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Politischer Aschermittwoch der CSU: Rückkehr einer Urgewalt

Rückkehr einer Urgewalt

Passau - Zwei Hauptredner, von denen einer nicht darf und der andere nicht will: Es wären die Zutaten, um eine Aschermittwochshalle einzuschläfern. Nur die alte Leidenschaft, die plötzlich aus Edmund Stoiber herausbricht, rettet Passau.

© dapd

„Dann kann uns keiner gefährlich werden“: Edmund Stoiber fordert beim Aschermittwoch mehr Geschlossenheit der CSU.

Sie haben die Stabübergabe zur Halbzeit vereinbart, und diese Augenblicke sind entscheidend. Müde, wie abgeschlagen stapft Horst Seehofer von der Bühne, die Arme baumeln rechts und links runter. Als wär’s seine letzte Kraft, greift er mit beiden Händen zum Krug. Er krächzt irgendwas, die Stimme versagt. Kurz nur steigt er auf die Bierbank, winkt ins Publikum. Neben Seehofer steht ein junger Kerl, um die 70, er scherzt, lacht und federt dann rauf auf die Bühne. „Jaaa“, beginnt Edmund Stoiber dort. Die Halle jubelt, er grinst und schiebt nach: „Die Südkurve, sie steht.“

Und wie sie steht. Hinten zieht die Junge Union ein Bettlaken in die Luft, „Stoiber for Bundespräsident“ prangt drauf. „Edmund, Edmund“- Chöre schallen durch die Dreiländerhalle. Sogar vorne im abgetrennten Bereich für die Superwichtigen sitzen sie mit leuchtenden Augen und schauen nach oben. „Freibier“, kräht einer. In diesem Moment ist klar, dass der Aschermittwoch nicht in jenem Desaster endet, das Pessimisten befürchtet hatten.

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Passau, der Hort konservativer Kraftmeierei, erlebt am Aschermittwoch 2012 ein verrücktes Spektakel: Parteichef Seehofer darf, weil er für 30 Tage amtierender Bundespräsident ist, keine parteipolitische Rumpel-Rede halten. Er nimmt sich zurück, wirkt körperlich eh angeschlagen, überlässt die Bühne seinem Vor-Vorgänger. Stoiber mag, weil er kein amtierender Irgendwas ist, sondern Elder Statesman, auch keine parteipolitische Rumpel-Rede halten. Dass dieses Duo die Veranstaltung nicht vor die Wand fährt, sondern mit frenetischem Beifall begrüßt, gefeiert und verabschiedet wird, ist ein kleines Wunder.

Dabei hat es gar nicht so gut angefangen. „Grüß Gott in unserem gelobten Land“, sagt Seehofer salbungsvoll in den Saal, und in diesem getragenen Ton geht es weiter. Er redet von Chancen, Generationengerechtigkeit, Schuldenbremsen. Ausgiebig dankt und lobt er, insbesondere sich selbst, er richtet eine höfliche Ansprache an „Sie als Volk“.

Das Volk, nun ja, es ist in dieser Passauer Fischsemmelhalle ein besonderes. Eigentlich will es gar nicht so viel über Generationengerechtigkeit wissen. Lieber würde es noch mal hören, dass Rot-Grün ein Dilettantenpack ist, Wowereit faul, Gabriel fett und Trittin irgendwas, was bisher stets im Sturm wütender Buhrufe unterging.

Doch Seehofer sagt dazu keinen Ton. Er hält ein präsidiales Grußwort über eine Dreiviertelstunde. Natürlich stupst er hier und da heiße Themen an. Aber nie grob, mit kaum einem Wort abwertend. Bei der Passage über den Länderfinanzausgleich zitiert er sogar den Grünen-Politiker Winfried Kretschmann, die Halle hält die Luft an. „Und das ist richtig“, schiebt er schnell hinterher, damit die 4000 nicht gellend lospfeifen. Für Passauer Verhältnisse klingt all das, als hätte er einen Maßkrug voll Weichspüler gefrühstückt.

Man kann Seehofer nicht mal einen Vorwurf machen. Er hat sich nicht gerissen um die Vertretung des zurückgetretenen Bundespräsidenten, das Grundgesetz lädt sie ihm einfach auf. Wenn er am Donnerstagmorgen eine Gedenkstunde mit den Opfern rechtsextremen Terrors hat, dort als Präsident den Staat und dessen Versagen vertreten und erklären muss – kann er dann wirklich am Mittwoch eine politische Pöbel- und Rüpel-Rede halten? Am Mittwoch im Bierdunst alles nördlich des Mains als Dilettanten und Versager verspotten und am Donnerstag als Staatsoberhaupt integrieren?

Er kann nicht. Er will auch nicht. „Herrgottsa, man wird doch mal vier Wochen das Wasser halten können“, sagt er am Rande der Halle im kleinen Kreis. Disziplin brauche man jetzt für die Vertretungszeit, Zurückhaltung: „Ich möchte, dass diese vier Wochen unfallfrei ablaufen. Keine Regelverletzung.“ Die Lizenz zum Rempeln erhält nur Generalsekretär Alexander Dobrindt in einem kurzen Beitrag. Zehn Minuten darf er sich an allen politischen Gegnern abarbeiten, Wowi, Gabriel, und so. Aber selbst das ist von Kuscheleien überschattet: Seehofer plaudert nämlich das gut gehütete Geheimnis aus, dass Dobrindt gerade Vater eines Sohnes – Emmeran – geworden ist.

