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Schulleiter Franz Igerl: "Wir züchten uns diese Jugendlichen"

Schulleiter Franz Igerl: "Wir züchten uns diese Jugendlichen"

München - "Wo die Familie keine Struktur hat, gehen die Kinder unter", sagt Franz Igerl. Der 62-Jährige ist Rektor der Grundschule an der Bergmannstraße im Münchner Westend. In der Debatte um den Umgang mit gewalttätigen Kindern und Jugendlichen plädiert er für frühzeitiges Eingreifen und fordert notfalls eine Beschneidung der Elternrechte.

Besteht unsere Jugend nur aus Problemkindern?

Es ist falsch, wenn man immer nur das Negative sieht. Wir haben sehr viele tolle Kinder. Aber wir haben auch eine geringe Anzahl von Kindern, die eine stärkere Hilfestellung benötigen ­ wobei entscheidend ist, dass sich diese an die Eltern richtet. Ein Beispiel: Wenn sie heute eine Therapieform für Kinder erkennen, haben sie keine Chance, den Kindern zu helfen, wenn die Eltern nicht zustimmen. Die aktuelle Debatte muss also im Elternhaus beginnen.

Und wie reagieren die Eltern?

Meine Kollegen und ich fühlen uns verlassen. Ich habe hier an meiner Schule drei Kinder, die auf eine Schule für schwer erziehbare Kinder müssten. Aber erstens gibt es keinen Platz, und zweitens lehnen die Eltern es ab. Noch ein Beispiel: Ich habe bei uns ein Elterncafé initiiert, mit dem Ziel, ausländische Eltern einzuladen. Wir mussten das Projekt wieder aufgeben, weil die Eltern, für die es gedacht war, nicht gekommen sind. Unser Problem ist, dass, wenn wir heute 100 Kinder neu einschulen, ein Drittel der Eltern nicht zum ersten Elternabend erscheint.

Zwischen Elternhaus und Schule findet also kaum Kommunikation statt?

Wir haben keinen Zugang zu den Eltern. Das Elternrecht ist viel zu stark, als dass wir die Strukturen ändern könnten. Wir überlegen uns ständig Maßnahmen für ein gutes Miteinander ­ etwa der gewaltfreie Pausenhof ­, aber die werden torpediert, weil nicht alle Eltern sie mittragen. Das fängt damit an, dass die Kinder nicht mehr pünktlich zum Unterricht kommen. Und wenn ein Kind ständig aggressiv ist und wir die Eltern einladen, sagen die nur: "Wir haben aber ein braves Kind." -Wie erleben Sie die problematischen Kinder und Jugendlichen? Distanzlos. Restlos distanzlos. Sie kennen keine Grenzen...

...was sich in der Grundschule nur schwer auffangen lässt.

Das können wir nicht. Dagegen sind wir eigentlich machtlos. Das Problem ist, dass sich unser Staat für diese Kinder eine Halbtagsschule leistet ­ das funktioniert nicht. Was machen sie denn am Nachmittag? Vor dem Fernseher hängen, vor dem Computer hängen oder durch die Stadt streunen. Es fehlt die Einsicht, dass diese Kinder eine ganztägige Betreuung brauchen.

Sie plädieren für Ganztagsschulen?

Absolut. Denn diese Kinder brauchen klare Strukturen, die sie zu Hause nie lernen, und eine spezifische Betreuung. Es ist ja nur ein Bruchteil der Schüler so, aber diese drei, vier Schüler pro Klasse sind eine große Belastung ­ nicht nur für die Lehrer, auch für die anderen Schüler. Sehr viel Zeit von Lehrern und auch von mir als Schulleiter geht dafür drauf, sich mit diesen Problemschülern zu beschäftigen. Kinder, die in strukturlosen Familien aufwachsen, sind viel besser im Internat oder in Ganztagesschulen aufgehoben. Weil sie einen festen Tagesrhythmus haben, Regeln befolgen und zum ersten Mal lernen, sozialverträglich miteinander umzugehen.

