Superbanner

Islamische Gemeinde Penzberg: Spannung vor dem späten Urteil

Islamische Gemeinde Penzberg

Muslime: Spannung vor dem späten Urteil

Penzberg - Vor fast zehn Monaten zogen die Penzberger Muslime gegen den Freistaat vor Gericht, weil der Verfassungsschutz ihnen Kontakte zu Islamisten vorwirft. Im März soll die mit Spannung erwartete Entscheidung fallen.

Egal wie das Urteil ausfällt – es wird für Aufsehen sorgen. Im Mai 2009 hatte sich die Islamische Gemeinde Penzberg zu einem drastischen Schritt entschieden. Sie zog gegen den Freistaat Bayern vor Gericht. Der Grund: Seit 2007 ist die Gemeinde im Verfassungsschutzbericht aufgeführt. Der Inlandsgeheimdienst wirft den Muslimen Nähe zum Islamismus vor – was für die Gemeinde schmerzliche Einschnitte mit sich brachte. So wurde ihr die Gemeinnützigkeit entzogen. Ein Schock für die Penzberger Muslime, die stets den Ruf hatten, vorbildlich um Integration bemüht zu sein.

Die Muslime dementieren die Vorwürfe der Verfassungsschützer entschieden. Entschlossen, für die Rettung ihres Rufs zu kämpfen, wollen sie vor Gericht die Streichung der Gemeinde aus dem Bericht erstreiten. Der Anwalt und frühere FDP-Bundestagsabgeordnete Hildebrecht Braun übernahm den Fall für die Muslime – kostenlos. Nun, fast zehn Monate später steht die Entscheidung kurz bevor: Im März soll sie fallen, heißt es beim Verwaltungsgericht München. Doch aus Sicht der Muslime kommt das wohl viel zu spät. Am 31. März wird bereits der neue bayerische Verfassungsschutzbericht veröffentlicht, er dürfte bereits in weiten Teilen fertiggestellt sein. Und die Gemeinde fürchtet daher, wieder darin aufgeführt zu sein. Anwalt Braun ist empört, dass sich das Gericht so lange Zeit ließ. „Es ist mir schwer begreiflich, wie man diese Menschen so schmoren lassen kann“, so Braun. Schließlich habe er am 7. Mai 2009 einen Eilantrag auf Erlassung einer einstweiligen Anordnung gestellt. Darin forderte er die Streichung der Gemeinde aus dem Verfassungsschutzbericht. Ein solcher Eilantrag werde normalerweise nach Tagen, mindestens aber nach Wochen entschieden. „So lange aber das Verwaltungsgericht nicht entscheidet, muss die Penzberger Gemeinde weiterhin mit dem schlimmenVorwurf leben, sie sei verfassungsfeindlich.“

Beim Verwaltungsgericht verteidigt man die lange Bearbeitungszeit: Beide Seiten hätten große Schriftsätze vorgelegt, ausführlich vorgetragen und Argumente ausgetauscht. Gegenstand des Verfahrens sei im Übrigen der Verfassungsschutzbericht des Jahres 2008 – und nicht der neu erscheinende Bericht für 2009. Das Gericht teilte Braun mit: Die Sache werde unabhängig vom neu erscheinenden Bericht entschieden. Keine gute Nachricht für die Muslime, die hofften, sich davor auf dem Rechtsweg schützen zu können. Es ist in der Tat eine Entscheidung von großer Tragweite, die das Gericht zu treffen hat. Es geht um die grundlegende Frage, wann der Verfassungsschutz eine Organisation ins Fadenkreuz nehmen kann. Darum, wie stichhaltig Hinweise gegen eine Gruppe sein müssen, damit sie im Verfassungsschutzbericht aufgeführt werden darf – und somit öffentlich stigmatisiert wird.

