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Staatsballett: Uraufführung von „Das Mädchen und der Messerwerfer" von Sandroni

Sandroni: „Ich spiele mit dem Element Gefahr“

München - Choreograph Simone Sandroni erzählt im Interview mit dem Münchner Merkur von seiner Gestaltung der Gedichte über „Das Mädchen und der Messerwerfer“. Das Tanzstück feiert beim Staatsballett seine Uraufführung.

© Charles Tandy

„Das Mädchen und der Messerwerfer“: Das Tanzstück von Simone Sandroni nach dem gleichnamigen Gedichtzyklus von Wolf Wondratschek wird am kommenden Montag im Prinzregententheater uraufgeführt

„Very British!“ begann die Staatsballett-Spielzeit im Dezember mit Balletten von Frederick Ashton und Kenneth MacMillan. Mit neuen Varianten von „Britishness“ geht es weiter in der zweiten Premiere am Montag im Münchner Prinzregententheater: mit MacMillans „Las Hermanas“ (1963) nach García Lorcas „Bernarda Albas Haus“. Und „Broken Fall“ und „Afterlight“ (2003 und 2009) des zeitgenössischen Choreographen Russell Maliphant. Dazu Simone Sandronis „Das Mädchen und der Messerwerfer“ nach dem Gedichtzyklus (1997) von Wolf Wondratschek. Diese Uraufführung zur Auftragsmusik der Münchner Gruppe 48Nord könnte einen interessanten Kontrapunkt setzen. Wir sprachen mit dem Choreographen.

Wolf Wondratschek selbst hatte seit Jahren den Wunsch, diesen Zyklus als Ballett realisiert zu sehen. Hat er sich am Entstehungsprozess beteiligt?

Nicht aktiv, nicht mit Vorschlägen. Bei der ersten Probe schien er nur genau hinzuschauen, ob bei meiner Besetzung jeweils Typ und Körperlichkeit der Tänzer seinen Vorstellungen entsprachen. Und er hat mir den Zirkus beschrieben, der ihn zu diesem Zyklus angeregt hatte, was wiederum mich sehr inspirierte... Für mich ist diese Arbeit eine ganz neue Erfahrung. Ich schreibe ja sonst meine Tanzstücke selbst.

Es sind 35 Gedichte über existenzielle Befindlichkeiten, über Natur, über Stimmungen und die Andeutung einer Geschichte: Der Messerwerfer, ein rauer Kerl und Trinker, lässt den Wanderzirkus und seine beiden Frauen hinter sich und zieht mit dem „Mädchen“, das vielleicht seine Tochter ist, allein durch die Lande. Wie setzen Sie das um?

Ich versuche, Situationen zu schaffen, um die Beziehungen, die Konflikte zwischen den Personen zu zeigen. Aber ich erzähle nicht wirklich. Es ist ja ein sehr unkonventioneller Text. Ich denke, es gibt im Leben sehr vieles außerhalb der Konventionen. Aber die Gesellschaft möchte immer alles in eine bekannte Struktur einordnen. Wir merken gar nicht, dass das Unkonventionelle oft direkt vor unserer Haustür ist. Genau darüber hat Wolf Wondratschek geschrieben: Da ist eine Art von Familie und doch keine. Sie leben in einer Art von Symbiose, aber handeln doch unabhängig voneinander. Es gibt Beziehungen zwischen ihnen, aber vielleicht äußern sie sie nicht oder sie sind ihnen egal. Und das wollen wir im Tanz zeigen.

Erkennt man die Figuren auf der Bühne?

Der Messerwerfer, ein sehr physischer Typ, wird schon ein bisschen herausgestellt. Er ist der Mann im Mittelpunkt. Der andere Mann ist mehr der Clown. Ich baue dann die Figuren aus den Tänzern heraus auf. Ich sage zu dem einen Tänzer: Der Messerwerfer ist in dir. Und zu dem anderen: Bring’ den Clown in dir zum Vorschein. Zu der Tänzerin: Sei nicht wie das Mädchen im Text. Sei einsam, fühle dich isoliert von den anderen.

Sausen bei Ihnen Messer, gibt es Jonglage?

Nein, das können Zirkus-Profis besser. Wir hätten das probenmäßig bei nur 30 Tagen auch gar nicht geschafft. Das Staatsballett muss ja ein riesiges Repertoire tanzen. Jeder Tänzer ist immer irgendwo besetzt. Immerhin komme ich mit meinen Proben-Vorgaben besser zurecht als bei „Cambio d’Abito“. Ich spiele schon mit dem Element „Gefahr“, und zwar in riskanten Bewegungen. Wenn zum Beispiel das Mädchen in einem unbeachteten Augenblick fällt und der Messerwerfer sie in letzter Sekunde auffängt.

Hat Ausstatterin Lenka Flory eine Zirkuswelt entworfen?

Ich wollte eine Bühne, die als kreative Herausforderung gezielt die Bewegung der Tänzer behindern würde. Lenka und ich hatten dann die Idee mit dem Kinderspielplatz. Dazu muss man wissen, dass es auf italienischen Spielplätzen keine Kinder gibt. Dort hängen junge Leute herum, Obdachlose, Junkies und Dealer. Es sind Niemandsorte, verlorene Orte. Das passt zu der Atmosphäre bei Wondratschek. Wir haben einen Sandkasten, zwei Schaukeln und zwei hohe Rutschbahnen. Als die Tänzer zu Beginn im Studio ohne diese Objekte geprobt haben, begannen sie wie wild zu rennen, zu drehen, zu fallen – diese neue Generation von Balletttänzern kann wirklich alles machen! Ich musste sie richtig bremsen. Denn danach war ja ihre Aufgabe, mit den Objekt-Behinderungen neue Bewegungslösungen finden.

Lenka Flory, Ex-Tänzerin und selbst Choreographin, ist Ihre Lebens- und künstlerische Partnerin...

Wir haben eine Tochter, die jetzt schon 16 ist. Privat haben wir uns vor einem Jahr getrennt. Aber unsere Compagnie Déjà Donné leiten wir weiterhin gemeinsam und sind auch in vielen Projekten außerhalb Partner. Für meine Operninszenierung letztes Jahr in Prag hat sie die Bühne und Kostüme entworfen. Was meine Arbeit betrifft, da hat sie einen sehr scharfen Blick. Wenn man choreographiert, ist man zwangsläufig mit dem Handwerk beschäftigt, mit der Bewegung, mit der Musik, und verliert dann auch leicht die künstlerische Vision aus dem Auge. „Lass das weg“, sagt sie dann. Oder: „Das ist gut. Das war doch, wo Du hinwolltest.“ Sie ist so auf meine Arbeit eingestimmt, dass sie mich an die große dramaturgische Linie erinnern kann.

Wondratscheks Text ist sehr poetisch.

Ich weiß nicht, ob ich wirklich diese Ebene erreiche. Aber das Zusammentreffen dieses dichterischen Werkes und meiner Choreographie kann ein interessanter Auftakt sein, eine Inspiration für mich und die Tänzer. Mein Ziel wäre, wenn das Stück, in Teilen zumindest, wie improvisiert wirken würde. Realiter ist natürlich alles genau festgelegt. Aber wenn die Zuschauer das Erlebnis hätten, dass das, was auf der Bühne zu sehen ist, einfach so passiert, aus Zufall oder weil ein Tänzer das gerade so will, dann wäre ich glücklich.

Das Gespräch führte Malve Gradinger

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