München - Große Retrospektive: Die Hypo-Kunsthalle zeigt „Georgia O’Keeffe – Leben und Werk“.

Georgia O’Keeffe, 1928 von Alfred Stieglitz gesehen.
Georgia O’Keeffes Kopf ist Teil einer Reihe von: ausgebleichten Tierschädeln, einer Schale mit Knoblauchknollen, ausgewaschenen Holzstrünken und schön verzierten Textilien aus New Mexico. Was die Fotografie hier sozusagen schmunzelnd konstatiert, stimmt. Die US-amerikanische Künstlerin (1887 bis 1986) ist die amerikanische Künstlerin. Denn sie gehörte zu der Gruppe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die heimische Kunst von der europäischen emanzipierte, und sie speziell wertete den Westen der USA malerisch auf. Außerdem, und das ist wichtig, verband sie in ihrem Schaffen Nord- und Südamerika. Ja, die sinnlichen, magischen, farbfuriosen Werk-Ebenen muten ausgesprochen südamerikanisch an.
Dieser erstaunlichen Künstlerin widmet jetzt die Hypo-Kunsthalle in München eine Retrospektive – die erste große in Deutschland. Dazu hat man sich mit dem Georgia O’Keeffe Museum in Santa Fe und mit der Expertin Barbara Buhler Lynes zusammengetan. Die Schau, die die in den USA enorm bekannte Malerin in Europa präsenter machen soll, war bereits in Rom und geht von München aus nach Helsinki. Alle Schaffensphasen werden vorgestellt, darüber hinaus Skulpturen, Filme und Fotos, insbesondere von Alfred Stieglitz (1864 bis 1946), dem berühmten Fotografen. Er erkannte sofort ihr Potenzial, förderte sie – und später wurden sie ein Paar. O’Keeffe, in Sun Prairie (Wisconsin) geboren, hatte in Chicago und New York Kunst studiert, war ab 1915 Lehrerin. 1916 nahm sie an einer Gruppenausstellung in Stieglitz’ Galerie 219 teil, ein Jahr später folgte die erste Einzelausstellung der jungen Frau.
Auffallend ist immer wieder ihre Sinnenlust. Ihre Blumen sind keine Vanitas-Symbole der Hinfälligkeit allen Seins, sondern Trophäen der Lust, wirken selbst überhaupt nicht zart, sind im Gegenteil fleischlich wie pralle Akte. Und manchmal werden einem diese merkwürdigen Lebewesen beinahe unheimlich in ihrer Potenz und Präsenz. Die Gefahren zitiert die Künstlerin eher durch die Tierschädel aus der Wüste oder die von Erosion zerklüfteten Canyons: Berge, deren rotes Gestein wie Fleisch aufgerissen ist. Die Landschaft in New Mexico bot ihr immer neue Anregungen. Schön, dass die Präsentation das nach München holt: mit Blicken in ihr Atelierhaus auf der Ghost Ranch samt Malutensilien sowie ihren Sammlungen von Steinen und Fotos und mit Blicken ins Land.
Diese Natur mit ihrem gleißenden Licht, scharfen Schatten und den spanisch geprägten Häusern kann sich bei Georgia O’Keeffe genauso in geometrische Ruhe, in Verharren, optische Lautlosigkeit – wie bei den „Patio“-Arbeiten – verwandeln. So etwas kann sich sogar zu reiner Abstraktion entwickeln: „Meine letzte Tür“ ist so ein wunderbares Beispiel; nur in Weiß, Grau und Schwarz, aber frohgemut schwebend, trotz des entschlossenen schwarzen Akzents.
Simone Dattenberger
Bis 13. Mai,
Tel. 089/ 22 44 12; Katalog, Hirmer Verlag: 25 Euro.



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