Was, wenn Eltern ­ aus welchen Gründen auch immer ­ ihren Kindern kein Benehmen, Respekt und Regeln für ein zivilisiertes Miteinander vermitteln?

Unser System lässt zu, dass Kinder, die bereits im Alter von vier oder fünf Jahren ständig Frustrationserlebnisse haben, auf die Hauptschule kommen. Da verstärkt sich natürlich die Aggression. Klar, wenn ich ständig erfahre: "Ich kann nichts, ich bin nichts, ich bin nichts wert." Da ist das Berufsziel dann Hartz IV. Ich kenne einige, die hier zur Schule gegangen sind und die jetzt die großen Drogendealer im Viertel sind. Und die Eltern sind hilflos, weil sie eigentlich nie kapiert haben, was passiert ist.

Können Sie bei Auffälligkeiten nicht das Jugendamt einschalten?

Die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern kann man vergessen. Weil die Jugendämter darum bitten müssen, dass sie in die Familien kommen ­ wenn die Eltern nicht wollen, bleibt die Tür zu.

Hilft es, Elternrechte zu beschneiden?

Absolut. Bei diesen Problemeltern müssen wir eine ganz andere Handlungsstrategie entwickeln. Der Staat muss die Eltern zwingen, ihre Kinder in Therapiemaßnahmen zu schicken ­ und das dann auch kontrollieren. Eine Beschneidung des Elternrechts erlebe ich aber fast nie.

Was halten Sie von einem Elternführerschein?

Der Staat muss Elternschulungen vorschreiben und durchführen. Da müssten Anleitungen zur richtigen Erziehung gegeben werden. Es müssen Erziehungswerte vermittelt werden, und es muss gezeigt werden, welche Grenzen man seinem Kind setzen muss. Den Eltern muss auch gezeigt werden, wie man ein strukturiertes Leben führt: Dass man in der Früh aufsteht, frühstückt, zur Schule geht, am Nachmittag Schularbeiten macht ­ das kennen viele Kinder nicht.

Wo sehen Sie die größten Probleme?

Bei vielen männlichen ausländischen Jugendlichen und ihrem Macho-Kult. Sie schließen sich aus einer Not heraus zu Gruppen zusammen, weil sie einen sozialen Bezugsrahmen brauchen. Den finden sie nur unter ihresgleichen. Nächstes Problem sind die Deutschkenntnisse, da müsste es noch mehr Möglichkeiten schon im Kindergarten geben. Außerdem müssen Schulpsychologen und Lehrer in die Elternhäuser dürfen. Das muss früh anfangen.

Ist es sinnvoll, das Alter fürs Jugendstrafrecht abzusenken?

Nein. Kinder sind Kinder, die sind in einer Entwicklung. Wir brauchen andere Ansätze, eine spezielle und besonders nahtlose Betreuung. Wir brauchen Sanktionen gegen Eltern, etwa Streichung des Kindergelds. Elternsein bedeutet Pflichten und nicht nur, das Kindergeld einzustreichen.

Was halten Sie von einer schnellen Abschiebung krimineller ausländischer Jugendlicher?

Nichts. Diese Kinder sind Teil unserer Gesellschaft, die sind hier aufgewachsen. Da müssen sich die Politiker fragen, was sie versäumt haben.

Sie beklagen, dass Kindergarten und Grundschule sich nicht über Problemfälle austauschen dürfen.

Es ist ein Irrsinn, dass ein Kindergarten der aufnehmenden Grundschule aus datenschutzrechtlichen Gründen nichts über Problemeltern und Auffälligkeiten des Kindes mitteilen darf. Wir wollen doch beiden helfen. Wir kämpfen in der Grundschule, aber das verpufft. Und nochmal: Wir dürfen nicht pauschalisieren ­ es ist eine kleine Gruppe von schwierigen Kindern und denen muss geholfen werden.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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