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Politischer Aschemittwoch: Die SPD berauscht sich an sich selbst

Die SPD berauscht sich an sich selbst

Vilshofen – Der Aschermittwoch bietet viel Show, aber er erlaubt auch den Blick in die Seele einer Partei: Jahrelang bot die SPD in Vilshofen ein Bild des Jammers. 2012 ist die Partei euphorisiert – und kann das selbst kaum glauben.

© dpa

Der Parteichef als Vorgruppe: Beim Aschermittwoch drehte sich alles um Christian Ude (r.), Sigmar Gabriel (l.) gab den Anheizer. Florian Pronold (m.) bekam nur höflichen Applaus.

Franz Kammhuber ist auch wieder da. Natürlich. Er fährt seit Jahren nach Vilshofen zum politischen Aschermittwoch der SPD – und er kann genau erzählen, was diesmal anders ist. In den vergangenen Jahren haben Privatautos gereicht, um die kleine Schar von Genossen aus Altötting nach Niederbayern zu kutschieren. Diesmal musste ein Bus gemietet werden. „Wir haben eine rote Zelle im Landkreis“, verkündet Kammhuber stolz. „Und jetzt wollen wir das hier ein wenig anschieben.“ Er steht mitten im Festzelt der Bayern-SPD und reckt einen Skistock in die Höhe. Oben ist ein Spruchband befestigt: „Der Landkreis Altötting grüßt den nächsten bayerischen Ministerpräsidenten“.

Attacken und Bier: Bilder vom politischen Aschermittwoch

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„Der nächste bayerische Ministerpräsident“ steht ganz vorne am Rednerpult. Genau genommen ist er noch nicht einmal Spitzenkandidat seiner Partei. Doch Christian Ude hat etwas mit den Genossen angestellt, das sie selbst noch nicht begreifen. In Vilshofen kann man das spüren. Die totgesagte Bayern-SPD – sie lebt. Und sie wundert sich selbst darüber. „So eine Versammlung wie heute habe ich noch nicht erlebt“, sagt der Spitzenkandidat in spe. Das ist natürlich ein bisschen geschwindelt, schließlich eröffnet der Mann jedes Jahr die Wiesn. Aber Ude redet ja auch von seiner Partei. Und da, sagt er, waren „die anderen Versammlungen irgendwie anders“. Das stimmt. 2011 zum Beispiel sprach Ude am Aschermittwoch im Gasthaus Unterstein in Schönau im Berchtesgadener Land. Zuhörerzahl: 200. Vor ihm spielte die K&K-Dixielandband aus Übersee.

Diesmal spricht Ude vor 3500 Zuhörern. Vor ihm spielt Sigmar Gabriel aus Hannover. Er spielt den Anheizer. Vor Monaten haben die Bayern mit dem Bundesvorsitzenden den Termin ausgemacht; als Hauptredner natürlich. Sogar auf den Programmzetteln ist Gabriel noch als Nummer 1 aufgeführt. Doch spätestens bei der Begrüßung ist klar: Der Star des Tages heißt Ude. Zurückhaltender Beifall für Generalsekretärin Kohnen. Höflicher Beifall für Landeschef Pronold. Lauter Beifall für Gabriel. Und dann schallt es nur noch „Ude, Ude, Ude“ durchs Zelt. Also mutiert Gabriel spontan zum Vorredner.

Nein, politische Aschermittwoche sind nicht der Anlass, zu dem man inhaltliche Erkenntnisse gewinnen kann: Ude beweist, dass er sich brav in die Probleme des ländlichen Raums eingearbeitet hat – passenderweise ist das W-Lan-Netz der Journalisten komplett zusammengebrochen, was die Übermittlung der frohen SPD-Botschaft ins Bayernland ziemlich erschwert (ein böser Akt der CSU?). Ansonsten singt Ude mal wieder das Loblied auf die bayerischen Sparkassen. Und er stimmt Klagelieder über das Landesbankdesaster und die Privatisierungen der Ära Stoiber an. Das ist alles so erwartbar wie Udes Ankündigung, als erste Amtshandlung 2013 die Studiengebühren abzuschaffen. Aber darum geht es ja auch nicht.

