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Kent Nagano: Wer wird Nachfolger als Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper?

Kent Nagano: Wer wird sein Nachfolger?

München - Wer wird der Nachfolger von Kent Nagano als Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper? Auf vier Kandidaten hat sich die Debatte mittlerweile verengt.

© dpa

Kent Nagano

Die Sache wäre längst vom Tisch – wenn da nicht seine Unterschrift, zumindest sein Ja-Wort fehlen würde. Doch Kirill Petrenko, den schon vor einiger Zeit eine Anfrage aus München erreichte, zögert. Damit ist die Suche nach einem Nachfolger für Kent Nagano, der 2013 die Bayerische Staatsoper verlässt, offenbar zur Hängepartie geworden. Petrenko, Jahrgang 1972 und als Chefdirigent am Theater Meiningen und an der Komischen Oper Berlin zum herausragenden, befeuernden Handwerker gereift, will – noch – seinem Vorsatz treu bleiben: keine Chefposition. Ein Ziel, in dem der Nachdenkliche, so wird erzählt, besonders von seiner Familie bestärkt wird.

Komplizierte Opern-Hackordnung

Automatisch rücken in dieser Situation nun andere Kollegen ins Blickfeld. Seit langem auf dem Radarschirm ist dabei Daniele Gatti. Der 48-jährige Mailänder kann bestens mit Staatsopern-Intendant Nikolaus Bachler, der ihm in der kommenden Saison sogar ein „Chefstück“ anvertraut hat: Beethovens „Fidelio“. Gatti ist überdies nur für kurze Zeit an der Oper Zürich, könnte 2013 direkt nach München wechseln. Sein Repertoire ist relativ breit gefächert, bei den diesjährigen Salzburger Festspielen leitet er die neue „Elektra“. Doch Gattis Münchner „Aida“, sein Bayreuther „Parsifal“ oder seine Mailänder „Lulu“ stießen auch auf äußerst kritische Reaktionen. Ein Opern-Dirigent in der Inspirationsflaute also, dem überdies nachgesagt wird, er schiele ohnehin auf den Scala-Chefposten in seiner Heimatstadt.

Wer sich, anders als der zögerliche Kirill Petrenko, aktuell nach einer repräsentativen Stelle umschaut, ist Daniel Harding. Die Bayerische Staatsoper käme da also gerade recht. Der 34-jährige Engländer hat vor einigen Jahren, als Assistent von Claudio Abbado und Simon Rattle, einen Traumstart hingelegt. Ein neuer Wundermann, umgarnt von Orchestern und CD-Firmen – obgleich der Furor der Anfangszeit etwas verflogen ist. Auch die Münchner Philharmoniker, so wird berichtet, haben bereits bei Harding für die Zeit nach Lorin Maazel angeklopft, sich allerdings eine Abfuhr geholt. Den Posten als Chefdirigent der Staatsoper könnte sich Harding dagegen vorstellen, zumal auch sein Opern-Repertoire sehr dem Kent Naganos ähnelt.

Entscheidend bei allen Lösungsmöglichkeiten ist freilich: Wie funktioniert künftig die Hackordnung an Bayerns Staatsoper? Nikolaus Bachler, von Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) gestützt, ist nach der nun entschiedenen Personalie Nagano Alleinherrscher am Haus. Der neue Chefdirigent muss daher besondere Voraussetzungen mitbringen: Entweder er ordnet sich Bachler unter und/oder verzichtet auf dramaturgische Eigeninitiative. Oder er ist dem Intendanten ohnehin freundschaftlich verbunden und liegt mit ihm auf einer Wellenlänge. Ein Raster, in das Bertrand de Billy passt, der schon seit Bachlers Amtsantritt als möglicher Chefdirigent gehandelt wird – zumal er in Bachlers Wiener Volksopern-Ära dort Erster Kapellmeister war. De Billy ist ein versierter Handwerker und bei Sängern nicht unbeliebt. Ein Dirigent, der sich nicht auf wenige Komponisten beschränkt, für ein Repertoire-Haus also die passenden Partituren intus hat. Und deshalb der künstlerische Verwandte eines früheren Chefdirigenten der Bayerischen Staatsoper ist: Peter Schneider, an dem indes noch heute das Etikett „zuverlässig, aber ausstrahlungsarm“ haftet. Für München, traditionell auf charismatische Dirigenten gepolt, wäre der 45-jährige Franzose also wenig mehr als eine Zwischenlösung – auch Schneider wurde 1998, nach fünfjähriger Amtszeit, durch Zubin Mehta abgelöst.

Wem die derzeitige Debatte am wenigsten schadet – obgleich intern heftig seine technischen Fähigkeiten bezweifelt werden – ist Kent Nagano. In den Augen vieler Musikfans Münchens neuer Märtyrer. Was bedeutet: Aus dem Fall Nagano ist ein Fall Bachler geworden, dem am vergangenen Wochenende bei „Oper für alle“ schon Buhs entgegenschallten. Der autoritäre Führungsstil des Österreichers und sein eitles Auftreten haben ihn viele Sympathien gekostet. Ein künstlerischer „Gemischtwarenladen“ wird ihm vorgeworfen, auch viele angeblich gescheiterte Produktionen.

Die Diskussion bewegt sich dabei – zum Teil bewusst geschürt – an der Oberfläche. Vergessen die Zeiten, als in mancher Saison der Ära von Sir Peter Jonas gerade mal eine akzeptable Produktion über die Bühne ging. Doch dem eloquenten bis schrägen PR-Genie Jonas wurde eben mehr verziehen als nun Bachler. Dessen derzeitige zweite Spielzeit erreicht zwar nicht das Niveau der ersten, bewegt sich aber mit den Regisseuren und Sängern auf Augenhöhe mit vielen anderen internationalen Musentempeln. Das Problem: Sollte Bachler nicht mit einem Dirigenten-Coup punkten können, wird die Luft für ihn dünn.

Oberflächliche Personaldebatte

Wie wenig Reflexion in dieser Debatte gefragt ist, zeigen manche Medienberichte, Diskussionen oder Empörungsrufe etwa aus der bayerischen SPD. Wieder einmal wird der Untergang der Kunststadt München vorhergesagt, die ihre Besten in die Wüste schicke. Doch der Fall Nagano ist kaum vergleichbar mit den anderen Beispielen, die das untermauern sollen. Nicht mit dem Kompetenzstreit um Christian Thielemann bei den widerspenstigen bis sich überschätzenden Münchner Philharmonikern. Nicht mit der Ablösung von Ulrich Peters am Gärtnerplatztheater. Und auch nicht mit der Berufung von Chris Dercon vom Haus der Kunst an die renommiertere Londoner Tate Modern.

Möglich allerdings, dass der Opern-Zwist zu anderem genutzt wird. Dazu, einem fachfremden Kunstminister aus politischen Gründen eins auszuwischen. Oder um einen Intendanten mit Oberwasser in die Schranken zu weisen. Möglich aber auch, dass viele Äußerungen der letzten Tage einem ganz anderen Phänomen geschuldet sind: den 36 Grad Außentemperatur.

Markus Thiel

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