München - Hausherr Christian Stückl inszenierte am Münchner Volkstheater Shakespeares Tragödie mit Friedrich Mücke. Lesen Sie hier die Premierenkritik.

© Arno Declair
Hamlet durchpflügt die Erde auf der Bühne des Münchner Volkstheaters. Szene mit Friedrich Mücke.
Er ist aber auch ein Hansdampf auf vielen Theaterbühnen. Aktuell probt Christian Stückl in Oberammergau die Passion, die nur alle zehn Jahre aufgeführt wird und am 15. Mai Premiere feiert. Er muss zudem sein Münchner Volkstheater an der Brienner Straße leiten und hat dort nun Shakespeares „Hamlet“ neu inszeniert. Es ist ein Abend, dem der volle Terminkalender seines Regisseurs anzumerken ist.
Denn vieles in diesen drei Stunden wirkt beliebig, mehr auf Effekt gespielt als tatsächlich erarbeitet und durchdacht. „Hamlet“ im Hauruck-Verfahren – und, als hätte Stückl es bemerkt und wollte gegensteuern – zugleich erdverbunden. Alu Walter hat ihm eine Bühne aus Rasen, Wasserbassins und Terrassenpodesten gebaut: Es sieht zwar aus wie am Starnberger See, ist aber Helsingör. Hier trifft sich der Hofstaat Dänemarks, Yachtclub-Yuppies in Wildlederslippern und Poloshirts: geldig, dumm, dreist. Blau und Weiß sind ihre Farben. Einzig Hamlet – Überraschung! – trägt schwarzes Hemd und schwarzen Schlips zu schwarzem Anzug (Kostüme: Uta Gruber-Ballehr). So weit, so erwartbar.
Das gilt auch für die Ausgestaltung des Polonius, dieses überkorrekten Staatsbeamten, der schon bei Shakespeare ein schleimender Spießer, der Blockwart des Palastes ist. Doch Eckhard Preuß macht die Figur, die mitunter auch ernste Sorgen umtreiben, zu einer entseelten Karikatur, steif, tuntig, aalig bis in die Kuppen seiner abgespreizten kleinen Finger: ein Geheimnis, wie diese Knallcharge zwei Kinder gezeugt haben soll. Natürlich lacht das Premierenpublikum über diesen Kapaun. Doch Preuß bleibt nur an der Oberfläche seiner Figur.
Wirklich berühren können in dieser Inszenierung jedoch nur Barbara Romaner und Robin Sondermann. Romaners Ophelia ist ein keckes, lebenslustiges Ding, schnippisch den Vater nachäffend, neugierig aufs Leben. Hamlets Demütigungen treffen sie, der Tod ihres Vaters treibt sie schließlich in Wahnsinn und Selbstmord. Romaner spielt das ehrlich und mit jener Empathie für ihre Figur, die man anderen Akteuren gewünscht hätte.
Auch Sondermann nimmt seinen Horatio wohltuend ernst. Bedingt durch die Strichfassung hat es diese Figur hier nicht leicht, wird sie doch aus der Rolle des verlässlichen Hamlet-Freunds gelöst und von Claudius am Hofe eingespannt. Doch Horatio wankt nie. Am Ende, wenn Hamlet und Laertes sich duellieren, steht Sondermann am linken Bühnenrand im Halbdunkel, abgewandt von der Szene, und durchleidet doch den Kampf. Während der erste Teil des Abends – bei aller Kritik an Oberflächlichkeiten – durchaus unterhaltend ist, fällt der zweite deutlich ab. Wüst dahingeschludert wirkt er stellenweise gar, als müsse die Regie das Stück irgendwie zum Ende bringen. In „Hamlet“ steckt aber mehr.
Michael Schleicher
Nächste Vorstellungen am 3., 4., 12., 13., 23., 25. 12.; Telefon 089/ 523 46 55



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