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Christian Berkel über seinen Film „Das dunkle Nest“, Pfarrer unter Missbrauchsverdacht und seine Partnerin Andrea Sawatzki

Momente der Befangenheit: Christian Berkel im Interview

München - Christian Berkel spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über seinen Film „Das dunkle Nest“, Pfarrer unter Missbrauchsverdacht und seine Partnerin Andrea Sawatzki.

© ZDF/Caro von Saurma/dapd

Katharina Mueller-Elmau als Kommissarin Fromm und Christian Berkel als Reinberg in dem ZDF-Krimi "Das dunkle Nest" von Christine Hartmann. Der Film "Das dunkle Nest" wird am Montag (28.11.11) um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

Dieser Mann ist den Dörflern suspekt. Der neue Pfarrer Dr. Gabriel Reinberg hat zuvor als Gefängnisseelsorger gearbeitet und als Psychologe die Haftentlassung eines Sexualstraftäters befürwortet, der kurze Zeit später erneut zum Mörder wurde. Als eine Zwölfjährige tot aufgefunden wird, die auch als Ministrantin für Reinberg tätig war, ist für viele im Ort der Täter schnell gefunden – der Pfarrer. Christian Berkel spielt die Hauptrolle in dem Fernsehfilm „Das dunkle Nest“, den das ZDF heute um 20.15 Uhr zeigt. Der 54-Jährige mit der markanten Glatze ist einem großen Publikum als „Der Kriminalist“ ein Begriff, überzeugte aber auch in vielen anderen Rollen, zuletzt unter anderem in „Helen, Fred und Ted“ und „Mogadischu“. International war der gebürtige Berliner, der mit Schauspielerin Andrea Sawatzki verheiratet ist, in „Operation Walküre“ und in „Inglourious Basterds“ zu sehen.

Wann waren Sie das letzte Mal in der Kirche – und wie verkörpert man einen Pfarrer, der im Film auch Gottesdienste hält?

Das letzte Mal in der Kirche war ich an Weihnachten, das ist also schon eine Weile her. Aber ich habe als Kind eine Messdienerlaufbahn absolviert, kenne mich also aus in der Liturgie. Ich fand die Theatralik eines katholischen Gottesdienstes – im positiven Sinne – übrigens damals faszinierend. Inzwischen hat sich viel verändert. Priester agieren heute wesentlich zurückgenommener, sie scheuen den pointierten Vortrag. Das finde ich schade, denn wenn man seiner Gemeinde etwas zu sagen hat, dann darf das durchaus auch eine gewisse sprachliche Kraft haben.

Sie verteidigen in „Das dunkle Nest“ einen verurteilten Sexualstraftäter mit den Worten: „Jeder hat eine zweite Chance verdient.“ Würden Sie das auch privat aus Überzeugung sagen?

Naja, der Pfarrer, den ich spiele, verteidigt mit diesem Satz auch sich selbst. Er hat als Psychologe das Gutachten erstellt, aufgrund dessen der Täter vorzeitig entlassen wurde – um prompt rückfällig zu werden. Natürlich hat jeder Mensch eine zweite Chance verdient, entscheidend ist die Frage, ob er in der Lage ist, sie zu nutzen. Und das ist bei Sexualstraftätern schwierig. Deswegen sollten Täter immer von mehreren Gutachtern unabhängig voneinander beurteilt werden. Im Vordergrund muss immer die größtmögliche Sicherheit stehen.

Im Film gerät der Pfarrer selbst in den Verdacht, Kinder zu missbrauchen. Bis vor ein paar Jahren wäre eine solche Drehbuchwendung undenkbar gewesen...

Dass sich Autoren mit diesem Thema beschäftigen, hat auch damit zu tun, dass sich die Kirche falsch verhalten hat, indem sie sich gegen Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen zu lange nicht energisch genug positioniert hat. Das ist ein Skandal! Der Film hat aber auch die Funktion klarzumachen, dass all’ diese unschönen Dinge trotzdem nicht zu einer generellen Vorverurteilung berechtigen. Auf der einen Seite gibt es die Institution Kirche, auf der anderen die Individuen, die in dieser Institution arbeiten. Es sind nicht alle katholischen Pfarrer potenzielle Missbraucher!

Sie sind ein gefragter Darsteller, auch international, haben sich aber gegen Hollywood und für den „Kriminalisten“ entschieden – warum?

Ich habe mich nicht gegen Hollywood entschieden, sondern ich habe mich dagegen entschieden, meine Koffer zu packen, nach Amerika zu gehen und auf Angebote zu warten. Entweder der Ruf kommt – oder er kommt nicht. Für mich ist Deutschland interessanter, das ist mein Land und meine Sprache. In Amerika wäre ich in meiner Rollenwahl eingeschränkt und vermutlich dazu verdammt, den Ausländer oder den Bösewicht zu spielen.

Nun bergen Serienrollen wie „Der Kriminalist“ die Gefahr, dass man auf den Ermittler vom Dienst festgelegt wird. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, den ZDF-Job an den Nagel zu hängen?

Es ist richtig, dass die Gefahr prinzipiell besteht, aber ich glaube, ich habe das Glück gehabt, schon bekannt gewesen zu sein, als ich diese Rolle übernommen habe. Ich werde nicht ausschließlich mit dem „Kriminalisten“ identifiziert, deswegen bekomme ich auch andere Angebote. Außerdem habe ich vereinbart, dass ich auf keinen Fall mehr als acht Folgen pro Jahr drehe. Dadurch habe ich Zeit für Herausforderungen.

Ihre Frau hat mit dem „Tatort“ aufgehört. Haben Sie sie darin bestärkt?

Sie hat ihre Entscheidung so klar geäußert, dass es da gar nichts mehr zu bereden gab.

Beraten Sie einander bei der Rollenauswahl?

Das kommt vor. Wenn ich ein Drehbuch lese, das mich sofort in seinen Bann zieht, dann muss ich es nicht mehr mit meiner Frau besprechen. Wenn ich unsicher bin, frage ich meine Frau und höre mir ihre Argumente an. Meistens rät sie mir eher zu als ab.

Sie stehen auch gemeinsam vor der Kamera. Ist man da nicht befangen?

Doch, da gibt es Momente der Befangenheit, die man erst überwinden muss. Aber egal ob man sich gut kennt oder nicht – man muss immer darauf achten, dass sich Privates und Berufliches nicht überlagern, ohne dabei unpersönlich zu werden. Wenn man ein Paar ist, ist das noch komplizierter. Wir lösen das Problem, indem wir, wenn wir außerhalb unseres Wohnorts Berlin drehen, in verschiedenen Hotels wohnen, um wenigstens eine räumliche Distanz zu schaffen.

Gab’s mal gegenseitige Vorbehalte, wenn Sie wussten, dass Sie jeweils mit einem attraktiven Partner drehen würden?

Nein – wenn wir damit anfangen würden, wären wir verloren. Es gibt in unserem Beruf, wie in vielen anderen Berufen auch, immer die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, die einem sympathisch sind. Wenn ich meiner Frau da nicht vertrauen würde, müsste ich ja verrückt werden.

Auch bei Bettszenen bleiben Sie ganz gelassen?

Ja, natürlich. Im Übrigen sind Bettszenen nicht so wahnsinnig spannend, egal wie wenig man dabei anhat. Das ist vor der Kamera doch eine sehr technische Angelegenheit.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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