Man kann nun spekulieren, ob Seehofer die Polter-Pause nicht doch willkommen ist. In Passau hat er früher nie den Eindruck erweckt, das Bierzelt wäre sein Paradies. Er mag feine Ironie, er liebt strategisches Denken. Drei Stunden dozieren, grollen, toben wie weiland Strauß und Stoiber, ist nicht seines. Ihm versagt nach 30 Minuten auch regelmäßig die Stimme. Selbst nach seinem moderaten Präsidenten-Referat in Passau ist er heiser.

Das mag 2013 noch zum Problem werden. Heuer ist es der Halle wurscht. Sie beklatscht Seehofer herzlich, macht aber bald klar, dass nicht er im Mittelpunkt steht, sondern die Wiederauferstehung eines Idols. Als der Kapellmeister morgens den Taktstock zum Defiliermarsch hebt, gehen schon die „Edmund“-Choräle im Saal los. Uwe Wehrspaun, einer aus der legendären „Peine“- Delegation im ausgewaschenen Stoiber-T-Shirt von 2002, jubelt: „Das is’n Vollblut. Der sacht alles. So wie’s is.“ Und die Fans singen „Oh, wie ist das schön. So was hat man lange nicht gesehen.“

Fünf Jahre lang nicht, um genau zu sein, seit dem letzten Aschermittwochsauftritt des frisch gestürzten Stoiber 2007. Dabei ist es so ein Spektakel. Am Pult bricht aus Stoiber die Leidenschaft heraus. Er ist noch immer der Alte. Hüpft und wippt auf der Bühne, vor und zurück, der rechte Zeigefinger saust durch die Luft. Im nächsten Moment packt Stoiber das Pult, die beiden Mikrofone wackeln wie Kuhschwänze. Er rupft sich die Brille vom Gesicht, setzt sie wieder auf. Dann nimmt er die Armbanduhr ab, will sie vor sich legen, die Redezeit im Blick. Aber was ist schon Zeit? Irgendein Gedanke kommt ihm dazwischen. Gestikulierend wedelt er die Uhr durch die Luft, legt sie kurz hin, packt sie wieder, schiebt sie in die linke Tasche des Trachtenanzugs, wo er sie erst nach der Rede wiederfinden wird. „Er könnte jetzt“, sagt Minister Ludwig Spaenle drunten im Publikum begeistert, „auch das Telefonbuch vorlesen.“

Stoiber aber geht es um das Stammbuch, das der CSU. Auch er hat sich nicht gerissen um den Auftritt. Er fand es nicht sonderlich lustig, dass Seehofer vor einer Woche munter die Redezeit-Teilung beschloss und dann erst in Wolfratshausen nachfragte, ob der Ehrenvorsitzende überhaupt als Hauptredner mitmachen würde. Aber wenn er schon da ist in Passau, hat er seiner Partei etwas zu sagen. Drei Dinge sind es.

Stoiber hält ein flammendes Plädoyer für den designierten Bundespräsidenten Joachim Gauck, schildert ihn als aufrechten Konservativen. Für klare Worte zu Integrationsdefiziten, gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei: „Was soll ich denn eigentlich gegen den Mann einwenden?“, donnert Stoiber. „Man kann auch den zweiten Aufschlag in ein Ass verwandeln“, trichtert er der Halle ein. Das gleiche Publikum, das bei Seehofers kurzem Lob über Gauck noch sehr verhalten reagiert hat, jubelt nun.

Außerdem stellt sich Stoiber klar hinter die Pläne zur Schuldentilgung in Bayern. „Das, was die Regierung Seehofer anvisiert, ist wieder ein Vorbild“, sagt er: „Das muss im Grunde genommen allgemeine Meinung werden.“

Auch Stoiber holzt nicht. Nur ein paar kleine Spitzen lässt er zu, auf die „anderen Veranstaltungen in kleinem Rahmen“ der übrigen Parteien. Ein bisschen was zur Schulpolitik: „Lassen wir uns nicht einreden“, faucht er, „dass wir als Primus das Bildungssystem der Verlierer übernehmen müssten.“

Seine wichtigste Botschaft richtet sich eh an die eigenen Leute. Stoiber schließt seinen Auftritt mit einem flammenden Appell an die Einheit. „Die legendäre Geschlossenheit war mal das Markenzeichen der CSU.“ Nur dann sei die CSU stark, „dann kann uns keiner gefährlich werden“. Stoiber will wieder über das Alleinregieren reden. Er nimmt nicht das Wort „Koalition“ in den Mund – „es“, sagt er, „es“ dürfe „nur eine Episode gewesen sein“.

Die Halle mag „es“ auch nicht, und sie tobt bei solchen Sätzen vor Begeisterung. Intern gibt es wohl Umfragen, die das aktuell sogar untermauern. Stoiber hat schon lang geendet, da skandieren sie noch immer „Edmund“. Welch dankbares Publikum. Auch Seehofer kommt noch mal zur Huldigung auf die Bühne, mit letzter Stimme krächzt er ins Mikrofon: „Er ist ein ganz Großer. Danke.“

Irgendwas zupft dann an seinem rechten Ärmel. Es ist Stoiber, der Seehofers Handgelenk packt und nach oben reißt. Das ist nicht sehr präsidial jetzt, etwas verdutzt wirkt Seehofer schon. Aber was will man gegen diese Urgewalt schon machen.

Christian Deutschländer

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