische Alte der wunderbaren Heide von Strombeck, die in nur wenigen Sätzen das Elend in den Heimen auf den Punkt bringt. Hier ist das Leben ohne Privatheit (schon) Realität. „Alkaid – Pelzig hat den Staat im Bett“ ist eine gut funktionierende, gescheite Komödie über Schein und Sein, über Vertrauen und Verdacht, doch tiefere Blicke in den Abgrund bleibt der Autor schuldig. Lebhafter Beifall.

Nächste Vorstellungen: 30.4. sowie 9., 15., 24.5. Telefon 089/ 2185-1940.

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