München - Brigitte Fassbaender inszenierte Giuseppe Verdis „Falstaff“ für ihr Tiroler Landestheater. Die Premierenkritik:
Abzusehen war das ja. Da ein Augenklimpern, dort ein (zu) langer Blick, dann auch noch ein Kuss auf den Hals: Falstaff und Mrs. Quickly, die taugen hier zum perfekten Paar. Nicht unbedingt, weil sie als Genussmenschen mit derselben Diät-Beratung arbeiten könnten. Nein, das Lebensdralle, die urgesunde Naivität, das verbindet sie. Und so lässt Brigitte Fassbaender ihre vorletzte Innsbrucker Inszenierung nicht mit einem entfesselten Tableau aller Beteiligten enden, sondern mit diesem Paar, das auf seine Zweisamkeit anstößt: Cheerio!
„Falstaff“, diese letzte geniale Wortmeldung Verdis in Sachen Oper, birgt Brandgefährliches. Eine winzige Prise Witz zu viel oder zu wenig, und der Abend endet als überwürzte Comedy oder als schale Leerstellen-Komik. Vor diesem Hintergrund ist der Chefin in ihrem Landestheater das perfekte Dinner geglückt. Nicht im schweißig-schwiemeligen Wirtshaus-Ambiente lässt Brigitte Fassbaender ihren „Falstaff“ spielen, sondern im lichten Ambiente eines englischen Nachkriegs-Clubs.
Kein abstoßendes Mannsbild-Gebirge hängt da seinem Weltschmerz nach. Bernd Valentins Schwerenöter ist ein tapsiger Charmebolzen mit Vorliebe für Großkariertes, ein britisches Riesenbärchen, das schon mal eine übermütige Stepp-Einlage wagt und das Windsors Weiber nicht nur aus Rachegründen gern ins Haus lassen. Zudem singt Valentin mit viriler, biegsamer Bariton-Eleganz, nie hohl auftrumpfend, vokal also ein (untersetzter) Bruder Don Giovannis – was für eine Glücksbesetzung.
Wie immer in Brigitte Fassbaenders Haus wird hochachtbar gesungen. Ums Zentralgestirn Bernd Valentin kreisen nicht nur die herrlichen Windsor-Weiber, sondern auch Susanne Langbein als höhensichere, soubrettig-süße Nanetta, die Pat-und-Patachon-Wiedergänger Sebastian Kroggel (Pistola) und Dale Albright (Bardolfo) sowie der fast überbesetzte Mark Adler (Cajus). Joshua Lindsay singt einen etwas reifen Fenton, und Costantino Finucci verlässt sich auf seinen körnigen Bariton, bleibt ansonsten meist Regie-resistent.
Im Graben hat derweil Christoph Poppen, früherer Chef des Münchener Kammerorchesters, den Turbo zugeschaltet. Das, was er mit dem reaktionsstarken Tiroler Symphonieorchester serviert, ist al dente. Eine knackige, immer offensive Deutung, die sich nur in den wenigen Lyrikliebesinseln beruhigt, gleichsam Atem zu schöpfen scheint für die nächste Turbulenz. Auch im Graben stimmen die Zutaten, kleine Irritationen, etwa in der Schlussfuge, dürften sich in den Folgeaufführungen geben.
Zu der lässt Brigitte Fassbaender altbritisches Dramen-Personal aufmarschieren: Falstaff wird gequält von Halbschwestern und -brüdern aus Shakespeare-Dramen. Einzig hier, beim finalen Irrsinn, scheint sich der Abend wie unschlüssig in der Kostüm-Orgie festzufahren. Was dann doch zu verschmerzen ist, allerliebreizender kann die Versöhnung schließlich nicht ausfallen – mit diesem (Kalorien-)verliebten Traumpaar.
12., 19., 25., 29. Februar;
Telefon 0043/ 512/ 520 76 44.
Von Markus Thiel
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