Der Vorgang, so glauben Experten, könnte durchaus zum Präzedenzfall werden. Der Verfassungsschutz wirft führenden Mitgliedern der islamischen Gemeinde vor, intensive Kontakte zu Gruppen und Personen zu pflegen, die sie als islamisch-extremistisch einstufen – darunter die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG). Als Belege führen sie unter anderem frühere Vereinslisten, Arbeitsprogramme und interne Dokumente der IGMG, aber auch Abhörprotokolle an. Man habe wesentliche Anhaltspunkte dafür, dass die Verbindungen weiter bestünden, hieß es. Die Muslime dementieren entschieden – und versuchen, in ausführlichen Stellungnahmen jedes einzelne Indiz zu widerlegen. Rückendeckung erhalten sie dabei zunehmend von Politikern verschiedenster Couleur – auch aus der CSU. So lobte Alois Glück die Penzberger ausdrücklich für ihre Integrationsarbeit und Offenheit. Die Münchner Rathaus-CSU unterstützt entschieden ein Projekt des Penzberger Imams Benjamin Idriz. Er will in München eine islamische Akademie errichten. Auch bei SPD, FDP und Grünen gibt es viele Befürworter des Projekts in Stadt und Land. Und so sehen auch die Muslime mit breiter Brust der Entscheidung entgegen. Eines scheint ohnehin wahrscheinlich: Egal, welche Entscheidung das Verwaltungsgericht fällt – es dürfte eine vorläufige sein. Beide Seiten wirken entschlossen, notfalls in die nächste Instanz zu gehen.

Von Johannes Patzig

Rubriklistenbild: © dpa

zurück zur Übersicht: Politik

Kommentare

Meist kommentierte Artikel

  • Letzte Woche
  • Monat
  • Themen

Steinbrück: Sarrazins Thesen sind "Bullshit"

Berlin - Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin hält die jüngsten Euro-Thesen des Autors und früheren Bundesbank-Vorstands Thilo Sarrazin für “erbärmlich“ und wirft ihm “D-Mark-Chauvinismus“ vor.Mehr...

Özdemir warnt Piraten-Wähler

Berllin - Die Grünen haben die Wähler davor gewarnt, mit Stimmen für die Piratenpartei große Koalitionen zu ermöglichen und Rot-Grün zu verhindern.Mehr...

Newsletter

Aktuelle Fotostrecken

Röttgen-Verabschiedung: Merkel wie versteinert

weitere Fotostrecken:
Probeabo

Meist gelesene Artikel

  • Heute
  • Letzte Woche
  • Monat
  • Themen

Organspende: So sieht die neue Regelung aus

Berlin - Niemand wird zum Ja gezwungen, aber alle werden gefragt - die Bürger sollen sich zur Organspende bekennen. Nach rund 15 Jahren Debatte zieht der Bundestag Konsequenzen aus dem fatalen Organmangel.Mehr...

Holocaust & Euro: Sarrazin-Eklat bei Jauch

Berlin - Thilo Sarrazin hat erneut mit gewagten Äußerungen provoziert. Sein Auftritt in Günther Jauchs ARD-Talkshow wurde von Politikern von SPD, FDP und Grünen scharf kritisiert.Mehr...

Innenminister Herrmann bei Baggerunfall verletzt

Kempten - Beim Spatenstich zur Bau einer neuen Straße in Kempten ist Bayerns Innenminister Joachim Herrmann in einen tonnenschweren Bagger geklettert - und mit dem Gefährt umgekippt.Mehr...

Wirtschaft

IWF-Chefin Lagarde hat mit Griechen kein Mitleid

IWF-Chefin Lagarde hat mit Griechen kein Mitleid

London - Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, hat wenig Mitleid für die unter Wirtschaftskrise und Sparmaßnahmen leidenden Griechen. Ihre Lösungsvorschläge.Mehr...

Sonne liefert Deutschland erstmals soviel Leistung wie 20 AKW

Sonne liefert soviel Leistung wie 20 AKW

Münster - Energiewende und sommerliches Wetter machen es möglich: Deutschland hat eine neue Spitzenleistung bei der Sonnenenergie erreicht. Dass ist auch ein Verdienst der Bundesregierung.Mehr...

Studie: Jeder dritte Deutsche fürchtet Immobilienblase

Studie: Jeder dritte Deutsche fürchtet Immobilienblase

Stuttgart - Jeder dritte Deutsche sieht einer Studie zufolge wegen der Flucht vieler Anleger ins “Betongold“ im Zuge der Finanzkrise die Gefahr einer Immobilienblase. Was die Deutschen befürchten.Mehr...

Artikel lizenziert durch © merkur-online
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.merkur-online.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

SkyScraper