Bassbariton Ildebrando D’Arcangelo spricht im Interview mit Merkur-Kulturredaktuer Markus Thiel über Händel, Vermarktungsstrategien und seine Anfänge.

© Deutsche Grammophon
Ildebrando D’Arcangelo wurde als Mozart-Sänger bekannt und erobert jetzt neues Terrain.
„Don Giovanni!“ Schon klar. Welch überflüssige Frage an einen Italiener, ob ihm der Leporello oder die Titelpartie der Mozart-Oper näher ist. „Auch wenn man mir immer sagt: Du bist so toll als Leporello. Ich sage dann: Aber ich fühle doch wie der andere!“ Hilft alles nichts, Ildebrando D’Arcangelo, Bassbariton aus Pescara, wird vornehmlich als Diener seines Herrn besetzt. Überhaupt gern für Mozart, der seiner Stimme gut steht, dem Stimmbesitzer aber auch schon mal die Sorgenfalten auf die Stirn treibt.
„Alle Welt glaubt nun, ich sei ein Mozart-Sänger. Es ist nicht einfach auf dem Markt.“ Doch der 40-Jährige hat Gegenmaßnahmen ergriffen. Eine Solo-CD mit Händel-Arien. Ausgerechnet Händel, bei dem der Barockfan zunächst an Countertenöre, wahlweise an Mezzos denkt. Aber an Bässe?
Ob Mozart, Verdi oder Belcanto: In der Opernszene ist Ildebrando D’Arcangelo eine feste Größe. Wenn ihm das als Kind prophezeit worden wäre, hätte er wohl schallend gelacht. „Als ich sechs oder sieben war, hat mich mein Papa dazu gebracht, eine Oper im Fernsehen anzuschauen. Ich fand’s so langweilig, dass ich mir geschworen habe: Sänger? Nie!“ Im Chor wurde seine Stimme schließlich entdeckt, und der anfangs ungläubige Italiener ließ sich ausbilden. Härteste Kritikerin blieb die Mama. „Sie ist keine Musikerin. Aber sie merkt sofort, wenn irgendwas nicht stimmt“, grinst D’Arcangelo. „Du musst mehr in der Maske singen! So etwas bekomme ich dann zu hören.“
Auch wenn er die Sache herunterspielt: Die aktuelle CD ist als entscheidender Karriereschritt inszeniert. Vielleicht nicht von D’Arcangelo selbst, wohl aber von seiner Plattenfirma, die zu ihren Stars Anna Netrebko (Sopran), Elina Garanca (Mezzo) und Jonas Kaufmann (Tenor) offenbar eine Bass-Ergänzung brauchte, die zwei heute entscheidende Voraussetzungen erfüllt: attraktives Aussehen plus attraktive Stimme.
Freundlich, fast scheu findet er sich im Salzburger Café zum Interview ein, schwärmt von dieser Stadt, in der er so große Erfolge feierte, erzählt auch begeistert von Riccardo Muti, mit dem hier „noch ein paar Projekte“ zu besprechen seien. Vor allem aber: D’Arcangelo spricht zurückhaltend, eher leise, jedenfalls nicht mit jener dröhnenden Sprechstimme, wie man sie gerade von Bassisten so kennt.
„Ist doch alles Imponiergehabe“, sagt er. „Als ich früher einmal ein Vorsingen hatte, waren um mich herum lauter junge Kollegen, die mit so einem Opernpathos sprachen.“ D’Arcangelo schaltet um, deklamiert laut, was ihm Blicke von den Nachbartischen einbringt. „Und als sie sangen, waren das auf einmal lauter helle, leichte Baritöne. Lächerlich.“
Dass er durch irgendwelche PR-Kampagnen in falsche Richtungen getrieben wird, ist bei Ildebrando D’Arcangelo ohnehin nicht zu befürchten. Der Terminkalender ist voll, nach zwei Jahren gestattet er sich jetzt erstmals vier Wochen Urlaub. „Natürlichkeit“ und „seine Grenzen kennen“ sind Worte, die im Gespräch häufig fallen. Ein selbstbewusster, reflektierender Sänger, der seine Zukunft abgesteckt hat. „Ich weiß, was ich singen will. Ich habe mir meine Partien vorgenommen, lasse aber meine Stimme erst dafür reifen.“
Und ob er, der Bassbariton, nicht manchmal doch auf die tenoralen Lover neidisch ist? D’Arcangelo verneint, dazu sind ihm die vielschichtigen, oft zwielichtigen Partien seines Fachs zu sehr ans Herz gewachsen. Allerdings: Im CD-Regal in Pescara finden sich mehr Tenor- als Bass-Aufnahmen. „Corelli kann ich dauernd hören, manchmal bringt mich nur eine einzige Phrase von ihm zum Weinen. Und wenn das ein Sänger schafft, hat er seine Aufgabe erfüllt.“
Von Markus Thiel



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