Superbanner

Fünf Jahre Hartz IV - Klaus Zimmermann: „Ich sehe vor allem Gewinner“

Fünf Jahre Hartz IV

Fünf Jahre Hartz IV: „Ich sehe vor allem Gewinner“

Für die einen ist es der Kahlschlag des Sozialstaats, für die anderen ein wichtiger Impuls für den Arbeitsmarkt – auch fünf Jahre nach dem Start von Hartz IV wird über den Erfolg der Reform heftig gestritten.

© dpa

Klaus Zimmermann ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Klaus Zimmermann, DIW-Präsident und Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), prophezeite bereits im Herbst 2004 einen deutlichen Rückgang der Arbeitslosenzahlen durch die Reform. Auch fünf Jahre später zieht Zimmermann eine positive Bilanz.

-Hat sich die Reform als Erfolgsmodell erwiesen?
Hartz IV hat eindeutig dazu beigetragen, dass die Zahl der Arbeitslosen im letzten Aufschwung deutlich zurückgegangen ist. Gerade schwervermittelbaren Arbeitslosen ist der Wiedereinstieg ins Berufsleben geglückt. Dennoch liegen wir mit rund zwei Millionen Langzeitarbeitslosen weiterhin international an der Spitze.

-Kritiker klagen: Hartz IV hat vor allem neue Armut geschaffen.
Das lässt sich nicht belegen. Es ist vielmehr umgekehrt. Durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe hat sich die staatliche Unterstützung für Sozialhilfeempfänger erhöht. Viele Langzeitarbeitslose konnten vermittelt werden – und Arbeit ist eben der beste Schutz vor Armut.

-Zweiter Kritikpunkt: Der Beschäftigungszuwachs beschränkt sich auf Minijobs und Niedriglohnstellen.
Das ist falsch. Im letzten Aufschwung sind viele sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen geschaffen worden. Die Zahl der geringfügig Beschäftigten blieb dagegen konstant.

-Wer sind die Gewinner, wer die Verlierer von Hartz IV?
Ich sehe vor allem Gewinner durch die Reform. Es gibt aber immer noch einige Komplikationen bei der Umsetzung.

-Welche Probleme meinen Sie?
Hartz IV leidet unter einem Konstruktionsfehler. SPD und Union konnten sich damals nicht darauf verständigen, wer für die Betreuung der Langzeitarbeitslosen zuständig sein soll. Als Kompromiss einigten sich beide Seiten, neue Arbeitsgemeinschaften aus Bundesagentur für Arbeit und den Kommunen zu gründen. 69 Kommunen durften zudem die alleinige Betreuung der Langzeitarbeitslosen übernehmen. Damit nicht genug: In 23 Regionen gibt es bis heute keine klare Zuständigkeit für die Hartz-IV-Empfänger. Angesichts der diffusen Organisationsstruktur muss man sich über die Erfolge der Reform wundern.

-Das Bundesverfassungsgericht hat die Zusammenarbeit von Bundesagentur und Kommunen in den sogenannten Jobcentern als verfassungswidrig erklärt. Schwarz-Gelb will die Kooperation daher wieder aufheben – ein Rückschritt?
Das wäre die Bankrotterklärung der Politik. Das Verfassungsgericht hat die Zusammenarbeit nicht grundsätzlich infrage gestellt. Es geht nur um den gesetzlichen Rahmen. Die Bundesregierung könnte also das Grundgesetz entsprechend ändern.

-Welche Lösung favorisieren Sie?
Vor Hartz IV waren Bundesagentur und Kommunen für die Betreuung der Langzeitarbeitslosen zuständig. Oft standen sich beide gegenseitig im Weg. Die Kooperation ist daher essentiell für den Erfolg der Reform. Ich würde die Zusammenarbeit sogar noch ausweiten. Die gemeinsame Betreuung sollte bei Risikogruppen wie Ungelernten oder Älteren sofort bei Jobverlust beginnen und nicht erst wie derzeit in der Regel nach zwölf Monaten Arbeitslosigkeit.

-Schwarz-Rot hat einige Härten der Reform – wie die verkürzte Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I – wieder abgemildert: Sinnvolle Korrektur oder Aufweichen der Reform?
Der Druck auf die Arbeitslosen, notfalls auch einen schlechter bezahlten Job anzunehmen, wurde dadurch verringert. Das war sicher nicht förderlich.