Es geht um Pointen. Und die sitzen. Etwa wenn Ude beim Thema Energiewende mutmaßt, dass an bayerischen Schulen bald gelehrt werde, die Wasserwerfer von Wackersdorf seien von der CSU nur eingesetzt worden, um die Vorzüge der Wasserkraft zu verdeutlichen. Oder wenn er erzählt, dass er im Urlaub oft gefragt werde, ob er nicht zufällig der Münchner Oberbürgermeister sei. „Nein“, antworte er dann. Zufall sei das nicht. „Ich bin Oberbürgermeister, weil ich vier Mal in Folge dazu gewählt wurde – und zwar mit stets wachsender Mehrheit.“

Da freuen sich die Genossen. Ude spricht zwar nicht richtig gut, sein Vortrag zieht sich ziemlich hin. Ja, ein paar Mal lobt er die CSU sogar. Beim Aschermittwoch! Weiter hinten im Zelt wird ein bisschen geratscht und auch gegähnt. Vielleicht hätte man ja doch an Gabriel als Hauptredner festhalten sollen. Der fordert forsch: „Bayern muss wieder den Bayern gehören – und nicht der CSU.“ Im Bierzelt funktioniert das besser als ironische Andeutungen.

Aber die Reden interessieren an diesem Vormittag gar nicht so sehr. Den Genossen genügt es, über sich selbst zu staunen. Sie wissen natürlich, dass sie vormittags noch immer nicht so viel Bier trinken können wie die Konkurrenz in Passau. Deshalb singen sie nach Udes Rede auch nicht „Oh, wie ist das schön!“. Aber sie sind ehrlich ergriffen von der eigenen Größe: 3500 Bayern auf einem Haufen – und alle mögen sie die SPD!

Als Ude schon längst auf dem Weg zurück nach München ist, steht der andere neue Superstar der Bayern-SPD im fast schon leeren Zelt. Auch Michael Adam, vor kurzem zum Landrat von Regen gewählt, rätselt über die neue Aufmerksamkeit für seine Partei. Eben hat ihn die Satiresendung „heute-show“ auf den Arm genommen – die hätten sich im letzten Jahr niemals nach Vilshofen verirrt. Wie er Ude fand, wird Adam gefragt: Er sagt etwas von „Aufbruchsignal“ und: „Ude hat das Bierzeltformat gut gelöst“. Aber wenn man den Stift weglegt, dann wird auch bei Adam klar, dass er sich kaum erklären kann, was mit seiner Partei passiert. „Das hat fast schon etwas von positiver Gehirnwäsche“, sagt er nachdenklich.

Um das Phänomen Ude zu erklären, muss man vielleicht doch noch kurz die Rede erwähnen, die Florian Pronold gehalten hat. Der Landesvorsitzende, der für seine interne Arbeit oft gelobt wird, war öffentlich schon immer ein Freund deftiger Worte. Er hat sich auch diesmal einiges überlegt. Aber die Genossen sind um 11 Uhr morgens noch nicht betrunken genug, um zu jubeln, wenn er Alexander Dobrindt ins Dschungelcamp schicken oder dem ehemaligen bayerischen Europa-Minister Markus Söder die Euro-Krise in die Schuhe schieben will. Sein kämpferischer Auftritt wird artig beklatscht. Euphorie sieht anders aus. Das wäre also die Bayern-SPD ohne Ude.

Nun muss die SPD nur noch ihre Fanartikel auf Ude umstellen. Man kann zwar einen Toaster kaufen, der das SPD-Logo aufs Brot brennt oder eine Herbert Wehner-CD. Ja, sogar einen großen SPD-Kuschelteddy, der stattliche 135 Euro kostet. Nur die Ude-Bücher sucht man vergeblich. Solange müssen sich die Genossen eben mit roten Schals begnügen – ganze 47 Stück wurden verkauft.

Mike Schier

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