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Dolce vita ohne blauen Dunst

Dolce vita ohne blauen Dunst

- München/Rom - Aus der nicht unwichtigen Urlauber-Perspektive betrachtet, darf Italien seit gestern als ziemlich ideales Reiseziel für Nichtraucher gelten - und für Raucher, die sich ihre Leidenschaft schnell abgewöhnen wollen: Das neue strenge Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und der Gastronomie gilt nämlich nicht nur für die Italiener, sondern auch für alle Touristen. Wer's ignoriert, muss mit bis zu 275 Euro Strafe rechnen.

<P>Der Direktor des staatlichen italienischen Fremdenverkehrsamts ENIT in Deutschland, Italo Somariello, rechnet optimistisch damit, dass das Verbot keine abschreckende Wirkung auf Touristen haben werde, bisher seien die Buchungen nicht zurückgegangen. Und bei der ENIT-Vertretung in München spekuliert man, dass das neue Gesetz, wenn es es sich erst einmal eingespielt habe, sicher recht großzügig ausgelegt werde.</P><P>Im Straßen-Café bleibt Rauchen erlaubt</P><P>Doch könnte es auch anders kommen. So geht das italienische Konsulat in München davon aus, dass die Paragraphen ziemlich rigoros vollzogen werden. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Restaurant-Besitzer mit bis zu 2200 Euro Strafe rechnen müssen, wenn sie nicht gegen rauchende Gäste vorgehen und notfalls die Polizei holen. In der Vergangenheit habe sich bei der Überwachung von Gesetzen vieles geändert - selbst Helmpflicht für die Motorino-Fahrer (Mini-Motorräder) und Anschnallgebot für Auto-Insassen seien durchgesetzt worden.</P><P>Lichtblick für rauchende Italienfahrer: Im Freien darf man sich weiter eine Zigarette, Zigarre oder Pfeife anzünden, auch in Straßencafé´s, wie das Münchner Konsulat ausdrücklich bestätigte.</P><P>Und das waren die ersten Erfahrungen mit dem neuen Gesetz: In Neapel schlug es genau Mitternacht, als sich die Behörden das erste "Opfer" des drakonischen Rauchverbots herausgriffen, einen 22-Jährigen. Der junge Mann hatte sich in einer Espresso-Bar eine Zigarette angesteckt, jetzt musste er dafür 27,50 Euro Strafe zahlen.</P><P>Die Regierung in Rom wollte demonstrativ klarstellen, dass man diesmal nicht lang fackelt. In sämtlichen öffentlichen Gebäuden, in Espresso-Bars, Pizzerien und Restaurants, in Discos wie in Spielhallen heißt es "vietato fumare", Rauchen verboten - trotz Widerstands, Boykottdrohungen und mancher flehentlicher Bitten.</P><P>Ofen und Schals für die Draußen-Raucher</P><P>"Wie bei den Taliban", schimpft eine Römerin (Raucherin), als sie am Morgen in ihrem Stammcafé keine Aschenbecher mehr entdeckt. "Addio dolce vita." Nur noch in separaten Räumen mit eigener Lüftung und automatisch schließenden Türen darf die gefährdete Spezies der Nikotinabhängigen ihrer Sucht nachgeben. Nur wenige Lokale haben solchen teuren Luxus. "Entweder vor die Tür oder in die Toilette", feixt da ein Römer (Nichtraucher) in seiner Bar am Ponte Milvio. Ein Lokal in Brescia stellt einen Ofen auf den Bürgersteig, ein Restaurantbesitzer in Mailand bot den Rauchern Schals an: Die "verfolgte Minderheit" soll es warm haben.</P><P>Vereinzelt war die Stimmung aufgeheizt: In Rom verbrannten militante Nikotin-Gegner Zigaretten in Freudenfeuern. Andere gingen mit der Gesundheitspolizei auf Razzia in die Lokale. Auch sanfte Gegenwehr gab es: In Mailand veranstaltete der Club der "freundlichen Raucher" eine Spontan-Demo mit qualmenden Zigarren und Pfeifen in einem Lokal - die Provokation verpuffte.</P><P>Dabei gab sich sogar Verteidigungsminister Antonio Martino öffentlich als Gegner der Neuregelung. Er würde selbst am Kabinettstisch weiterrauchen. Und: "Wenn die Restaurants meinen Rauch nicht mehr wollen, dann kriegen sie mich auch nicht als Gast."</P><P>Der Beginn der neuen Ära hatte viele Italiener etwa so aufgewühlt wie die Deutschen die Rechtschreibreform: Zwar ist das Thema längst nicht so brennend wie Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit - aber gerade deshalb eignet es sich bestens zum fröhlichen Streiten. Paolo Conte, der bekannte Sänger, Ex-Staatsanwalt und Kettenraucher, meint zwar, entspanntes Abendessen im Restaurant gäbe es jetzt nur noch in Paris. Im Grunde sei er aber auf Seiten der Anti-Rauch-Front.</P><P>Überhaupt: Deutsche sollten von dem Vorurteil Abschied nehmen, dass Italien das Land der ungehemmten Paffer sei: Nur noch 26 Prozent der Italiener rauchen. Von den Deutschen greift rund ein Drittel regelmäßig zum Glimmstengel.</P>

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