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Konrad Dudens doppelter Todestag

Konrad Dudens doppelter Todestag

- VON FRIEDRICH DENK *

Am Montag vor 94 Jahren, am 1. August 1911, starb in Wiesbaden der Vater der einheitlichen deutschen Rechtschreibung, Konrad Duden. Gleichsam zur Feier seines Todestages wird am Montag, da in allen deutschen Behörden und in den meisten Schulen die Rechtschreibreform verbindlich wird, sein Lebenswerk vernichtet. Fast alle deutschsprachigen Autoren und die Mehrheit der Bürger verwenden weiter die bewährte Rechtschreibung: "Der rauhe Gemsenjäger sprang behende über die Schneewächte und schneuzte sich greulich; der 30jährige hatte ganz recht in dieser wohlbekannten Streßsituation." Beamte und Schüler müssen diesen Beispielsatz nun so schreiben: "Der raue Gämsenjäger sprang behände über die Schneewechte und schnäuzte sich gräulich; der 30-Jährige hatte ganz Recht in dieser wohl bekannten Stresssituation."

Und selbst wenn sich alle Erwachsenen gegen ihre wohlbegründete Überzeugung der staatlichen Erpressung beugen und "freiwillig" tun würden, wozu die Schüler gezwungen werden - in Millionen von Büchern in Bücherschränken und Bibliotheken wird die Überlegenheit der klassischen Rechtschreibung und die Zerstörung der einheitlichen Orthographie offenkundig bleiben.

Haben die Kritiker der Rechtschreibreform also umsonst gekämpft? Waren die Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform, die Gründung der Initiative "WIR gegen die Rechtschreibreform" in Weilheim und der Aufruf zum Volksbegehren in Bayern im Herbst 1996 Schläge ins Wasser? Haben Tausende von Bürgerinnen und Bürgern umsonst Zehntausende von Leserbriefen geschrieben, und Hunderttausende bei Unterschriftenaktionen und Umfragen umsonst ihre konstante Ablehnung der Rechtschreibreform bekundet? Waren alle Leitartikel und Kommentare, gerade auch in dieser Zeitung, vergebliche Liebesmüh?

So gut die Argumente auch waren - die Rechtschreibreform war und ist in der Tat überflüssig, milliardenteuer, inhaltlich ungenügend, eine undemokratische Zwangsmaßnahme, ein Angriff auf die Sprache und die literarische Tradition - sie haben das Inkrafttreten dieser Unreform nicht verhindern können. Nun sollen Lehrer Schreibungen als richtig gelten lassen, die grammatikalisch falsch sind (so Recht er hatte, es tut mir sehr Leid, heute Früh), und - außer in Bayern und Nordrhein-Westfalen - als falsch anstreichen, was die Schüler in fast allen literarischen Büchern lesen: ein pädagogischer Irrsinn. Die Kritiker haben also zunächst umsonst gekämpft im Sinn von "vergeblich", aber nicht umsonst im Sinn von "grundlos".

Deshalb würden die meisten von ihnen, da bin ich sicher, in einer ähnlichen Situation wiederum für das Bessere kämpfen. Und die meisten - auch ich - werden sich auch weiter nicht vor dem Gesslerhut der ss-Schreibung verbeugen und weiter "daß" mit drei Buchstaben schreiben. Wir schreiben weiter so wie die bedeutendsten deutschsprachigen Autoren und nicht wie eine Hand voll so genannter Fachleute. Vermutlich wird im Lauf der Jahre ohnehin fast alles wieder zurückgenommen, was 1996 als "neu" angepriesen wurde und in Wirklichkeit ein alter Hut war (Messergebnis, Missstand, zu Eigen, heute Abend, "A-cker" usw.) und vor mehr als 100 Jahren schon einmal aufgegeben wurde. Bis dahin halten wir uns an das Urteil von Loriot: "Die Rechtschreibreform ist ja völlig in Ordnung, wenn man weder schreiben noch lesen kann."

* Friedrich Denk, Initiator der "Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform", war Deutschlehrer am Gymnasium Weilheim

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