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Mein fremder Vater

007.04.08|Politik|Politik|
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Artikel: Mein fremder Vater

München - Vor einer Woche entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Eltern nur in Ausnahmefällen zum Umgang mit ihrem getrennt lebenden Kind gezwungen werden können. Doch was bedeutet es eigentlich für ein Kind, wenn der Vater sich weigert, es zu sehen?

Daniela Schumann* ist 35 Jahre und eine erfolgreiche Geschäftsfrau in München. Sie kam unehelich auf die Welt und wurde von ihrer Mutter allein aufgezogen. Ihren Vater, der viele hundert Kilometer entfernt wohnt, hat sie nie kennengelernt. Er war damals schon verheiratet und hat mit seiner Ehefrau zwei weitere Kinder, die vermutlich gar nichts von ihrer Halbschwester wissen. Für unsere Zeitung hat Daniela Schumann aufgeschrieben, wie der fehlende Vater ihr Leben beeinflusst hat:

"Was bildest du dir eigentlich ein, du unseliger Bastard, hier dauernd anzurufen?" Das war die erste emotionale Reaktion, die ich bekam, als ich mit 18 Jahren versuchte, meinen Vater telefonisch zu kontaktieren. Ich hatte zuvor bereits zweimal versucht ihn anzurufen, da war er beide Mal "mal eben mit dem Hund raus". Ich wette, er hatte nie einen Hund. Ich habe ihn nicht angerufen, weil ich etwa Kontakt gesucht hätte oder ihn anpöbeln wollte. Ich wollte nur höflich fragen, bis wann ich mit zwei ausstehenden Unterhaltszahlungen rechnen kann.

Zugegeben, es war nicht er selbst am Telefon, es war seine Frau - aber an diesem Tag wurde mir schlagartig klar, dass ich auch die leiseste Hoffnung vergessen kann, mein Vater könnte vielleicht doch noch irgendwann Interesse an mir haben. Ein für alle Mal. Rational gesehen. Heute, 17 Jahre später, habe ich aber die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben. Heute habe ich begriffen, dass ich dieses Thema nicht abschließen kann, denn es ist Teil meines Lebens, das ich irgendwie, irgendwo unterkriegen muss.

Damals, am Telefon, war ich ohnmächtig vor Wut. Ich konnte nichts sagen, ich habe keine Luft bekommen. Ich habe mich in meinem Körper noch nie und nie wieder so unwohl gefühlt wie bei diesem Anruf - am liebsten wäre ich aus dem Fenster gesprungen, hätte lieber körperliche Schmerzen gehabt als dieses Gefühl in mir, das ich nicht kannte, und das ich auch nicht kennen wollte. Statt aus dem Fenster zu springen, habe ich alles, was nicht niet- und nagelfest war, an die Wand geschmissen. Meine Oma stand weinend neben mir, wollte mich halten, ich habe sie angebrüllt, weggestoßen, mich eingesperrt. Und ich habe gewartet, dass er anruft. Dass er sagt: "Es tut mir leid, dass sie dich so behandelt hat, das wollte ich nicht, das tut mir weh. Entschuldige bitte." Da kam aber kein Anruf - und das hat am meisten weh getan.

Vaterlose Kinder sind wahrlich kein Phänomen mehr - aber wenig weiß man darüber, wie es ihnen geht. Das liegt sicher auch daran, dass man so schwer über diese Situtation sprechen kann. Wie soll man auch erklären, wie schmerzhaft es ist, etwas zu vermissen, das man gar nicht kennt?

Als es in meinem Freundeskreis die ersten Scheidungskinder gab, habe ich immer wieder einen Kommentar gehört: "Da geht's dir besser, du hast ihn ja wenigstens gar nicht gekannt, du kannst wenigstens nichts vermissen. Das tut ja nicht so weh." "Stimmt", hab ich dann immer gesagt. Anfangs dachte ich noch, dass ich das auch so meine - weil ich es nicht benennen konnte. Dabei hatte ich bis dahin schon verschiedene Stadien durchlaufen: Als Kind habe ich gar nicht kapiert, dass es nicht normal ist, keinen Vater zu haben. Das war zwar irgendwie komisch, aber nicht so schlimm. In der Schule habe ich dann begriffen, dass eigentlich alle einen Vater haben - selbst, wenn er nur am Wochenende kommt. Väter machen einfach andere Sachen mit ihren Kindern als Mütter, das geht schon beim geplatzen Fahrradschlauch los: Bei den anderen Kindern hat das Papa repariert - ich war Stammgast in der Fahrradwerkstatt. Und da habe ich gemerkt, dass mir da irgendwie was fehlt. Auch emotional. Die anderen Kinder redeten über ihre Väter immer mit mehr Stolz, die sind die Helden. Und da habe ich dann ein schlechtes Gewissen bekommen - weil meine Mutter immer für mich da war, weil sie alles getan hat. Und: Weil sie nie schlecht über ihn geredet hat.

