016.09.09|Politik|Politik|
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München - Bayern will ein umfangreiches nationales Raumfahrt-Programm anschieben. In den nächsten fünf Jahren sollten bis zu sieben deutsche Missionen ins All starten, heißt es in einem neuen Strategiepapier.

© ap
Ein Galileo-Satellit umkreist die Erde: Bayern ist besorgt, abgehängt zu werden.
Der Antrieb sind diesmal nicht hochfliegende Mond-Träume, sondern Sorgen um Industrie und Militär.
Seit Monaten tüftelt das Bayerische Wirtschaftsministerium mit Experten an der Raumfahrt-Strategie. Im Süden, bei Firmen wie EADS, Kayser-Threde und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), ballt sich die wichtigste All-Technologie. Die Bayern fürchten, durch die Krise und ihre Folgen abgehängt zu werden, weil deutsche und europäische Aufträge ausbleiben – während Staaten wie Indien und China Milliarden in eigene Projekte investieren. Es gebe „die Gefahr der Abwanderung national geförderter Schlüsseltechnologien ins Ausland“, warnen die Ministerialen. Das bedroht tausende Hightech-Arbeitsplätze in Oberbayern.
Ihr fast 30 Seiten dickes Strategiepapier, das unserer Zeitung vorliegt, wird heute im Kabinett beraten. Die von Minister Martin Zeil (FDP) gebilligte Vorlage soll der Anstoß sein für eine „starke und eigenständige nationale Raumfahrtstrategie“ auf Bundesebene.
Aus Berlin nämlich kommen seit zwei Jahren sehr unterschiedliche Signale. Für 350 Millionen Euro wollte der Bund ein Mondprojekt beim DLR in Auftrag geben: Eine Sonde sollte vier Jahre lang den Mond umkreisen. Aus Sparzwängen zog der damalige Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) jedoch im Sommer 2008 die Notbremse. Vor einem Monat stellte dann Wirtschafts-Staatssekretär Peter Hintze (CDU) die Idee für eine neue unbemannte Mondmission inklusive Landung vor, die 2015 starten soll. Die Finanzierung des 1,5 Milliarden Euro teuren Projekts ist völlig offen. „Peterchens Mondfahrt“, unkten Medien.
Der bayerische Vorschlag geht darauf bewusst mit keinem Wort ein und wirft nicht mit neuen Superlativen um sich. Ein langfristiges Aktionsprogramm solle alle ein, zwei Jahre verlässlich eine nationale Raumfahrtmission einplanen, ohne gleich Mond oder Mars anzusteuern. Kosten sollen die Projekte jeweils 50 bis 60 Millionen Euro. Bis 2015 würde sich das nach der bayerischen Rechnung auf 250 bis 400 Millionen Euro summieren. Zum Vergleich: Insgesamt gibt der Bund 2009 rund 1,4 Milliarden Euro für die Raumfahrt aus, fast die Hälfte davon als Beitrag für die Europäische Weltraumorganisation Esa, nur etwa 229 Millionen für das Nationale Weltraumprogramm.
Die Bayern raten der Bundesregierung dringend, sich von den gemeinsamen europäischen Missionen nicht zu viel zu erhoffen. Mittelfristig gelte wohl nicht mehr der alte Grundsatz, dass die geleisteten Beiträge für die internationalen Großprojekte in etwa gleicher Höhe als Aufträge ins Land zurückfließen. Kosten und nationaler Nutzen wären dann völlig losgelöst. In den neuen EU-Staaten wächst zudem Konkurrenz: „Raumfahrt in Deutschland hat langfristig nur eine Chance, wenn die Wettbewerbsfähigkeit der Hightech-Branche gestärkt wird.“ Nötig sei, sich auf weniger, aber erfolgversprechende Kernbereiche wie Mini-Satelliten und Raketen-Antriebe zu konzentrieren.
Offenbar macht sich die Staatsregierung außerdem massive Sorgen um das Galileo-Projekt, jenes europäische Satelliten-Navigationssystem, mit dem Europa vom amerikanischen „GPS“ unabhängig werden will. Beim geplanten militärischen Teil des Systems drohe Deutschland den Anschluss zu verlieren: „Hier ist ein verstärktes Engagement dringend geboten.“ Deutsche müssten stärker in den Gremien präsent sein und mehr mitarbeiten. Man brauche „vollen Zugriff und die Hoheit über alle sicherheitsrelevanten Aspekte“, von Verschlüsselungstechniken bis zu Details der militärischen Nutzung, mahnt Zeil. CSU-Ministerien signalisieren bisher trotz Koalitions-Gekrisel keinen Protest. Das bayerische Strategiepapier könnte dann eine der Grundlagen für die Raumfahrtpolitik einer schwarz-gelben Bundesregierung werden.
Christian Deutschländer

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