1318.12.09|Politik|Politik
Drucken|Empfehlen|Schrift
a
/
A||recommendbutton_count130
Berlin - Der perverse Plan kam von Heinrich Himmler: Der SS-Führer ließ in Lagern Bordelle bauen, als Anreiz für fleißige KZ-Häftlinge. NS-Forscher Robert Sommer hat das Schicksal der Zwangsprostituierten erforscht. Ein Interview.

© Musée de la Résistance et la Déportation, Besancon
Ein Bordellzimmer im KZ Buchenwald. An der Wand hängt das Bild eines deutschen Schäferhundes, durch den Türspion sahen die SS-Wächter zu.
Herr Sommer, Sie haben knapp zehn Jahre Ihres Lebens dem Thema „Frauenbordelle in Konzentrationslagern“ gewidmet. Woher kommt die Faszination für dieses Randthema der NS-Forschung?
Robert Sommer: Ich bin während meines Studiums zum ersten Mal damit konfrontiert worden. Sexualität und sexuelle Ausbeutung im Lager waren für mich absolut unfassbar. Mich hat das nicht mehr losgelassen. Ich war überwältigt – auf negative Art und Weise.
Hatten Sie die Möglichkeit, mit ehemaligen Zwangsprostituierten zu sprechen?
Sommer: Ich habe eine Frau aus einem Lagerbordell in Auschwitz kontaktiert und um ein Interview gebeten. Sie stritt jedoch ab, eine Zwangsprostituierte gewesen zu sein, und sagte, sie wolle nie wieder mit einem Deutschen über Auschwitz sprechen. Das Problem war nicht, dass ich ein Mann war. Für sie stand ich wegen meiner Nationalität auf der Seite der Täter. Das musste ich akzeptieren.
Konnten Sie Ihre Arbeit von Ihrem Privatleben trennen?
Sommer: Ich habe es versucht. Dieses Wissen vermischt sich jedoch zwangsläufig mit dem Privatleben. Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen. Gerade psychologisch war die Arbeit eine sehr große Belastung, die ich unterschätzt hatte. Ein Grundsatz sagt, dass man nicht länger als zehn Jahre KZ-Forschung betreiben sollte. Ich bin froh, dass ich das Thema jetzt in Form eines Buches ablegen konnte.
Wie konnten Sie nachts schlafen, wenn Sie sich täglich mit den tragischen Schicksalen dieser Frauen beschäftigt haben?
Gab es jemanden, mit dem Sie über Ihre Erfahrungen sprechen konnten?
Sommer: Von meiner Freundin und meiner Familie wollte ich meine Arbeit fernhalten. Ich habe oft mit Kollegen über die Forschungsergebnisse, aber auch über die psychische Belastung geredet. Eigentlich bräuchten NS-Forscher Psychologen. Ich kenne eine Kollegin, die sich psychologische Hilfe geholt hat und mir riet, dies auch zu tun.
Wie waren die Gespräche mit ehemaligen Häftlinge?
Sommer: Am Anfang hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, die Zeitzeugen nach Bordellen zu fragen. Einerseits war das Thema ein Tabu. Andererseits hatten die Überlebenden so viel Schreckliches erlebt, und ich fragte nach einem sehr kleinen Teil ihrer Lebensgeschichte. Ich merkte jedoch auch, dass einige Zeitzeugen sehr offen über das Thema Sexualität sprachen. Das hat mich bestärkt.
Im zweiten Teil des Interviews erklärt Robert Sommer, warum die Erinnerungsarbeit Lagerbordelle lange ausklammert hat, und Zwangsprostituierte bis heute nicht entschädigt worden sind.

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.
Die Kommentarfunktion ist bei diesem Artikel nicht aktiviert. Sie haben aber die Möglichkeit uns Ihre Meinung über das Kontaktformular zu senden.

