217.03.09|Welt|Welt|
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Der Papst ist derzeit in Afrika unterwegs. Vieldiskutiert: das Aids-Problem dort. Frank Dörner, 43, ist seit 1998 für „Ärzte ohne Grenzen“ auf dem Kontinent im Einsatz. Er kritisiert die Haltung der Kirche im Interview massiv.

© fkn
Frank Dörner, unterwegs für "Ärzte ohne Grenzen".
Seit 2008 ist Dörner Geschäftsführer der deutschen Sektion. Von 2003 bis 2006 betreute er die HIV/Aids-Projekte in Guatemala. Er war auch Programm-Manager für Projekte in Kamerun, dem ersten Reiseziel des Papstes.
-Wie sind Ihre eigenen Eindrücke von Afrika?
Ich war gerade in Simbabwe, da liegt die Durchseuchung der erwachsenen Bevölkerung bei rund 20 Prozent: Jeder Fünfte ist infiziert. Das ist eine unglaubliche Zahl. Jeden Tag sterben dort 400 Menschen an Aids. Wegen der ökonomischen Lage gibt es kein vernünftiges Gesundheitssystem. 600 000 Menschen wären auf Medikamente angewiesen. Jedes Jahr sterben 150 000. Und die Zahl der Neuinfizierten steigt. Aufklärung und Schutz vor Ansteckung sind extrem wichtig.
-Wie sieht die präventive Arbeit aus?
Wir haben zum Beispiel „peer educator“, das sind Menschen, die HIV-positiv sind und berichten, wie man die Infektion verhindern und wie man damit leben kann – aber immer vor dem Hintergrund, dass die Verhinderung der Infektion das beste Mittel ist.
-Welche Rolle spielen hier Kondome?
Man muss ganz klar sagen: Nach wie vor ist die Benutzung von Kondomen eines der wesentlichen Mittel der Präventionsarbeit.
-Gibt es Alternativen zu Kondomen?
Man kann den Leuten natürlich predigen, dass sie keinen Geschlechtsverkehr haben sollen – oder nur mit einem Partner, der sicher nicht HIV-positiv ist. Das ist natürlich sehr weltfremd. Und das gilt für jede Gesellschaft. Auch für Deutschland. Das ist ein völlig verklärtes Weltbild, es stimmt in keiner Weise mit der Realität überein.
-Wenn der Papst sagt, Kondome lösen das Problem nicht, sondern verschärfen es, wie empfinden Sie das?
Das ist in meinen Augen eine sträfliche Äußerung, die in keiner Weise der Situation zuträglich ist – sondern sie ihrereseits verschärft. Präventionsprogramme, die viele Möglichkeiten anbieten von Enthaltsamkeit bis geschützten Geschlechtsverkehr, können sehr effektiv sein – zusammen mit medikamentöser Behandlung. Das haben viele Projekte gezeigt.
-Kondome können also Leben retten?
Na selbstverständlich.
-So eine Äußerung wie die des Papstes hat also negative Folgen?Die Kirche hat in vielen Ländern massiven Einfluss. Solche Äußerungen sind natürlich extrem kontraproduktiv für sämtliche Präventions-Einsätze. Sie führen dazu, dass die Ansätze wieder in Frage gestellt werden – und viel von dem, was schon erreicht wurde, wird kaputt gemacht. Ich habe das selbst in Guatemala erlebt.
-Wie engagieren sich die „Ärzte ohne Grenzen“ gegen HIV und Aids?
Die HIV/Aids-Bekämpfung ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit. Wir haben eine Vielzahl von Projekten in vielen Ländern. Seit 2000 sind wir massiv tätig bei der Behandlung von Patienten mit so genannten antiretroviralen Medikamenten, die die Viren-Vermehrung verlangsamen. Zudem betreiben wir Präventionsarbeit. Nur beides zusammen, Behandlung und Prävention, ergibt ein sinnvolles Konzept.
-Wie haben Sie die Arbeit der Kirchenvertreter vor Ort erlebt?
Es gibt da große Unterschiede. Wir sehen oft, dass kirchliche Mitarbeiter und Organisationen sehr pragmatisch mit dem Problem umgehen, nicht dogmatisch. Das gibt uns viel Hoffnung. Sie leisten oft Präventionsarbeit im HIV-Bereich, die völlig mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt.
-Begünstigen Kondome sexuelle Zügellosigkeit, wie die katholische Kirche behauptet?
Ich halte eine solche Argumentation für absolut nicht haltbar. Es geht letztlich darum, den Menschen und ihren Partnern die Möglichkeit zu geben, sich zu schützen und bewusst mit der Situation umzugehen. Wenn die Infektion die Gesamtbevölkerung angeht, geht es um ganz andere Fragen als um sexuelle Zügellosigkeit.
Interview: Robert Arsenschek

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