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„Ein schöner Sonderfall“

„Ein schöner Sonderfall“

Mit Verdis „Falstaff“ vollendet Brigitte Fassbaender den großen Shakespeare-Zyklus an ihrem Tiroler Landestheater. Zugleich ist dies ihre vorletzte Innsbrucker Regie-Tat. Premiere ist an diesem Sonntag.

Nach 13 Jahren verlässt Brigitte Fassbaender am Ende der Saison das Haus. Chefin will die Opernlegende dann nicht mehr sein, dafür weiter inszenieren - unter anderem in der kommenden Spielzeit fürs Münchner Gärtnerplatztheater.

- „Alles ist Spaß auf Erden“, singt Falstaff am Ende. Denken Sie ähnlich?

Ach ja, auch Günther Rennert hat in München mit diesem Stück aufgehört, damals habe ich extra die Quickly für ihn gelernt. Ich bin eine begeisterte Falstaffianerin. Ein Geniestreich des 80-jährigen Verdi, von enormer Frische! Keine Note zu viel oder zu wenig.

- Ist Ihnen Falstaff sympathisch?

Sehr. Ich finde ihn ungeheuer klug, souverän und witzig. Natürlich ist er ein frecher Macho, aber er weiß sich auch zu benehmen.

-Der kann also in jedem Zeitalter auftauchen.

Genau. Wir haben das Stück in die Nachkriegszeit verlegt. Es spielt im Garrick Club im Londoner Westend. Dort hängen ja die Bilder aller großen Shakespeare-Darsteller, und die versammeln sich bei uns alle noch mal auf der Bühne.

-Was ist schwerer zu inszenieren: Komödie oder Tragödie?

Beides ist schwer. Komödie erfordert große Präzision und Disziplin. Man muss sie todernst nehmen. Abgesehen davon ist „Falstaff“ ja kein Schenkelklopfer, sondern ein Schmunzelstück. Als Sängerin hatte ich Komödie und Tragödie gleich gern, auch wenn es in meinem Fach wenig Komisches gab. Der Mezzosopran ist ja belegt mit der Melancholie. Je jünger man ist, desto tragischer will man sein. Komik wächst einem im reiferen Alter zu. Wenn ich allein beobachte, welches Lied-Repertoire sich die jungen Leute heraussuchen - das kann gar nicht schwermütig genug sein.

-Stecken Sie noch voll in der Arbeit drin - oder kommt schon die Wehmut des Loslassens auf?

Es gibt schon manch kleinen Trennungsschmerz. So eine Auslaufzeit ist nicht unbedingt schön, wenn der Nachfolger ante portas ist - obwohl alles sehr freundlich und verbindlich über die Bühne geht.

-13 Jahre Chefin: War das Ihre Lebensplanung?

Neee. Das hat sich so ergeben. Und jetzt ist auch genug. Jetzt würde man anfangen, sich zu wiederholen. Jetzt hat man seine Kreise ausgeschritten. Ich kann nur mit Dankbarkeit auf die Jahre zurückblicken, in denen die Akzeptanz in hohem Maße gestiegen ist. Es steht ja sehr oft „Ausverkauft“ vorne dran. Ich finde: Man muss fürs Publikum spielen, ohne ihm nachzurennen.

-Hatten Sie’s nicht ohnehin leichter, weil Ihr großer Name zog?

Am Anfang gar nicht. Ich habe mein Publikum hier oft überfordert. Das war eine richtige Aufbauarbeit. Obwohl, und das meine ich jetzt ohne alle Eitelkeit, die Menschen hier bestimmt auch stolz darauf waren, dass sie da eine aus der großen weiten Opernwelt bekommen haben. Ich habe meinerseits nie gedacht: Du bist jetzt in der Provinz gelandet. Wo meine Arbeit geschätzt wird, da fühle ich mich wohl. Man kann überall gutes Theater machen.

-Wo mussten Sie am meisten dazulernen?

Mich hautnah mit dem Publikum zu konfrontieren und für die Menschen präsent zu sein. Als relativ scheuer Mensch ist man da schon gefordert. Außerdem: Als Intendantin für alles den Kopf hinhalten, auch wenn ich nicht schuld war, das musste ich erst lernen. Ich habe mich hier rar gemacht. Ich war nicht auf jeder Vernissage. Ich habe halt viel gearbeitet. Ich war im Hause, habe aufgepasst, ohne zu überwachen. Und ich habe darauf geachtet, dass keine Schlamperei passiert und mein Ensemble schön singt. Und was ich anfangs vielleicht nicht richtig gesehen habe: Ich habe manche Regisseure geholt, die eher fürs Feuilleton inszenieren. Diese Skandale hängen mir heute noch nach - auch wenn ich das albern finde. Andererseits enttäuscht es mich, wenn das Allerkonventionellste bestens ankommt.

-Sie haben Ihr Ensemble entwickelt. Stirbt eine solche Sängerpflege aus?

Ja. Wenn ich höre, was manche Sänger an Kommentaren aus anderen Vorsingen mitbringen, dann fasst man sich an den Kopf über so viel dummes Zeug. Da sind Leute am Werk, die keine Ahnung haben. Eine gefährliche Entwicklung. Und jetzt kommen auch noch aus Italien dritt- und viertklassige Leute herübergeschwemmt, die dort keine Arbeit finden. Man kann heute jede italienische Oper mit ein paar Brüllaffen bestücken - und das reicht den Verantwortlichen schon. Es ist momentan schwierig, Sänger zu motivieren, auf Vokalkultur oder Stilistik zu achten.

-Hätten Sie sich überhaupt vorstellen können, dass es für Sie zu einer Zweitkarriere kommt?

Das hatte ich nie in der Lebensplanung. Für dieses Glück bin ich sehr dankbar. Ein schöner Sonderfall. Ich empfinde das im Nachhinein als logische Fortsetzung des Sängerlebens.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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