-Experten erwarten, dass die Krise erst in diesem Jahr voll auf den Arbeitsmarkt durchschlägt. Wie hoch wird die Arbeitslosigkeit steigen?
Es wird 2010 einen kräftigen Anstieg geben. Bisher konnte die Ausweitung des Kurzarbeitergeldes dies verhindern. Ich erwarte im Jahresschnitt rund vier Millionen Arbeitslose.

-Damit bleibt Deutschland trotz Krise deutlich unter der Rekordmarke von 5,2 Millionen Arbeitslosen.
Im Februar 2005 kletterte die Arbeitslosenzahl auf diesen Rekordwert. Davon sind wir heute weit entfernt. Auch das ist ein Erfolg der rot-grünen Arbeitsmarktreformen.

-Das heißt: Wir müssen Ex-Kanzler Gerhard Schröder dankbar sein?
Die Geschichte wird feststellen, dass es damals ein Opfergang war. Hartz IV ist ein Erfolg, auch wenn sich heute gerade in der SPD kaum jemand zu der Reform bekennen will.

Interview: Steffen Habit

zurück zur Übersicht: Wirtschaft

Kommentare

Wetter für München und Bayern

Meist geklickte Artikel

  • Letzte Woche
  • Monat
  • Kommentiert
  • Themen

Dreiste Werbelügen bei Lebensmitteln

Berlin - Die Organisation Foodwatch lässt die Lebensmittel mit der dreistesten Werbelüge wählen. Fünf Kandidaten stehen auf der Liste. Die Kritik: Sie tricksen bei ihren Werbebotschaften.Mehr...

Aldi-Kundinnen heimlich von Mitarbeitern gefilmt

Hamburg - Mitarbeiter des Discounters Aldi Süd haben einem Medienbericht zufolge Kundinnen heimlich gefilmt und die Videos untereinander ausgetauscht.Mehr...

Sonne liefert soviel Leistung wie 20 AKW

Münster - Energiewende und sommerliches Wetter machen es möglich: Deutschland hat eine neue Spitzenleistung bei der Sonnenenergie erreicht. Dass ist auch ein Verdienst der Bundesregierung.Mehr...

Aktuelle Fotostrecken

Das "Gruftikabinett": Skurrile Bilder vom Wave-Gotik-Treffen in Leipzig

weitere Fotostrecken:

Der große Finanz-Rechner

"Die Rente ist sicher" - dieser Spruch hat schon lange seine Richtigkeit verloren. Bei finanziellen Angelegenheiten ist Eigeninitiative gefordert. Bei Versicherungen und Geldanlage gibt es jedoch erheblich Unterschiede. Mit unseren Finanzrechnern für Versicherung und Geldanlage erfahren Sie, wie und wo Sie Geld sparen können und trotzdem gut abgesichert sind.

Politik

Schlömer will weiter für Piraten und Ministerium arbeiten

Pirat Schlömer will für Partei und Ministerium arbeiten

Berlin - Der Vorsitzende der Piratenpartei, Bernd Schlömer, wehrt sich gegen den Vorwurf, seinen Job im Verteidigungsministerium für Parteiarbeit zu vernachlässigen.Mehr...

Heimatvertriebene ehren Ministerpräsident Seehofer

Heimatvertriebene ehren Seehofer

Dinkelsbühl - Heimatvertriebene aus Siebenbürgen haben den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) am Samstag mit dem Großen Ehrenwappen ihres Verbandes ausgezeichnet.Mehr...

Job & Karriere

Deutsche unzufrieden mit ihrer Freizeit

Arbeitsdruck: Junge Beschäftigte klagen über Stress

Düsseldorf - Viele Überstunden, schlechte Bezahlung, unsichere Jobs, zunehmender Stress, wenig Freizeit: Viele Deutsche klagen über  Belastungen am Arbeitsplatz. Eine Umfrage zeigt nun sogar, dass die Chinesen mit ihrem Privateben glücklicher sind als die Deutschen.Mehr...

Artikel lizenziert durch © merkur-online
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.merkur-online.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

SkyScraper