Film-Geräuschemacher im Portrait

Im Porträt: ein Film-Geräuschemacher

Er lässt es krachen und knarzen

027.03.09|KulturFacebook
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Er ist einer der Ersten, die neue Streifen zu sehen bekommen. Etwas Entscheidendes fehlt ihnen dann aber noch: der Ton. Als Geräuschemacher sorgt Joern Poetzl mit dafür, dass ein Film überhaupt zum Erlebnis wird.

In seinem Studio demonstriert Joern Poetzl, wie er Geräusche für Krimis produziert.

© Kurzendörfer

Klick: Eine Waffe wird entsichert. Dann wird sie an eine Schläfe gesetzt...: In seinem Studio demonstriert Joern Poetzl, wie er solche Geräusche für Krimis produziert. Das Stofftier braucht er dazu eigentlich nicht – das war nur ein Gag. 

Er ist einer der Ersten, die neue Streifen zu sehen bekommen. Etwas Entscheidendes fehlt ihnen dann aber noch: der Ton. Als Geräuschemacher sorgt Joern Poetzl mit dafür, dass ein Film überhaupt zum Erlebnis wird.

„Wenn Geräusche in einem Film auffallen, sind sie schlecht gemacht“, sagt Joern Poetzl. Er muss es wissen – seit gut 40 Jahren arbeitet der 65-Jährige als Geräuschemacher. Für seine Arbeit erhält er den fast fertig geschnittenen Film mit dem Ton, wie er beim Drehen aufgezeichnet wurde. Der reicht aber meist nicht aus – oder stört sogar: Bei „Die Buddenbrooks“, an dem Poetzl zuletzt arbeitete, passt Flugzeuglärm, wie er sich bei Außenaufnahmen nicht vermeiden lässt, schlichtweg nicht in die Zeit. Also ignoriert der ganz in Schwarz gekleidete Hamburger den Primärton und zeichnet die Geräusche komplett neu auf.

Dazu betrachtet er den Film Schnitt für Schnitt, geht in Gedanken die Requisiten in seinem Münchner Studio durch, sucht seine Utensilien zusammen und legt los. Unterstützt wird er von einem Tonmeister. Häufig werden einzelne Komponenten erst im Nachhinein zum gesuchten Geräusch zusammengefügt. So wird bei knarzenden Türen das Knarzen erst nachträglich unterlegt. Dabei produziert Poetzl das Geräusch des Türöffnens noch sehr authentisch: mit einer der Türen, die er im Studio an die Wand gebaut hat. Für andere Geräusche greift er tiefer in die Trickkiste: Für das Knistern von Feuer raschelt er mit Zellophanfolie, das Brummen alter Motoren imitiert er mit einem antiken handbetriebenen Filmumroller.

Es gibt aber auch ein Geräusch, bei dem es Poetzl bisher nicht gelang, es glaubwürdig im Studio nachzustellen: das Klacken der Kugeln beim Billard. Allerdings scheitern andere Geräuschemacher bereits am authentischen Klang von Schritten. Schritte einer einzelnen Person synchron nachzustellen, so, dass sie die Dramaturgie des Moments wiedergeben, sei ungeheuer schwierig. „Ist der Opa sauer und stampft durchs Zimmer, oder geht er normal – da muss man sich in die Szene reindenken“, erläutert Poetzl. Je nach Situation kann er aus unzähligen Schuhen wählen. Den Absatz bei Frauenschuhen ersetzt ein eingeschlagener Nagel. Leichter dagegen könne man eine Schlägerei „vertonen“ – hier seien die Einzelgeräusche kaum herauszufiltern.

Auch viele junge Menschen, die sich von Poetzl ausbilden lassen wollten, hätten das mit den Schritten einfach nicht hinbekommen. Ohnehin gilt: Wer Geräuschemacher werden will, muss viel Eigeninitiative mitbringen. Eine geregelte Ausbildung gibt es nicht. Hat jemand das Glück, bei einem der Großen lernen zu können, bekommt er keine Vergütung. Hinzu komme, dass die Produktionszeiten so knapp kalkuliert seien, dass keine Zeit bleibe, etwas zu erklären. „Man muss es sich eigentlich selbst beibringen.“ Etwa zehn Geräuschemacher gibt es derzeit in Deutschland. Vor zehn Jahren seien es allein in München so viele gewesen, so Poetzl. Doch der gelernte Bühnenmaler ist zuversichtlich, dass der Beruf überleben wird. „Vor 30 Jahren hieß es schon, den Beruf wird’s bald nicht mehr geben, aber mich gibt’s immer noch.“ Geändert hat sich aber doch allerhand. Während Poetzl früher mit einem Koffer voll Requisiten in die Aufnahmestudios fuhr und vor Ort die Geräusche produzierte, lässt er sich die Aufnahmen nun digital schicken und zeichnet die Geräusche im Studio auf. Der Vorteil: Bei Requisiten kann er hier aus dem Vollen schöpfen.

Poetzl hat die Geräusche für Filme wie „Lola rennt“, „Das Wunder von Bern“, „Good Bye, Lenin!“, „Resident Evil“ oder „Der Baader Meinhof Komplex“ gemacht. Für einen 90-Minüter hat er gut zehn Tage zur Verfügung. Trödeln sollte er da nicht: Pro Tag produziert er Geräusche für rund zehn Minuten Film. Besonders anspruchsvoll sind Zeichentrickfilme, da kein Ton mitgeliefert wird. Zudem sei es schwieriger, die Bewegungen der Figuren synchron nachzustellen, da sie nicht dem menschlichen Automatismus entsprächen. „Dafür bringt das aber richtig Spaß, weil man ganz aus seiner Fantasie schöpfen kann.“

Das Gespür für authentische Geräusche zu haben, ist das Eine. Ähnlich wichtig scheint es für diesen Beruf zu sein, ein Meister des Stapelns zu sein. Kaum ein lichter Fleck ist in Poetzls Studio zu entdecken. In dem 15-Quadratmeter-Raum sind verschiedenste Gegenstände deckenhoch in Regalen verstaut: Eierschachteln, Dosen, Wecker, Schwimmreifen, Tennisschläger – nichts, was Poetzl hier nicht hortet. Trotzdem betrachtet er seine Ausstattung nicht als komplett. „Ich kaufe immer wieder was dazu, aber das Wenigste für einen bestimmten Zweck.“ Das Finanzamt davon zu überzeugen, dass er all die Gegenstände – darunter auch so handfeste Dinge wie Blumenerde oder eine Getränkedose – beruflich brauche, sei immer wieder eine Herausforderung.

Solange Poetzl nicht aufräumt, findet er sich in seinen Sachen gut zurecht. Trotzdem gesteht er: „Mein Leben besteht zu einem großen Teil aus Suchen.“

Bettina Maierhofer

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