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Der Ermöglicher

Alles zum Wohle Bayreuths: Ex-Dauer-Festspielchef Wolfgang Wagner wird am Sonntag 90 Jahre alt.

© dpa

Wolfgang Wagner

Natürlich fehlt er. Nicht nur bei der Festspiel-Eröffnung. Alljährlich stand er da unterm Portal, grüßte winkend in die Menge, ließ sich bejubeln. Aber auch sonst konnte es dem verdutzten Hügel-Gänger passieren, dass plötzlich vor ihm ein gedrungener Mann mit schlohweißem Haar quasi aus dem Gebüsch auftauchte und von der heimischen Villa eilig dem Festspielhaus zustrebte.

Wie es Wolfgang Wagner geht, der am 30. August seinen 90. Geburtstag feiert, darüber gibt es allenfalls Andeutungen. Immerhin: In einer „Meistersinger“-Probe hat er sich wohl blicken lassen. Bei einer Inszenierung seiner Tochter Katharina also, mit der er inhaltlich nur bedingt einverstanden sein dürfte, für die er aber in Bayreuth alle Wege bereitet hatte. Und das nicht nur, weil Wolfgang Wagner die dynastische Nachfolge geregelt haben wollte, sondern weil das immer sein Prinzip war: Ermöglichen zum Wohle Bayreuths, auch wenn’s der eigenen Ästhetik widerstrebte.

Bis 2008 war Wolfgang Wagner so etwas wie der ewige Intendant. Ein Prinzipal, der seinen Großvater Richard locker überflügelte. Nicht nur, weil er insgesamt 57 Jahre an der Spitze der Bayreuther Festspiele stand (der Opa brachte es nur auf die Spielzeiten 1876 und 1882). Sondern auch, weil Wolfgang im Gegensatz zu Richard Wagner klug und vorausschauend wirtschaften konnte. Die Festspiele schafften, anfangs maßgeblich mitgesteuert von Wolfgangs Bruder Wieland, nicht nur den ästhetischen Aufbruch in eine neue Zeit, sondern blieben auch finanziell fit für den Sprung ins 21. Jahrhundert.

„Sobald es ums Geld geht, kommt an mir keiner vorbei“, hat er einmal im Interview mit unserer Zeitung gesagt. Eine Art Leitsatz. Und sein zweites Credo: „Ich rechne mit gar nix oder mit allem. Ich kann mich doch nicht nach einer eventuellen Resonanz richten!“ Bei alledem blieb Wolfgang Wagner der für seine Umgebung manchmal auch lästige Kontrollator. Kein Schraubenkauf, kein Nebenrollen-Vorsingen, das an ihm vorbei passieren durfte. Oft schien es, als seien mehrere Wolfgang-Klone in den Gängen des Festspielhauses unterwegs, so präsent war der Chef. Und deshalb so beliebt bei den Künstlern, die jedes Jahr gleichsam „heimkehrten“ nach Oberfranken.

Dass Wolfgang Wagner Regisseure wie Götz Friedrich, Patrice Chéreau, Heiner Müller oder Christoph Schlingensief holte, ist vielleicht seine größte Leistung. Weil gerade im Falle von Friedrich und Chéreau Kämpfe zu bestehen waren, die die Bayreuth-Gemeinde tief spalteten und die Festspiele zugleich an die Spitze der Regie-Entwicklung katapultierten. Entsetzte Wagnerianer durften sich an den braven, rückwärtsgewandten Inszenierungen des Festspielleiters wärmen – ein Schelm, wer angesichts solcher Ästhetik nicht auch geschäftliche Überlegungen des Chefs vermutet.

Wolfgang Wagner führte Bayreuth wie eine Familie, deren alleiniges Oberhaupt er im Jahre 1966 wurde, als sein Bruder Wieland überraschend starb. Schon immer galt er als der Praktiker, während Wieland als revolutionärer Künstler wahrgenommen wurde. Die Festspielleitung fiel beiden in den Schoß, als Mutter Winifred nach dem Zweiten Weltkrieg zur braunen Belastung wurde. Schon bald nach Wielands Tod wurde Wolfgang ein echter Nachkomme seiner Großmutter Cosima, die das dynastische Prinzip in Bayreuth mit allen Mitteln durchsetzte – und damit rücksichtsloser vorging als seinerzeit Gatte Richard. Was beinhaltete: Aufmüpfige Verwandte wurden bekämpft, sogar aus dem Hügel-Paradies vertrieben. Der Wieland-Stamm, allen voran Nike Wagner, bekam das zu spüren. Aber auch Gottfried und Eva, die Kinder aus erster Ehe, die unter Mithilfe von Wolfgangs zweiter Frau Gudrun verstoßen wurden.

Doch als Wolfgang Wagner seine Nachfolge bestellen wollte, hatte er erstmals mit Rückschlägen zu kämpfen. Der Bayreuther Stiftungsrat akzeptierte seinen Vorschlag Gudrun nicht, der damalige bayerische Kunstminister Hans Zehetmair forderte sogar, allerdings vergeblich, den Chef zum Rücktritt auf. So makaber es ist: Erst als Gudrun starb, als die Familienmauer zwischen den Halbschwestern Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier eingerissen war, gab der hochbetagte Wolfgang Wagner nach. Zum 31. August 2008 trat er zurück. Es war dies einer seiner typischen, vorausschauenden Entschlüsse – zum Wohle der Festspiele und zum Wohle der Familie.

Markus Thiel

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