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Soap&Skin: Ein Kind zum Wundern

Soap&Skin: Ein Kind zum Wundern

München - Am Freitag veröffentlicht Anja Plaschg alias Soap&Skin ihr zweites Album – es ist von furchteinflößender Schönheit.

© Foto: Heide Prange

Verletzlich wirkt sie, wie sie da auf dem Klavier sitzt. Das öffentliche Interesse ist für Anja Plaschg alias Soap&Skin eher hemmend. Die junge Frau aus der Steiermark spricht durch ihre Musik. Und wie!

Als Anja Plaschg 14 ist, nimmt sie daheim im südoststeirischen Dorf Poppendorf bei Gnas ihre ersten Musikstücke auf. Als Soundkulisse sampelt sie das hysterische Kreischen der Schweine im Mastbetrieb ihrer Eltern. Ihre Lehrer halten das schwarz gekleidete, düstere Mädchen, das mit einem Loch im Herzen geboren wurde, für eine Satanistin. Als Anja Plaschg einmal, wenigstens ein einziges Mal, versucht, ein fröhliches Lied zu schreiben, entsteht das Stück „Kinderzimmertod“, und es endet mit einem Schuss. So beginnt die Karriere der jungen Steirerin, die heute 21 ist und von vielen als Wunderkind gepriesen wird. Mag sein. Ein Kind zum Wundern war und ist die junge Plaschg allemal, deren zweites Album „Narrow“ unter dem Künstlernamen Soap&Skin heute erscheint – und dessen furchteinflößende Schönheit 2012 kaum mehr von einem anderen Pop-Album übertroffen werden dürfte.

Im Jahr 2009 schockierte die dunkle Prinzessin die Musikwelt von Graz über London bis New York zum ersten Mal – mit ihrem Debüt „Lovetune For Vacuum“, einem hinreißenden Soundtrack der Finsternis, für den sie sich nach eigener Aussage „das Hirn zerkocht“ hat. Die Musik war ihre Sprache geworden, nachdem sie das Studium an der Wiener Kunstakademie nach drei Semestern abgebrochen hatte, ohne ihr Malzeug auch nur einmal ausgepackt zu haben. Und nachdem erste Auftritte vor Publikum mit 16 eher desaströs verliefen. Plaschg versteckte sich in Graz hinter einem Schutzwall aus Toilettenpapier. Sie ertrug sie nicht, die gaffenden Fremden, die ihr beim Singen auf den Pelz rückten, ihr zuhören, an ihr teilhaben wollten. „Schrecklich, total hilflos“, beschreibt sie ihre ersten Gehversuche in der Öffentlichkeit.

„Lovetune For Vacuum“, drei Jahre danach, enthielt Musik, irgendwo zwischen Kate Bush in einer verstörenden Lebensphase und der bei einem Fahrradunfall verstorbenen deutschen Düster-Queen Nico. Schon damals rang sich Plaschg Stücke ab, die dem depressiv veranlagten Zuhörer eher nicht zu empfehlen waren, die aber andererseits so sterbensschöne, unwiderstehliche Melodien boten, dass eines der Werke, „Mr. Gaunt PT 1000“, gar in der Ford-Werbung im Fernsehen landete.

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Damals gab Soap&Skin in München ein Konzert, das das Publikum ebenso fasziniert wie erschüttert hinterließ. Im fahlen Schein ihres Mac-Computers saß die Plaschg am Flügel – und zog sich splitternackt aus. Nicht physisch, das schwarze Gothic-Kleidchen blieb natürlich an – aber emotional. Zu unheilschwangeren Pianoklängen seufzte, schrie, hauchte sie ihre englischsprachigen Balladen, die von Todessehnsucht handelten, von der Pein ihrer Kindheit im südoststeirischen Kaff. Songs, wie mit Tattoonadeln unter die Haut gejagt, in ihren fragilen Körper geritzt. Nur ein einziges Mal nahm das Wolfsmädchen mit den struppigen Rabenhaaren behutsamen Kontakt auf mit dem Publikum, sang eines ihrer Stücke im Stehen – und als Zuschauer kam man sich beinahe vor wie ein Spanner, der in die Intimsphäre dieses verstörten großen Kindes mit den aufgesprungenen Lippen und dem fiebrigen Blick eindringt.

Danach verstummte Anja Plaschg – der weltweite Hype um ihre Musik setzte ihr zu. „Ich habe ein Monster geschaffen“, klagte sie in einem ihrer seltenen Interviews. Dann starb ihr Vater, völlig überraschend. Sie schrieb sich ein Jahr lang das Stück „Vater“ vom Leib, ein radikal intimes Totenlied – erst danach fühlte sie sich in der Lage, an „Narrow“ weiterzuarbeiten. Momentan, so scheint es, hat Plaschg ihr „Monster“ im Griff. Sie, der manische Kontrollfreak, spielt live gar mit anderen Musikern zusammen, wozu sie früher nie in der Lage war. Sie hat „Stillleben“ gedreht, ihren ersten Film, in dem sie eine Prostituierte spielt. Und sie gibt sich gar für eine Aktion mit den steirischen Schokoladengöttern Zotter her. Die erste Soap&Skin-Schokolade ist eine Komposition aus Mohn, Weihrauch, Wein – und Schweineblut.

Soap&Skin tritt am 27. Februar im Münchner Freiheiz auf. Karten unter 0180/ 54 81 81 81.

So klingt das neue Album „Narrow“ von Soap&Skin

Ein Lied wie eine Beichte. Schonungslose Selbstentblößung, ohne jede Rückzugsmöglichkeit. Mit einem Musik gewordenen Monument beginnt Anja Plaschg ihr zweites Album „Narrow“. In „Vater“ singt sie ihrem verstorbenen Papa ein Totenlied, ein Klagelied, ein Liebeslied: „Ich trink auf dich Dutzende Flaschen Wein und will doch viel lieber eine Made sein.“

Ein Jahrhundertstück, das dem Zuhörer starke Nerven abfordert – und doch reich belohnt, ebenso wie die gesamte zweite Platte von Soap&Skin. Plaschg skelettiert das Frankopop-Liedchen „Voyage Voyage“ zum Schubertschen Drama, mit „Big Hand Nails Down“ gelingt ihr gar wuchtiger Elektropop. Und die Melodien sind immer noch so hinreißend, als wären sie aus dem Himmel über der Steiermark direkt auf Anjas Bauernhof gefallen.

Von Jörg Heinrich

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