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Premierenkritik: Jubel für Martin Kusejs Inszenierung von „Rusalka“

Premierenkritik: Jubel für Martin Kusejs Inszenierung von „Rusalka“

München - Nach dem vorangegangenen Wirbel um tote Rehe am Münchner Nationaltheater, wurde jetzt bei der Premiere am Samstag Martin Kusejs Inszenierung von Dvoráks Märchenoper „Rusalka“ bejubelt.

© Winfried Rabanus

Eine Nixe will Mensch werden: Krístine Opolaís hat als unglückliche Rusalka ein glanzvolles Debüt an der Staatsoper.

Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Und wenn gar kein Glied schwach ist, dann ist die Kette fest. Das gilt auch für eine Theateraufführung. In „Rusalka“, Antonin Dvo(r)áks tiefgründiger, märchenhaltiger, volksmusiksatter Oper, die auch noch mit Wagner und Verdi spielt, haben wir das im Münchner Nationaltheater erlebt. Dirigent, Bühnenbildner, Regisseur und Hauptarstellerin geben ein Niveau vor, auf das sich alle Mitwirkenden schwingen. Das kann so nur geschehen, wenn in einem Atem gefühlt, gedacht und dann auch szenisch umgesetzt wird.

Die Handlung

Die Wassernixe Rusalka hat sich in einen Prinzen verliebt, möchte ein Mensch mit einer Seele werden. Die Hexe Jezibaba hilft ihr, aber Rusalka muss mit dem Verlust ihrer Stimme bezahlen. Sollte es ihr nicht gelingen, die Liebe eines Menschen zu erlangen, wird sie dem Fluch der Wassermädchen verfallen und den Geliebten in den Tod ziehen. Der Prinz begegnet ihr auf der Jagd und nimmt sie mit. Bei den Hochzeitsvorbereitungen beklagt er Rusalkas Kühle und wendet sich der sinnlichen Fürstin zu. Rusalka will zurück in die Wasserwelt, doch Jezibaba reicht ihr ein Messer: Nur das Blut ihres Verführers eröffne diesen Weg. Rusalka weist das Messer zurück und wird von den Schwestern verstoßen. Der inzwischen verwirrte Prinz sucht verzweifelt nach Rusalka und erbittet ihren tödlichen Kuss. Sie fleht um Gnade für seine Seele.

Tomás Hanus, der Tscheche, dirigiert zwar auf heimatlichem Terrain, aber es ist eben doch die reine Dirigierkunst, wie er mit der Partitur umgeht. Schon die ersten Takte haben etwas Bedrohliches. Wie er aus diesem Grundton das sehnsüchtig Sangliche, die Poesie aufblühen, das Bukolische knacken lässt, wie er das Rusalka-Motiv einmal direkt hervorholt, dann wieder zart als Erinnerung aufscheinen lässt, wie er lärmende Volksszenen und die Verzweiflung des Verstummtseins artikuliert, mit der Rusalka geschlagen ist, - immer mit dem geschmeidig folgenden Staatsorchester - das ist schon allererste Klasse.

Martin Zehetgruber teilt die Bühne in eine scheinfriedliche Oberwelt, ein Alpen-Postkartenpanorama mit See, und eine Wasser-Unterwelt, die gespenstische Ähnlichkeit mit dem Kampus-Verließ hat. Seine Bilder sind streng, ohne jeden Überfluss, reduziert auf das Entscheidende.

hösl© Wilfried HöslTreulos: Rusalkas Prinz (Klaus Florian Vogt) lässt sich von der Fürstin (Nadia Krasteva) verführen.

Martin Ku(s)ej - und das ist selten bei Regisseuren, die vom Schauspiel kommen, wenn er auch schon oft Oper gemacht hat - arbeitet grundmusikalisch. Kein Wimpernschlag, der nicht von der Musik beglaubigt wäre. Er schwärzt die Geschichte ein: ein Märchen in seiner dunkelsten Bedeutung. Die elfenhaften Wassernixen sind von einem grausamen (Wasser-)Mann festgehalten, der sich ihrer brutal sexuell bedient. Rusalka will heraus, verliert das Wasserreich und gewinnt das Menschenreich nicht - wie ihr Prinz endet sie im Wahnsinn. Das ist Ku(s)ejs Deutung. Aber wie er das macht! Man spürt bei einem schnellen Blick durch die Zuschauerreihen, welche Spannung da aufgebaut wird, wie schlüssig jede Geste, jeder Chor-Auftritt empfunden wird, welch unglaublich sicheres Gefühl Ku(s)ej (er ist ja ein Ass im Sport) für den Körper hat.

Rauschender kann ein Debüt nicht sein als das der bildschönen 31-jährigen Krístine Opolaís in der Titelrolle. Sie bringt alles, aber auch alles mit: eine blendend geführte Stimme, die vom zartesten Schmelz bis ins Jugendlich-Dramatische à la Verdi aufdrehen kann, Spieltalent und Intelligenz - sonst wäre eine so durchgeformte Rollendarstellung nicht möglich. Das Fremde, Unbehauste in der Menschenwelt stellt sie schon allein durch ihren Körper, durch die wie verkehrt eingehängten Beine in den hohen roten Pumps heraus. Ihre verzweifelt staksigen Tanzschritte, der Rückfall in Schwimmbewegungen mit den Armen, der „sprechende“ Gesichtsausdruck bei einer zur Stummheit Verurteilten - die Opolaís bezaubert und rührt. Der Beifall krachte nur so auf sie herunter, was wiederum sie zu Tränen rührte.

Die Besetzung

Dirigent: Tomás Hanus.

Regie: Martin Ku(s)ej.

Bühne: Martin Zehetgruber.

Kostüme: Heidi Hackl.

Darsteller: Klaus Florian Vogt (Der Prinz), Nadia Krasteva (Die fremde Fürstin), Krístine Opolaís (Rusalka), Günther Groissböck (Der Wassermann), Janina Baechle (Die Jezibaba), Ulrich Reß (Der Heger), Tara Erraught (Der Küchenjunge), Evgenia Sotnikova (1. Elfe), Angela Brower (2. Elfe), Okka van der Damerau (3. Elfe), John Chest (Ein Jäger).

Und auch neben ihr nur erste Klasse: Günther Groissböcks schmierig-brutaler Wassermann mit dem gefährlich-betörenden Bariton, Janina Baechles stoische Hexe, die sich die Nägel feilt, wenn Rusalka in höchster Verzweiflung ist, Klaus Florian Vogts leichtstimmiger Prinz und Nadia Krastevas dunkel orgelnde Verführerin. Tara Erraught und Ulrich Reß sind (wie alle auf den Punkt genau angezogen von Heidi Hackl) ein von Ku(s)ej scharf beleuchtetes Onkel-Nichte-Paar.

Die Sache mit dem Reh hat sich erledigt. Ein Teil des Publikums fühlte sich bemüßigt, Martin Ku(s)ej doch noch einen Denkzettel zu präsentieren - er nahm ihn mit offenen Armen entgegen. Der Rest war Jubel.

Beate Kayser

Nächste Vorstellungen: 26., 28., 31. 10., 4. 11., Karten unter der Telefonnummer 089/ 21 85 19 03.

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