Generalstabsmäßig geplanter Mord

Generalstabsmäßig geplanter Mord

128.11.08|PolitikFacebook
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München – Über die Terroranschläge in der indischen Millionen-Metropole Bombay (die heute Mumbai heißt), bei denen mehr als 100 Menschen getötet wurden, sprachen wir mit dem Leiter des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen, Rolf Tophoven.

Rolf Tophoven ist Sicherheitsexperte, Terrorismus-Forscher und Autor mehrerer Fachbücher.

© dpa

Rolf Tophoven ist Sicherheitsexperte, Terrorismus-Forscher und Autor mehrerer Fachbücher.

-Die Anschläge in Bombay haben eine völlig neue Qualität – sowohl in ihrer Bandbreite als auch in der Brutalität, mit der sie ausgeführt wurden. Was ist die Ursache?

Der entscheidende Punkt ist: Wer steckt dahinter? Man muss von militanten indischen Muslimen ausgehen. Was bei diesen Anschlägen auffällt und besonders interessant ist, sind die generalstabsmäßige Planung und das perfekte Vorgehen auch mit schwereren Waffen wie Maschinengewehren. Die Terroristen haben in aus ihrer Sicht perfekter Weise demonstriert, wie verwundbar Mega-Metropolen auch in Asien sind.

-Viele fühlten sich durch die Art und die Gewalt der Anschläge sofort an den Terror vom 11. September 2001 in den USA erinnert. Ist diese Verbindung gewagt?

Dass sie hergestellt wird, ist mit Blick auf die vielen Toten nicht überraschend.

-Bombay war mehrfach das Ziel von Anschlägen. Etwa im Juli 2006, als durch Bomben in Zügen nahezu 200 Menschen starben.

Wenn Bombay angegriffen wird, wird natürlich auch die Finanzmetropole und eines der wichtigsten wirtschaftlichen Zentren des Subkontinents getroffen. Das war auch ein Ziel dieser Anschläge, und es ist sicher ein Grund für die Eskalation der Gewalt.

-Die Auswirkungen auf den Standort Bombay könnten beträchtlich sein?

Durchaus. Man will Bombay und Indien destabilisieren und so ausländische Besucher und Investoren abschrecken. Hinter diesem Terror steckt deutlich erkennbar eine Gesamtstrategie.

Ja. Und das dokumentiert die Perfektion sowie die hervorragende nachrichtendienstliche Arbeit der Terroristen, die offensichtlich zu allem entschlossen sind.

-Es soll eine Gruppe namens „Deccan Mudschaheddin“ hinter den Anschlägen stecken. Kennen Sie diese Organisation?

Nein. Interessant ist aber der Begriff Mudschaheddin. Es gibt in Asien Dutzende militante Gruppen, die sich „Gotteskrieger“ nennen. Ein begriff, der aus dem Kampf der Afghanen gegen die UdSSR stammt. Inzwischen ist das Wort vielerorts zu einem Schimpfwort geworden – etwa in Pakistan. Dennoch: Bedrückend ist, dass diese Leute nicht nur in der Lage sind, eine Metropole anzugreifen, sondern auch sie zu lähmen.

-Es gibt Hinweise, dass die Angreifer gezielt nach Briten und Amerikanern gesucht haben sollen. Deutet das auf eine Querverbindung zur arabischen Welt und zum Irak hin?

Das ist nicht von der Hand zu weisen. Man wollte Diplomaten und Ausländer treffen. Man denke nur an den Anschlag vor einiger Zeit im pakistanischen Islamabad auf das dortige Marriott-Hotel, das ebenfalls ein Treffpunkt von Geschäftsleuten und Diplomaten war. Und unter ihnen natürlich auch viele Briten und Amerikaner. Fakt ist auch in Bombay, dass Hotels angegriffen wurden, von denen man weiß, dass es sich um die Anlaufstellen einflussreicher westlicher Geschäftsleute, Politiker und Diplomaten handelt.

-Planung und Ausführung der Anschläge von Bombay lassen an die Ideologie von El Kaida denken. Kann davon die Rede sein?

Ob man von einer direkten Verbindung zu El Kaida und damit zu Osama bin Laden sprechen kann, ist fraglich. Was aber eindeutig Handschrift und Stil von El Kaida ist, ist der taktische modus operandi der Operation: Das gleichzeitige Vorgehen an mehreren Orten, das gezielte Töten vieler Menschen und das Inkaufnehmen unzähliger Verletzter. Das ist die neue Dimension und Qualität des Terrorismus im 21. Jahrhundert. So pervers es klingen mag: Zwei oder drei Tote in einem Bus oder Zug wären aus Sicht der Terroristen ein Fehlschlag.

-Wie verbreitet ist die Terrorismus-Ideologie von El Kaida in Indien?

El Kaida hat ideologisch den gesamten Subkontinent und halb Asien und zugleich unzählige Terrorgruppen mit beeinflusst. Und diese Gruppen haben sicher auch gute Kontakte nach Afghanistan und Pakistan, womit die Wurzeln dieser Ideologie liegen. Und als sicher darf gelten, dass diese Ideologie auch in Indien als Impulsgeber dient.

-Im Westen Indiens ist der islamische Einfluss besonders ausgeprägt. Dennoch: Kann durch Anschläge in Indien die arabische Welt beeinflusst werden? Kann dadurch zum Beispiel im Irak oder in Pakistan etwas erreicht werden?

Das glaube ich nicht, denn es werden ja nicht nur Ausländer, sondern in der Masse vor allem Einheimische getroffen. Zudem würde der Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der sich derzeit in einer Entspannungsphase befindet, neu verschärft.

-Ist mit Blick auf die Anschläge eine Verbindung zum schwelenden Kaschmir-Konflikt denkbar?

Man sollte diese Verbindung nicht unnötig konstruieren. Fakt ist aber auch: Es hat in der Vergangenheit Ausbildungslager im pakistanisch- kontrollierten Teil Kaschmirs für Kommando-Operationen gegen Indien gegeben. Eine pakistanische Verwicklung in die Anschläge von Bombay lässt sich daraus aber nicht ableiten. Zumindest nicht aus dem derzeitigen Erkenntnisstand heraus.

-Die Terroristen sollen in Bombay auch den Sitz der ultraorthodoxen jüdischen Gruppe gestürmt haben. Warum?

Das ist ein weiterer Beweis dafür, dass Israel und das Judentum und natürlich auch die Vereinigten Staaten von Amerika in der arabisch-islamischen Welt als „der“ Feind schlechthin gelten. Ob im Fall Bombay mehr dahintersteckt, müssen die Ermittlungen erst noch ergeben.

-Muss man den Terror von Bombay auch im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Regierungswechsel in den USA und einem damit verbundenen möglichen Strategiewechsel Washingtons in der Orient-Politik sehen?

Es könnte ein Signal an die neue Regierung unter Barack Obama sein, dass die USA auch unter einem neuen Präsidenten und nach einem Wechsel in der Politik gegenüber der arabischen Welt nicht aus dem Fokus der Terroristen geraten werden.

Das Gespräch führte Werner Menner

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