628.07.10|Kultur|Kultur|
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Ob Stücke schwindeln können? Denn sich ihn, der selbst einer Art Theaterfigur zu ähneln beginnt, einer Mischung aus Molière und Falstaff, sich also diesen zum Schlussjubel sympathisch hereintippelnden Tanzbären der modernen Musik vorzustellen, als sei er von Obsessionen geplagt, das scheint dann doch absurd.

© apn/ Kerstin Joensson
Liebesuchender Sonderling: Johannes Martin Kränzle als N. mit Mojca Erdmann (Ariadne).
Aber so muss es Wolfgang Rihm mit dem Dionysos-Stoff gegangen sein. Weniger mit dem sagenhaften antiken Rauschbringer, sondern mit seiner schwärzesten Weiterführung in den „Dionysos-Dithyramben“ des schon fast irrsinnigen Friedrich Nietzsche.
Mehrfach bereits flackerte der Stoff in Rihms Schaffen auf. Und dass er vor einiger Zeit die Musik seiner neuen „Opernphantasie“ in den Orkus schickte, um neu zu beginnen, hört man diesem im Salzburger Haus für Mozart uraufgeführten „Dionysos“ – typisch Rihm eben – nicht an. Es ist die perfekte Partitur für der Welt teuerstes Festival: edel, gehaltreich und gut. Und ein Zeugnis dafür, wie weit Rihm auf dem Weg vom Kämpfer zum Kulinariker vorangekommen ist.
Nietzsches expressive Auseinandersetzung mit dem Dionysos-Mythos, folglich auch mit dem Ariadne-Stoff, mit blutgetränkten Kult-Elementen, diese in zerstückelter Symbolsprache hingeworfene Lyrik treibt Rihm noch eine Umdrehung weiter. Aus der Nietzsche-Vorlage montierte er ein Libretto, das weniger Handlung, als vielmehr Stoff-, Zitat- und Ideenspiegelung ist. Im Mittelpunkt: N. als Wiedergänger Nietzsches, dem Rihm als konkurrierendes und helfendes Alter Ego einen „Gast“ beigesellt.
Eine Oper sei dieser eigentlich doch oratorische „Dionysos“, darauf pocht Rihm. Und müsste dann aber noch ein Regie-Team finden, das der Vorlage distanzierende wie befruchtende Akzente entgegensetzt. Bei Pierre Audi (Regie) und dem überraschend brav vorgehenden Performance-Mann Jonathan Meese (Bühne) bleibt „Dionysos“ ganz kühle, klare, bebildernde Installation. Meeses Pointen (die vom Chor gelesenen Zeitungen „Nietzsche total“) sind eher brav – und bleiben hinter dem Wahnwitz der Vorlage zurück. Aber mag Rihm vom Dionysischen künden: Womöglich hält er es selbst lieber mit jenem Gott, den er am Ende N. begegnen lässt, mit dem ordnenden, schönheitstrunkenen Apollon. Höchste Zeit, dass einer einmal ein Stück über Rihm schreibt. Aber wahrscheinlich besorgt er das ja seit Jahrzehnten selbst.
Markus Thiel

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