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Interview mit Prof. Claudia Kemfert (DIW) zu verlängerten Laufzeiten von Atomkraftwerken

„Der Atomausstieg ist nur verschoben“

017.10.09|Politik|Politik|1
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Artikel: „Der Atomausstieg ist nur verschoben“

München - Union und FDP haben bei ihren Koalitionsverhandlungen beschlossen, die Laufzeiten sicherer Atomkraftwerke zu verlängern. Über die Auswirkungen sprachen wir mit Professor Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

© dpa

Eines der leistungsstärksten Kernkraftwerke der Welt: Isar II, seit 1988 in Niederbayern in Betrieb.

Ist das der Wiedereinstieg in die Kernkraft oder nur ein verzögerter Ausstieg über 2022 hinaus?

Das ist kein Ausstieg aus dem Ausstieg. Der Ausstieg ist aufgeschoben, nicht aufgehoben. Es wird sicher nicht dazu kommen, dass in Deutschland neue Atommeiler gebaut werden.

Die Koalitionäre haben bisher keine Frist für die Verlängerung angesetzt. Mit welchem Zeitraum muss man rechnen?

Das wird jetzt zu verhandeln sein. Ich empfehle dringend, erst ein Energiekonzept zu erarbeiten, in dem man genau festlegt, was man erreichen will – in punkto Energieeffizienz, erneuerbare Energien, neue Techniken, Infrastrukturausbau und nachhaltige Mobilität. Danach muss mit den Konzernen ausgehandelt werden, wieviel Geld sie zu geben bereit sind im Gegenzug für die Erweiterung der maximalen Produktionsmenge der Kraftwerke. Das wird dann Teil eines neuen Atomkonsenses sein.

Die Laufzeitverlängerung soll für „sichere“ Kernkraftwerke gelten. Was bedeutet das für jene Anlagen, die nach dem rot-grünen Beschluss in dieser Legislaturperiode abgeschaltet werden sollten – wie Isar I im Jahr 2011?

Sicherheit heißt, dass die internationalen und deutschen Sicherheitsbestimmungen erfüllt sein müssen. Diese müssen übrigens für jedes Kraftwerk erfüllt sein – egal wie alt es ist. Das muss geprüft werden. Das kann für Isar I also bedeuten, dass es länger läuft, wenn die Sicherheitsbestimmungen erfüllt werden – oder abgeschaltet wird, wenn sie nicht erfüllt werden.

Im Jahr 2008 betrug der Anteil der Kernkraft an der Stromversorgung in Deutschland etwa 23 Prozent. Wären im Jahr 2023 ohne Atomkraft wirklich die Lichter ausgegangen?

Nein, das nicht. Das Problem in Deutschland besteht aber darin, dass wir zusätzlich zu den 23 Prozent Kernenergie, die vom Netz gehen sollen, ungefähr noch einmal den gleichen Anteil von Energie aus Kohlekraftwerken verlieren werden, die aus Altersgründen vom Netz gehen müssen. Das heißt: 40 Prozent des heutigen Stromangebots gehen politik- oder altersbedingt in den kommenden 10 Jahren vom Netz. Das muss ausgeglichen werden. Das funktioniert zur Hälfte durch Energieeinsparung und Kraft-Wärme-Kopplung sowie den Ausbau erneuerbarer Energien. Die Frage ist dann aber: wie werden die restlichen 20 Prozent des Stroms produziert? Man kann neue Kohlekraftwerke bauen, die zwar effizienter sind als die alten, aber dennoch große Mengen klimaschädlicher Treibhausgase produzieren. Auch Gaskraftwerke sind interessant, da sie in der Verbindung mit der Wärmeproduktion äußerst effizient und zudem flexibel einsetzbar sind. Allerdings würde sich dann der Gasimport erhöhen, insbesondere aus Russland. Die Lichter gehen in Deutschland sicherlich nicht aus, denn rein physikalisch gibt es keine Stromlücke. Aber: je knapper das Angebot, desto höher die Preise.

Die Gewinne der Atomkonzerne durch die Verlängerung sollen zum Teil in die Forschung neuer Technologien fließen...

Es ist sehr sinnvoll, dass man sehr viel mehr Geld in die Erforschung innovativer Energien steckt, denn diese benötigen wir besser gestern als heute. In der Vergangenheit wurden die Gelder gekürzt. Neben den erneuerbaren Energien benötigen wir dringend Technik zur Speicherung von Energie, umweltfreundliche Kohletechniken sowie klimafreundliche Antriebstechniken im Bereich Mobilität. Im Bereich Infrastriktur sollte eine deutsche Netz AG gegründet werden, zudem brauchen wir dringend ein Gesetz zur Einlagerung von CO2.

Sie geben Kritikern also nicht Recht, die sagen, durch den Atombeschluss fallen wir bei der grünen Technik wieder zurück?

Überhaupt nicht. Das Gegenteil ist richtig, wenn sichergestellt ist, dass auch mehr Geld für die innovativen Technologien bereitgestellt wird. Die erneuerbaren Energien wachsen ohnehin weiter, da das Gesetz zur Förderung erneuerbarer Energien nicht angetastet wird. Deutschland als Land der Ingenieure und Tüftler kann einen wichtigen Wettbewerbsvorteil in der Erforschung und dem Markteinsatz von innovativen Energietechnologien spielen. Diese Chancen sollten wir unbedingt nutzen.

Was bedeutet die Atomkraft-Verlängerung für die Frage der atomaren Endlagerung? Ist Gorleben die einzige Lösung?

Sicherlich nicht die einzige Lösung, aber man hat dort bereits viel Geld in die Erforschung investiert, sodass man abschließend klären muss, ob es sich tatsächlich als Endlager eignet. Man sollte aber auch andere Optionen nach internationalen Standards prüfen. Wichtig ist, dass sich die jetzige Regierung innerhalb der kommenden vier Jahre verbindlich auf das Endlager festlegt.

Interview: Alexander Weber

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