Ich bin nicht damit aufgewachsen, dass "er" der Feind ist oder ein schlechter Mensch. "Man steckt nicht drin", hat sie immer gesagt, oder, "Du weißt nicht, warum er sich nicht meldet", wenn wir mal drüber gesprochen haben, und das war nicht oft. Und genau dafür habe ich ihn dann irgendwann gehasst. Weil ich irgendwann gemerkt habe, was für eine Last das für meine Mutter ist, dass sie fast daran kaputtgeht, dafür zu sorgen, dass es mir gut geht und ich nichts vermisse. Sie wollte unauffällig meinen Schmerz für mich mittragen und mir dieses Gefühl "Der will dich nicht" ersparen. Meiner Mutter hat er mehr weh getan als mir, ihr hat er zweimal das Herz gebrochen: einmal als Frau und einmal als Mutter. Für sie wäre es sicher leichter gewesen sich als gute Mutter zu fühlen, wenn sie einen Vater dazu gehabt hätte. Und das ist neben seinem Fehlen der zweite Schatten, den ich nicht abwerfen kann, und der mir weh tut.

Es ist unglaublich, wie präsent jemand sein kann, der nie da war. Nach der Hassphase kam das absolute Negieren. Alle haben mich immer gefragt: "Willst du den nicht mal kennenlernen?" Ich habe zuerst immer "Nein" gesagt. Irgendwann habe ich die Frage nicht mehr beantwortet. Ich habe ein Statement abgegeben: "Ich hasse ihn nicht mehr. Denn Hass ist ein Gefühl, und Gefühle will ich an den nicht verschwenden." Daran wirklich zu glauben, mir selbst zu glauben, hat gedauert. Das ging eine ganze Zeit lang gut: Ich habe Abitur gemacht, ich habe mich auf meine Zukunft konzentriert, dann habe ich für meine Zukunft gearbeitet.

Im Alter von 19 bis vielleicht 28 Jahren hat mein fehlender Vater keine große Rolle gespielt. Als sich die ersten Erfolge eingestellt haben, hätte ich ihm dann doch gern gezeigt, wer ich bin, was ich heute mache. Ich wollte ihm zeigen, dass aus mir was geworden ist, auch ohne ihn. Gerade ohne ihn. Ich wollte ihm zeigen, dass mir etwas Besseres gar nicht hätte passieren können als seine Abwesenheit.

Weil ich glaube, so wäre ich nie geworden, wenn er mir nicht so gefehlt hätte. Purer Trotz, immer noch. Und wieder habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich an meine Mutter denke. Ist es nicht vielmehr sie, die mich dazu gemacht hat?

Irgendwann hab ich angefangen, ihn anzurufen. So ein Mal im Jahr. Ich wollte ihn ärgern. Es waren immer Feiertage oder Wochenenden, an denen ich mich nicht gut gefühlt habe. Dann wollte ich sein trautes Familienleben stören. Er hat immer geschwiegen. Solange, bis ich aufgelegt habe. Einmal habe ich ihn im Internet gesucht und ein Foto gefunden. Alle haben immer gesagt, ich sehe aus wie er. Was ich aber gesehen habe, war das Foto eines alten, ausgemergelten Mannes. Meinen Vater habe ich mir nie als alten Mann vorgestellt. Trotzdem hat es mich befriedigt: Er sah nicht glücklich aus. Das ist das Beste, was ich über meinen Vater sagen kann. Und gleichzeitig denke ich, ich bin ein schlechter Mensch, weil ich ihm nicht verzeihen kann.

Ich warte immer noch darauf, dass er anruft, mich endlich kennenlernen will. Dass er sagt: "Ich habe einen Riesenfehler gemacht, der mein ganzes Leben überschattet hat. Weißt du, ich konnte nie ein glücklicher Mensch werden, wegen dir, weil ich nicht gesehen habe, wie du gewachsen bist, wie du gereift bist. Ich weiß ja noch nicht mal, wie du aussiehst. Es gab keinen Tag, an dem ich mich nicht geschämt habe. Das sollst du wissen. Und jetzt, jetzt würde ich dich..."

Und in diesem Moment würde ich auflegen, kommentarlos. Vielleicht könnte ich mir auch ein leises, kaltes "Zu spät" nicht verkneifen.

* Name von der Redaktion geändert

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