014.07.05|Politik|Politik|
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- Berlin - Er ist ein ganz normaler Abgeordneter, einer von den hinteren Bänken. Und doch dürfte jeder Deutsche schon von ihm gehört haben. Ob "Tagesschau" oder "Heute-Journal" - Jörg Tauss ist fast immer dabei.

Seine Stimme kennt man. Sie kommt aus dem Hintergrund, ist gefürchtet, übertönt alles. Allein in dieser Wahlperiode hat es Tauss im Bundestag auf 2736 Zwischenrufe gebracht. Kein anderer Abgeordneter hat öfter gerufen, gelästert und gepöbelt.Sein Talent zeigte sich schon zu Schulzeiten: "Ich hatte in Betragen immer ausgesprochen schlechte Noten", sagt Jörg Tauss. Hinten still zu sitzen, während vorne einer spricht - das fällt dem SPD-Politiker aus Karlsruhe heute noch schwer. Kaum eine Bundestagsdebatte, in der sich der 52-Jährige nicht zu Wort meldet. "Üben, üben!", ruft er dazwischen, wenn sich CDU-Chefin Angela Merkel in ihrer Rede verhaspelt. "Den Schwachsinn muss ich mir wirklich nicht anhören!", schallt es später zur FDP.Seine Tiraden haben Tauss den Titel "Universal-Schreihals" eingebracht. Kanzler Helmut Kohl flehte: "Gebt dem Mann einen Job, dann muss er nicht so viel dazwischenrufen!" Jürgen Rüttgers von der CDU attestierte Tauss gar einen "Hirnschaden", Merkel nannte ihn "bekloppt". Dabei ist der freundliche Schwabe als solider, an der Sache orientierter Experte für Bildung und Forschung anerkannt - wenn er nicht wieder mal laut wird.Rekordhalter Tauss entschuldigt die 2736 Zwischenrufe mit seinem Organ und seinem Naturell: Erstens habe er nun mal eine relativ laute, durchdringende Stimme. "Wenn ich morgens in den Plenarsaal komme und nur Guten Morgen sage, hört sich das schon an wie ein Zwischenruf." Zweitens habe Politik auch etwas mit Leidenschaft zu tun, meint Tauss und erinnert sehnsuchtsvoll an die Ära Wehner ("Minutenlang wurde da rumrandaliert") oder die Zustände im britischen Unterhaus: "Da geht's wirklich ab."Im Deutschen Bundestag sorgen 600 Kollegen dafür, dass sich auch eine Frohnatur wie Tauss nicht langweilen muss. Allein in der aktuellen Legislaturperiode seit 2002 wurden fast 58 000 Zwischenrufe gezählt. Klar in Führung liegen die Abgeordneten der Union mit 23 000 Zwischenrufen, gefolgt von SPD (18 000), FDP (10 000) und Grünen (6000). "Weibliche Abgeordnete rufen deutlich weniger dazwischen als ihre männlichen Kollegen", hat Timo Rieg herausgefunden, der in 400-stündiger Fleißarbeit alle Plenarprotokolle analysierte. Fünf von sechs Unterbrechungen gehen aufs Konto männlicher Politiker.Amokläufer, Armleuchter, Beamtenkuh, Bombenleger, Hanswurst, Drecksau, Frankenstein, Gartenzwerg, Giftnudel, Kläffer, Lüstling, Naziflegel, Ochsenfrosch - die Liste der Zwischenrufe ist unendlich. Unerreicht bleibt Joschka Fischers "Mit Verlaub, Herr Präsident . . ."In letzter Zeit stach dafür FDP-Generalsekretär Dirk Niebel hervor, der seinem SPD-Kollegen Ludwig Stiegler "chronische Logorrhö" (Sprachdurchfall) attestierte. SPD-Chef Franz Müntefering betitelte seinen FDP-Kollegen Guido Westerwelle abwechselnd als "Windbeutel" und "arroganten Jungen". Ingo Wellenreuther von der CDU verbiss sich in den Grünen Christian Ströbele: "Als rechtskräftig verurteilter Straftäter sollten Sie den Mund halten!" Hans Michelbach (CSU) nannte den Wirtschaftsminister einen "Schwachmatiker", während sich Peter Weiß (CDU) über die Entwicklungshilfeministerin erregte: "Schämen Sie sich, einen solchen Scheißdreck zu erzählen!" Peter Ramsauer und Michael Glos (beide CSU) machten bei Rot-Grün "Proleten" und "Schutzgelderpresser" aus. Und Uwe Küster (SPD) entfuhr es voller Leidenschaft: "Himmel, Arsch und Wolkenbruch - wie kann man nur so einen Blödsinn erzählen?""Es gibt auch Grenzen", sagt Jörg Tauss. Wenn er es in Fernsehdebatten zu bunt treibt, lässt sich schon mal Frau Mama in den Plenarsaal durchstellen. "Benimm Dich", mahnt sie ihren Buben. Der weiß längst, dass man sich mit Zwischenrufen manchmal auch bei den eigenen Leuten unbeliebt macht. "Herr Kollege, langweilen Sie uns doch nicht", rief Tauss in Richtung Rednerpult. "Psst!", zischte sein Sitznachbar, "der ist doch von uns!"

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