München - Stefan Herheims Bayreuther Inszenierung und Stephan Möschs herausragendes Wagner-Buch ergänzen sich perfekt. Vor allem einen Moment gibt es, in dem die Gänsehaut den Körper entlangkriecht.

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„Parsifal“ als deutsche Geschichte: Christopher Ventris (Titelrolle, li.) und Kwangchul Youn (Gurnemanz).
Wenn das Bühnenportal im Festspielhaus ganz nach oben gefahren ist und zur Gralsenthüllung den Blick frei gibt auf Säulen, Bögen und eine gewaltige Kuppel. Es ist tatsächlich eine Reminiszenz an die Dekoration von 1882. So müssen die Uraufführungsbesucher „Parsifal“ geschaut und gefühlt haben. Ein Moment, in dem sich zwei Zeiten berühren, fast eins werden, von Regisseur Stefan Herheim so magisch wie hintersinnig eingesetzt. Und mag sich seit Cosima Wagners Ära der Bayreuther Kanon auf die berühmten zehn Werke ihres vergötterten Gatten beschränken: Konstitutiv für Bayreuth, den dortigen Kult gleichsam durchs Kunstwerk definierend, bleibt doch stets der „Parsifal“.
Was Stefan Herheims Inszenierung, die heuer im zweiten Jahr zu sehen ist, beweist, ergänzt Stephan Möschs herausragendes „Parsifal“-Buch. Mösch, unter anderem Redakteur der Zeitschrift „Opernwelt“, befasst sich mit der Geschichte der Uraufführungsproduktion. Mit jener Inszenierung, die über 30 Jahre lang auf dem Spielplan stand, die im falsch verstandenen Gedenken an den Meister fast nie verändert wurde und deren krampfhafte Bewahrung viel über das Wesen und Selbstverständnis Bayreuths aussagt.
Aufschlussreich und so noch nie dargestellt sind die Kapitel über den Aufführungspraktiker Richard Wagner: ein von Theorien Besessener, der aber im Umgang mit seinen Sängern letztlich scheiterte, was nicht nur die hier ausgewerteten Tagebuchnotizen des Komponisten Wilhelm Kienzle, sondern auch die Briefe der damaligen Kundry Marianne Brandt stützen. Immer deutlicher wird bei der Lektüre dieser einschüchternden Studie: „Parsifal“ ist Bayreuth. Das Ritual der Gralsenthüllung entspricht auf einer anderen Ebene dem Kult der alljährlich herbeigesehnten Festspielfeier. Ein Mythos, der Identität stiftet und dessen falsche, später auch radikale Bewahrung sich in der Regie-Geschichte des „Bühnenweihfestspiels“ widerspiegelt.
Denselben Beweis führt Herheims Bayreuther „Parsifal“-Regie. Eine Inszenierung , die auf spannende, oft überwältigende Weise Figuren-Analyse, Aufführungsgeschichte, deutsche Historie, politische und religiöse Ikonographie überblendet. Eine Aufführung auch, die dem wiederholten Erleben mühelos standhält, im zweiten Jahr sogar noch konziser wirkt – wenn auch die Technik ob der komplizierten Bühne ins Ächzen gerät.
Im Grunde ist Herheim ein Spieler. Einer, der mit kindlicher Freude an Theatermitteln arbeitet. Mögen die Blumenmädchen im Lazarett Verwundete versorgen, mögen Hakenkreuzfahnen wehen oder die Gralsritter im Plenarsaal des Bonner Bundestages debattieren: Dank Herheims magischer Wirkungen, dank seiner theatralen Sinnlichkeit lassen sich selbst orthodoxe Wagnerianer harte Kost unterjubeln. Musikalisch bleibt die Produktion freilich ein Problem. Kwangchul Youn (Gurnemanz) und Detlef Roth (Amfortas) klingen stumpfer als im vergangenen Jahr, Mihoko Fujimura ist noch immer keine Ideal-Kundry, einzig Christopher Ventris (Parsifal) transportiert in Spiel und Stimme viel vom „reinen Toren“ im Matrosenanzug.
Dirigent Daniele Gatti ist im Vergleich zu 2008 zwar schneller geworden, lässt aber vieles noch immer bis zur Sinn-Entleerung durchhängen. Eine Detailarbeit , die sich kaum zur schlüssigen Deutung rundet. Und mit der er sich übrigens, wie Stephan Mösch nachweist, in guter Gesellschaft befindet: Hermann Levis Nachfolger Karl Muck ist letztlich schuld an der angeblich so weihevollen Zeitlupe, von der sich sogar Hitzkopf Arturo Toscanini blenden ließ: das Tempo – eines der größten „Parsifal“-Missverständnisse.
Markus Thiel
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