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Akkustische Museumsführer: Mit den Ohren sehen durch den Audioguide

Akkustische Museumsführer

Mit den Ohren sehen

629.12.08|Kultur|Kultur|1
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Artikel: Mit den Ohren sehen

Bildende Kunst kann man auch hören. Zumindest, wenn man ein Museum mit einem sogenannten Audioguide am Ohr erkundet. Doch was können akustische Kunstführer leisten? Ein Streifzug durch Münchner Museen.

Audioguides: Mit einem Telefon am Ohr Kunstwerke genießen.

© Klaus Haag

Mit einem Telefon am Ohr Kunstwerke genießen: Elektronische Ausstellungsführer – wie hier in der Münchner Kandinsky-Ausstellung – ersetzen immer öfter ausführliche Bildlegenden. Im besten Fall sind Audioguides Dolmetscher zwischen Bild und Betrachter.

Es war einmal im Museum: Besucher A stand mit Besucher B vor Gemälde M und bewunderte den Künstler R. Darauf hielt ihm Besucher B einen laienhaften, aber assoziationsreichen Vortrag, worauf Besucher A erwiderte, das schlage er zuhause noch mal nach.

Seit einiger Zeit werfen sich Besucher A und B nur noch ein vielsagendes Lächeln zu, wenn sich ihre Blicke zufällig kreuzen, während sie (an)gespannt in schwarze Kopfhörer oder Telefone mit Namen „Audioguide“ horchen.

Der Trend zur schnellen, papierlosen Selbstbildung hat auch die großen Museen angesteckt. Eigentlich müssten A und B nun gar nicht mehr miteinander ins Museum gehen. Sie haben ja schon eine Begleitung: den Audioguide. Und der weiß wirklich Bescheid.

Wer in München dem Maler Kandinsky einen Besuch abstattet, dem bietet sich ein erstaunliches Bild: Der Kunstbau ist überfüllt – und dabei gespenstisch verstummt. Vernimmt man doch einmal ein dumpfes Raunen, so kommt es den Besuchern aus den Ohren, nicht den Mündern. Denn sind sie nicht Teil einer gefunkten Gruppenführung, dann haben sie am Eingang eines der kostenlosen Telefone genommen – was durch die Sparsamkeit der Wandtexte fast obligatorisch wirkte.

Fast alle Gemälde tragen hier das Schallwellen-Audio-Symbol, der Rest wirkt wie zur interpretatorischen Ausschussware degradiert. Der Unermüdliche braucht nun 170 Minuten – und mehrere ausgeruhte Arme zum Halten des Gerätes.

Wer hier nicht zum Audioguide greift, verpasst Wesentliches. Wer zum Audioguide greift allerdings, muss aufpassen, dass ihm nicht das Gleiche passiert. Von einer „alchimistischen Verwandlung zu kalter, geistiger Schärfe“ ist da die Rede, von „Restschlacken einer neuen Bedeutungskonstitution“ und einem „nicht-illusionistischen arationalen Schichtenraum“. Keine Frage: Die mehrminütigen Bildbeschreibungen, Interpretationen und biographischen wie zeitgeschichtlichen Hintergrundinformationen sind fundiert und exquisit – und enorm anspruchsvoll.

In der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung ist das Verhältnis zwischen Hörern und Nichthörern ausgewogener. In der großen Disney-Ausstellung gibt es ohnehin sehr viel zu schauen, lauschen, lesen. Außerdem kostet der Audioguide hier einige Euro. Dafür ist er, eingesprochen vom Schauspieler Christian Rode, durchaus auch für jüngere Hörer verständlich.

Sparsam eingesetzt, dabei aber vielschichtig und bunt entspricht der Audio-Kommentar der Philosophie der ganzen Schau. Wahlweise können die einzelnen von Experten kommentierten Beschreibungen in (kunst-)geschichtlichen oder auch technischen Exkursen noch vertieft werden.

Antenna Audio – so heißt der führende internationale Anbieter, der die Kunstwerke in mehr als 800 Museen hörbar macht. Den Kopfhörer auf den Ohren und den Player an einer Schnur um den Hals – so durchstreifen nach Angaben des Unternehmens täglich 50 000 Menschen die berühmtesten Kunstschätze der Welt. Ein vielsinnliches Erleben: Das Auge hört mit, das Ohr sieht mit. Im Idealfall fungieren die Guides als Dolmetscher zwischen Bild und Betrachter.

So auch in der Alten und Neuen Pinakothek. In einer Dezemberwoche hören sich durchschnittlich 89 Museumsgäste pro Tag gratis durch die Neue Pinakothek. Dass sich der Audio-Service negativ auf den Katalogverkauf auswirken könnte, glaubt man hier nicht. Tatsächlich unterscheiden sich die jeweiligen Beiträge auch deutlich, und natürlich wird der bleibende ganzheitliche Eindruck eines Kataloges das flüchtige Hörerlebnis bald blass aussehen lassen.

Neben der genauen Bildbeschreibung, zeitlichen Einordnung, Klärung von Fachbegriffen und kritischen Einschätzung durch Experten sorgen einige der Kommentare jedoch eindrucksvoll, in der Neuen Pinakothek geradezu leidenschaftlich für die Heranführung eines ungeschulten Betrachters an die Lesart und das unmittelbare Erleben eines bedeutenden Gemäldes.

Viele der 180 Tracks, also der Höreinheiten, sind mit fantasieanregender Musik oder passenden Geräuschen unterlegt; andere werden eingeleitet von stimmungsvollen Geschichtchen. „Hier möchte man verweilen!“ – so der romantische Stoßseufzer, der den Betrachter vor einer idealen Dillis-Landschaft festhält. „Setzen Sie sich nieder auf ein Glas Bier“ – so die Aufforderung vor Liebermanns „Münchner Biergarten“. „Ja, ja, an manchen Tagen ist es herrlich, ein Maler zu sein!“ – spricht’s zwischen Salonmusik und Wellenschmatzen aus Manets „Barke“.

Stumm lächeln Besucher A und B jetzt einander an – und drücken noch einmal die Nummer 271 auf den elektronischen Kunstexperten in ihrer Hand.

Teresa Grenzmann

Weitere Informationen:

Kunstbau/Lenbachhaus (aktuelle Ausstellung: Kandinsky): in Deutsch und Englisch, kostenlos.

Hypo-Kunsthalle (aktuelle Ausstellung: Disney): in Deutsch, 5 Euro/3,50 Euro, 10 Euro für Familien mit bis zu fünf Kindern. Download auf www.libri.de: 12,90 Euro.

Alte Pinakothek: in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch, kostenlos (sonntags 4,50 Euro).

Neue Pinakothek: in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch, kostenlos (sonntags 4,50 Euro).

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