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Wo die wilden Kerle hausen

Wo die wilden Kerle hausen

- "Schau mich bitte nicht so an . . .". Der Schlager als Leitmotiv. Will er als Warnung oder als Bitte verstanden sein? Immerhin hat Christian Stückl so ziemlich ad hoc die Regie zu Friedrich Schillers Jugendwerk "Die Räuber" übernommen. Und wenn er die Jungs um Anführer Karl singend und per Rutschbahn auf die Bühne flutschen lässt, dann wissen wir, wo die wilden Kerle hausen: im Münchner Volkstheater an der Brienner Straße. Grund genug, sie sich doch "so" anzuschauen.

Das Schöne an den Arbeiten Stückls: Er schert sich nicht um aktuelle Ästhetiken, nicht um intellektuelle Interpretationen. Furchtlos spielt er die Texte, wie sie sich ihm darbieten. Den Intendanten des Münchner Volkstheaters beherrscht eine vitale Lust am Erzählen von Geschichten. Dazu gesellt sich unbändiges Vergnügen an der naiven Wiedergabe selbst der allergrößten Unglaublichkeiten. Und durchaus auch, wenn's einen witzigen Einfall gilt, eine gewisse Wurstigkeit gegenüber Genauigkeit und Logik.

Ungestüm und Klamotte

Das führt mitunter zu recht unebenen Ergebnissen. So schwankt auch diese Inszenierung zwischen szenischem Ungestüm, idealistischem Weihespiel und Provinzklamotte, wie man sie kaum jemals zu sehen glaubte. Kurz: Stückls "Räuber" waren, will man nicht gar so puristisch sein, als sentimentales Rührstück ein vom Premierenpublikum einhellig gefeierter, kapitaler Spaß.

Gegeben werden natürlich nicht "Die Räuber" aus dem 18. Jahrhundert. Im Münchner Volkstheater spielen sie in den 70er-Jahren des zwanzigsten. Das Haus Moor: ein geschmacklos unsympathischer Salon mit Kitschkamin und Schäferhund-Skulptur. Der Hort der Rebellen: eine Billig-Bar mit Pin-up-Fotos. Beide sind auf einer Drehscheibe installiert. Sie garantiert schnellen, fließenden Wechsel und gibt dem Ganzen zumindest in den ersten 90 Minuten eine gewisse Atemlosigkeit, die der Aufführung gut bekommt.

Vater Moor - Erich Ludwig schmeißt sich mit pathetischer Wucht in diese Rolle - ist ein alter Dandy, der sich an "Don Giovanni"-Platten berauscht, am Ende aber als Höhlenmensch hemmungslos verkommt zu längst tot geglaubtem Knattermimentum. Sein Sohn Franz: als schwuler Bösling, altes Kind und schamlos selbstverliebter Entertainer wahrhaft eine Kanaille; von Florian Stetter bemerkenswert gut gespielt. Und Karl, dieser Räuberhauptmann aus Idealismus, den Maximilian Brückner tapfer vor jedem klassischen Heldentum bewahrt wie auch vor allen Reizen des Liebhabers: ein spackes, eitles Adelsbürschchen, weltfremder Schöngeist und Terrorist.

Natürlich sind seine Kumpane nicht bloß kleine Gauner, die am Ende aus Moors Salon schon mal ein paar Sachen mitgehen lassen. Sie sind zu allererst sozusagen Bilderbuch-Terroristen, denen im Untergrund plötzlich lange Bärte wachsen. Womit sie bei Stückl also irgendwo zwischen Al-Kaida und Oberammergau angekommen sind.

Völlig heraus fällt aus dieser Clique Spiegelberg. Eine Figur, der schon Schiller eine Sonderstellung zumisst. Das tut Stückl auch, indem er aus Spiegelberg, dem Dauerkonkurrenten Karls, eine Frau macht und mit Brigitte Hobmeier besetzt. Ihr gelingt es, mit selbstbewusster, kalt-brutaler Ausstrahlung und verdeckter Innerlichkeit zum intelligenten Mittelpunkt der Aufführung zu werden. Ihren Kampf um die Macht in der Truppe und hier auch um die Liebe Karls verliert sie. Die unausgesprochene, aber doch immer präsente Beziehung dieser beiden sowie Spiegelbergs Tod gehören zu den starken Momenten der Inszenierung.

Fatalität und Charme

Mit der dagegen so undankbaren Rolle der Amalia konnten sowohl Frederike Schinzler als auch ihr Regisseur nicht viel anfangen. Er drängt sie zu smarter Coolness, zwängt sie in chinaseidene Schlitzkleider und zitiert mit Schriftzügen auf deren Rücken den Kultfilm "In the mood for love". Aber was soll's? Das fragt man sich im Verlauf des dreieinhalbstündigen Abends dann doch leider immer öfter. Denn Christian Stückl findet am Ende nicht mehr heraus aus Schillers Dickicht der Handlung, der Figuren und der Weltanschauungsdebatten um Gott, Mensch und Moral.

Er hat sich verrannt, indem er das schon beim Dichter überlange, fatale Finale voll ausspielt; indem er glaubt, es allein mit der Naivität, der Ehrlichkeit und dem Talent seiner begabten jungen Darsteller zu bewältigen. Indem er fast alles so spielt, wie Schiller es geschrieben, aber vielleicht doch nicht immer so, wie der Dichter es gemeint hat.

"Schau mich bitte nicht so an . . ."? Der Charme, der dennoch über diesem Abend liegt, die Offenheit dieses Ensembles und seines Intendanten lassen über manches hinwegsehen. Die zu erwartenden Schulklassen werden es Christian Stückl danken.

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