Spurensuche: Die Mär vom Bär

Spurensuche: Die Mär vom Bär

005.03.08|PolitikFacebook
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München - Knut kommt heute als Filmheld in die Kinos, und Eisbär-Baby Flocke steht kurz vor dem ersten öffentlichen Auftritt im Freigehege des Nürnberger Zoos. Beide Vierbeiner haben Popstar-Qualitäten. Dabei gehören Bären zu den gefährlichsten Raubtieren der Welt. Nur scheinbar ein Widerspruch.

Bevor jetzt drollige Fellknäuel mit Knopfaugen durchs Gehege tapsen, muss ein Absatz Grausamkeit folgen: Timothy Treadwell lebte über Jahre mit Bären in der Wildnis Alaskas. Am 6. Oktober 2003 wurde sein Leichnam gefunden - ein Grizzly hatte den "Bären-Flüsterer" getötet. Die Attacke des 500 Kilogramm schweren Säugetiers wurde zufällig auf einem Tonband aufgezeichnet, das Treadwell bei sich hatte. Der deutsche Regisseur Werner Herzog hat für seinen Film "Grizzly Man" Treadwells Film- und Tonaufnahmen jener Raubtiere, mit denen er den Alltag teilte, zu einem Porträt des eigenwilligen Mannes montiert. Jenes Tondokument jedoch, das Treadwells qualvolles Sterben dokumentiert, baute Herzog nicht in seinen Film ein: Stattdessen sieht der Zuschauer, wie sich der Regisseur die Aufnahmen über Kopfhörer anhört. Es muss der Soundtrack des Darwinismus gewesen sein, das grausige Lied vom Recht des Stärkeren, das da erklang.

Doch auch wer Herzogs entgeisterte Gesichtszüge in dieser Dokumentation nicht gesehen hat, weiß, dass Bären zu den gefährlichsten Säugetieren des Planeten gehören - nicht zuletzt, weil sie blitzschnell zur Attacke übergehen können, ohne dass dies vorher wirklich zu erkennen wäre. Die Mimik von Bären erinnert Harry Rowohlt denn auch an den stoischen Stummfilmkomiker Buster Keaton. "Selbst wenn ein Bär angreift, schaut er treu", erklärt der Übersetzer von Alan Alexander Milnes Kinderbuch "Pu der Bär".

Weiteres Gefahrenpotenzial bezieht die Spezies aus dem, was in der Bibel, bei Samuel, als "wilder Mut" bezeichnet wird. Als Symbol für diesen nennt das Buch der Bücher eine Bärin, der das Junge geraubt wurde. Es ist davon auszugehen, dass die Formulierung "wilder Mut" respektvoll niedergeschrieben wurde.

Bären sind also unberechenbar, haben Körper wie Bauernschränke aus massivem Holz, und sie sind zu allem entschlossen, wenn sie schlecht gelaunt sind. Wen wundert es da noch, dass Karl May seinem Old Shatterhand mit dem "Bärentöter" eine besonders machtvolle Waffe mit in den Wilden Westen gegeben hat. Schließlich sollte der durch so manches Abenteuer galoppieren - als strahlender Held und nicht als tragisches Opfer einer Bären-Attacke: "Der Bärentöter ist ein doppelter Vorderlader mit zweilöthigen Kugeln. Treffsicherheit 1800 Meter, Gewicht 20 alte Pfund; es gehört also ein sehr kräftiger Mann dazu", schrieb der Schriftsteller an seinen treuen Leser Carl Jung. Sicher ist sicher.

Und dennoch: Nicht erst der Eisbären-Nachwuchs in Berlin und Nürnberg, wo die Tierpark-Leitung an Spitzentagen bis zu 25 000 Besucher erwartet, wenn Flocke von Anfang April an im Freigehege tollen wird, begeistert die Menschen. Erinnert sei etwa an die Spannung, mit der im Mai 2006 die wirren Wanderungen des "Problembären" Bruno alias JJ1 von der Öffentlichkeit verfolgt wurden - ganz zu schweigen vom kollektiven Aufschrei, als Bruno in die ewigen Jagdgründe geschickt wurde.

