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Dabei sein ist alles: 100 Jahre – Geschichte eines Bauwerks

100 Jahre – Geschichte eines Bauwerks

Dabei sein ist alles

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Artikel: Dabei sein ist alles

Venedigs Kunst-Biennale: Wie der ursprünglich bayerische Pavillon zum deutschen wurde

Der deutsche Pavillon heute: 1938 gestaltete Nazi-Deutschland den Bau nach dem Zeitgeist um – als nationalen Repräsentationsbau und zur Machtdemonstration.

© dpa

Der deutsche Pavillon heute: 1938 gestaltete Nazi-Deutschland den Bau nach dem Zeitgeist um – als nationalen Repräsentationsbau und zur Machtdemonstration.

1909, am Samstag, den 24. April, war es so weit: Auf der VIII. Internationalen Kunstausstellung in Venedig wurde der Bayerische Pavillon, bestückt mit Werken von Künstlern der Münchener Secession, feierlich eröffnet. Zur Krönung des Tages gab man abends eine Vorstellung von Richard Strauss’ Oper „Salome“ im Teatro La Fenice. Im Mittelpunkt der Kunst-Beiträge standen das Gemälde „Sommertag“ von Albert Weisgerber, auf dem eine nackte Frau im Wald zu sehen war. Hugo von Habermanns Skulptur „Nackte“ führte in der italienischen Zeitung „Il Marzocco“ zu einigem Befremden, zumal auch die Salome im Tanz der sieben Schleier die Hüllen fallen ließ und das Glanzstück der Ausstellung Franz Stucks „Sünde“ war. Der Malerfürst kam aber nicht gut an. „Das Werk eines monotonen Künstlers, der immer dieselben dunklen Farben benutzt“, schreibt „Il Giornale d’Italia“ am 4. Mai 1909 irritiert.

All diese Zeitungsausschnitte sowie der diesbezügliche Briefverkehr mit dem Bayerischen Staatsministerium des Königlichen Hauses und des Äußeren können in der Akte MA92433 des Bayerischen Hauptstaatsarchivs nachgelesen werden. Heuer feiert der Pavillon (mittlerweile der deutsche) auf der diesjährigen Biennale seinen 100. Geburtstag. Ursprünglich hatte die Künstlergruppe Münchener Secession das von dem italienischen Architekten Daniele Donghi (1861-1938) im Jahr 1909 auf dem Gelände der Giardini errichtete Kunsttempelchen von der Stadt Venedig gemietet. Übrigens hatte die Secession schon seit der ersten Biennale 1895 in Venedig ausgestellt, da – wie ihr Präsident Helmut Kästl heute selbstbewusst betont – die Venezianische Kunstausstellung nach dem Vorbild und auch nach den Statuten der ersten internationalen Kunstausstellung der Secession von 1893 überhaupt erst zustande kam.

Bis 1914 bezahlte die Serenissima die Transportkosten, Versicherungen und Aufstellungsgebühren für die Kunstwerke. So konnten die von der Secession eingeladenen Künstler in dem Pavillon die Werke bequem präsentieren. Doch nach dem Ausbruch der Cholera in Venedig nahmen die Secessionisten nicht mehr an den folgenden Biennalen teil. Und bereits 1914 verkaufte Venedig den Bayerischen Pavillon an den Künstlerbund und an die Allgemeine Deutsche Kunstgenossenschaft, die nun als Hausherren und Besitzer des in „Padiglione della Germania“ umbenannten Baus nicht nur für die Erhaltung des Gebäudes zu sorgen, sondern auch die vollen Kosten für Transport, Aufstellung und Versicherung zu übernehmen hatten. Erst später ging der Pavillon an den Staat. Dennoch schlossen die Deutschen das für sie scheinbar so unvorteilhafte Geschäft mit der Lagunenstadt gerne ab, brachte doch die Biennale eine nicht zu unterschätzende Image-Werbung. Donghis Tempelchen gefiel dann bis 1938. Dem faschistischen Deutschland waren die ionischen Säulen und der griechische Giebelportikus zu wenig imposant.

So wurde der deutsche Architekt Ernst Haiger (1874- 1952) mit dem Umbau des Gebäudes betraut. Haiger, der bereits im Auftrag Hitlers das Kasino im Münchner „Führerbau“ sowie die Bar im Münchner NS-Ausstellungsgebäude „Haus der deutschen Kunst“ (heute Haus der Kunst) entworfen hatte, tilgte den Giebel völlig. Er baute dafür einen überhöhten Architrav, die runden Säulchen ersetzte er durch rechteckige Pfeiler und verlängerte die große Halle durch eine halbrunde Apsis nach hinten. Damit erzeugte er einen Eindruck von Monumentalität und machte aus dem zierlichen Tempel einen grobgliedrigen, streng geometrischen „Führerbau“ mit der Aufschrift „Germania“.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die ausstellenden Künstler mehr oder minder große Schwierigkeiten mit dem Haus, das man 1964 im Innern noch ein wenig umgebaut hat. 1993 machte Hans Haacke die nationalsozialistische Geschichte des Pavillons zum Thema seines Biennale-Beitrags. Im Hauptsaal mit der Apsis riss er den Boden heraus, den Hitler und Mussolini bei der Eröffnung des Haiger’schen Umbaus zusammen betreten hatten, und zeigte so mit seiner Installation die Scherben des alten Germania und erinnerte damit an Caspar David Friedrichs berühmtes Bild „Die gescheiterte Hoffnung“. Isa Genzken verhüllte auf der Biennale 2007 das Haus mit einem Baugerüst, um die faschistische Architektur nicht mehr zeigen zu müssen.

Mittlerweile munkelt man, dass einige in der Kunstszene – darunter auch der Kurator des deutschen Biennale-Projekts 2009, Nicolaus Schafhausen, – den Pavillon am liebsten abreißen und neu bauen würden. Doch das hat das Gebäude, das inzwischen längst unter Denkmalschutz stehen müsste, nicht verdient. Man schafft einen dunklen Fleck in der Historie nicht durch die Tilgung der Zeugnisse aus der Welt. Besser ist es, sich mit den unbequemen und beschämenden Teilen der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Gerade hier liegt die Herausforderung für die Künstler – heuer der Brite Liam Gillick.

von Hildegard Lorenz

Infos

Die Biennale 2009 läuft vom 7. Juni bis 22. November. Münchener Secession: Beim Prestel Verlag ist ein Bildband zu ihrer Geschichte erschienen.

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