Um den Bären-Boom zu ergründen, braucht es aber zunächst einen Sprung weit zurück in die Vergangenheit, denn die Beziehung zwischen Mensch und Bär ist alt. Sehr alt: Etwa 40 000 Jahre vor Christus, in der sogenannten jüngeren Altsteinzeit, sind erste Bilder von Bären an Höhlenwände gemalt worden. Diese lassen auf eine kultische Verehrung der Vierbeiner durch die Vorstufen des Homo sapiens schließen. Zwar gehört der Bär auch zu den Tieren, die am längsten von den Menschen gejagt wurden, aber vor allem die Völker im Norden Europas verstanden ihn immer auch als heiliges Tier. Dieser Glaube transportierte sich über Generationen, so gelangten Bären später in die Wappenbilder einiger Städte - etwa in Begleitung eines Ortsheiligen (wie bei Freisings Heiligem Korbinian) oder als Namenspatron (Berlin).

In der Wappenkunde schreibt man den Tieren "Stärke, Naturkraft, aber auch deren Bändigung zu", erklärt Friedrich Röhrer-Ertl. "Das machte ihn aber als Machtsymbol dennoch attraktiv, vor allem für ,unselbstständige Adelige und Orte, die damit zum Ausdruck bringen wollten, dass sie - obwohl einem Herrn untergeben - dennoch ,wild bleiben", sagt der Historiker und Wappenkundler.

Eigenschaften der Bären, die ihnen die Menschen zuschreiben, wie Stärke, Schwerfälligkeit und Drolligkeit, gingen in zahlreiche Sprichwörter, Bilder und Vergleiche der deutschen Sprache ein. Und natürlich taucht der Meister Petz in Märchen und Sagen auf.

Es ist also ein über die Jahrhunderte meist positives Verhältnis zwischen Mensch und Bär gewesen. Dieses wirkt bis heute fort - und wird bestärkt durch Ähnlichkeiten in der Physiognomie. Wobei damit weniger das in der Regel feminine Schwärmen vom "Mann wie ein Bär" gemeint ist. Vielmehr erinnern gerade die Körper junger Bären an kleine Menschen-Babys: kurze Gliedmaßen, großer Kopf. "Das entspricht unserem Kindchen-Schema", erklärt die Psychotherapeutin Charlotte Pfadler. Mehr noch: "Es gibt kein Tier, das so verspielt ist wie junge Bären", sagt Martin Frechen. "Außerdem kann ein Jungtier nicht ohne seine Mutter aufwachsen." Frechen muss es wissen, er leitet die Geschäfte von "Margarete Steiff", jener Firma, deren Stoffbären - erkennbar am Knopf im Ohr - von Sammlern teils teuer bezahlt werden. "Steiff" hat gerade Lizenzen für die Kinderzimmer-Ausgaben von Knut und Flocke erworben. Außerdem trägt das Unternehmen zum innigen Verhältnis von Mensch zu Bär bei. "Viele von uns sind auf Bären konditioniert, seit sie als Kind ihren ersten Teddybären erhalten haben", weiß Psychotherapeutin Pfadler. Das Fell des Tieres verstärkt das: Es ist weich und kuschelig - "Der Bär tröstet uns". Hier haben Eisbären einen nicht zu unterschätzenden Vorteil gegenüber ihren Artgenossen, schließlich steht die Farbe ihrer Körperbehaarung außerdem noch für die Unschuld - und bringt zudem die treu-schwarzen Knopfaugen besser zur Geltung.

Das Wissen um die Popstar-Qualitäten junger Bären ist allerdings nicht neu. Sie hat bereits Alfred Brehm Ende des 19. Jahrhunderts erkannt. In "Brehms Tierleben" attestierte er ihnen liebevoll, dass sie "höchst ergötzliche Tiere" seien.

Wenn diese Tatsache bald schon zu hysterischen Heerscharen im Nürnberger Tiergarten führen sollte, die drücken, drängeln, schieben, um den besten Blick auf Flocke zu bekommen, dann, ja dann, will man ihnen zurufen, was Balu, der Bär, einst in Walt Disneys Verfilmung von Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" versuchte, dem kleinen Menschenkind Mowgli klarzumachen: "Versuch's mal mit Gemütlichkeit."

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