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Wirtschaftskrise: „Zinsen lassen Menschen verarmen“

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2105.05.09|Wirtschaft|Wirtschaft|9
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Artikel: Wirtschaftskrise: „Zinsen lassen Menschen verarmen“

Remagen/München - Die Wirtschaft steckt in der Krise, aber die Ökonomen nicht minder: Sie haben den Kollaps nicht kommen sehen.

Wachstum ohne Ende? Das Symbolfoto zeigt, wie Geldmengen durch Zins und Zinseszins immer größer werden. Experten bezweifeln, dass das langfristig gut geht.

© dpa

Wachstum ohne Ende? Das Symbolfoto zeigt, wie Geldmengen durch Zins und Zinseszins immer größer werden. Experten bezweifeln, dass das langfristig gut geht.

Plötzlich werden Außenseiter der Zunft interessant – etwa der Theoretiker Silvio Gesell (1862 -1930). Ein Computermodell hat ihn nun bestätigt: Unser Zinssystem produziert Krisen – immer wieder.

Jedes Kind kennt das Märchen von des „Kaisers neuen Kleidern“. Darin lässt der Herrscher sich, den Hofschranzen und seinen Untertanen weismachen, sein neues Gewand sei so fein gesponnen, dass Dummköpfe es nicht erkennen könnten. Weil niemand als Dummkopf dastehen will, stimmen alle ins Loblied auf das neue Gewand ein – bis ein kleines Kind die schlichte Wahrheit herausschreit: „Der hat ja gar nichts an.“

Ein unbefangener Blick von außen kann manchmal Dinge erhellen. Nun ist Jürgen Kremer kein Kind. Er studierte Physik, erarbeitete sich einen Doktortitel der Mathematik, programmierte später für eine Bank Computerprogramme zur Bewertung von Wertpapieren und lehrt nun als Mathematik-Professor am Rhein-Ahr-Campus in Remagen (Rheinland-Pfalz).

Von Volkswirtschaft verstand er, wie er sagt, nicht viel. „Ich hatte keine vorgefasste Meinung.“ Irgendwann beginnt er, volkswirtschaftli che Lehrbücher zu wälzen. Ziemlich bald kommt er zu einem drastischen Urteil: „Ich bezweifle, dass das Wissenschaft ist.“ Was ihm auffiel: Die Beweisführung vieler Ökonomen greife immer wieder auf Dogmen zurück – und entferne sich von der Realität. Wie die königlichen Ratgeber im Märchen, die sich darin überbieten, Lobeshymnen über die schönen Kleider des Königs zu ersinnen. Alle glauben, was andere vorsagen, keiner traut den eigenen Augen – und dem eigenen Verstand.

Doch genau das will Kremer tun: Er bastelt sich sein eigenes Modell zusammen. Eines, das auch ein Computer verarbeiten kann. Er zeichnet Kreisläufe nach: Unternehmer verkaufen Produkte, dafür zahlen Kunden Geld, das sie als Lohn erhalten haben. Das ist ein einfacher Kreislauf. Komplizierter wird es, wenn Kredite ins Spiel kommen: Für die Produktion leihen sich Unternehmen Geld von Sparern – gegen Zinsen. Die Zinsen werden auf die Produkte aufgeschlagen. Die weniger Vermögenden, die die Produkte kaufen, zahlen so die Zinsen der Begüterten.

So argumentieren die meisten Ökonomen. Kremer interessiert die lange Sicht: Was passiert, wenn sich das ständig wiederholt? Um das herauszufinden, benutzte Kremer den Computer, und was der ausspuckte, war beängstigend. Vermögen und Schulden wachsen unaufhörlich. Die meisten Menschen müssen immer mehr Geld für Zinsen ausgeben. Dieses Geld wiederum häufen einige wenige zu immer größeren Vermögen an. Das System bleibt stabil, solange die Wirtschaft insgesamt wenigstens so schnell wächst wie die Zinslast. Denn damit wachsen auch die Löhne und die Ausgaben für Konsum.

Kremer sieht darin auch eine Erklärung für die deutsche Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit des Wirtschaftswunders. „Als alles zerstört und im Wiederaufbau begriffen war, hatten die Menschen auf breiter Front den Eindruck, es gehe uns immer besser.“ Damals wuchs die Wirtschaft stürmisch.

Prekär wird es, wenn das Wachstum schwächelt: Die Last von Zins und Zinseszins wächst dann trotzdem, sagt der Computer. Gehälter und Konsum bleiben zurück. Das trifft die Menschen, die wenig verdienen – aber unter dem Strich mehr Geld für offene und versteckte Zinsen ausgeben. Die Folge: Sie verarmen.

Kremer nennt das die „andere unsichtbare Hand des Marktes“. Die klassische „unsichtbare Hand“ hat der britische Ökonom Adam Smith (1723-1790) beschrieben: Sie stellt über die Preisbildung wie von Geisterhand einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage her. Die zweite Hand, von der Kremer spricht, verschiebt über das Zinssystem Wohlstand – von Arm zu Reich, unmerklich und unaufhaltsam.

Das Computermodell hat eine zentrale These des Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell (siehe Randspalte) bestätigt. Er sah im Geld, das Vermögende horten und leistungslos vermehren können, eine Ursache für Krisen und zunehmende soziale Verwerfungen. Gesell wollte eine Umlaufgebühr, die es attraktiv macht, gehortetes Geld in Umlauf zu bringen. Weil es dann an Kapital nicht mehr mangeln würde, würden die Zinsen Richtung Null sinken. Kremer hat ein Nullzins- Szenario im Computer durchgerechnet. Das Ergebnis: „Die zeitliche Entwicklung von Einkommen, Vermögen und Konsum bleibt stabil, wenn der Zinssatz der Ökonomie auf Null gesetzt wird.“ Mit anderen Worten: Die Verarmung wird aufgehalten.

„Man muss sich das vorstellen wie mit den Einkaufswagen im Supermarkt“, erklärt Kremer Gesells Ansatz. „Bevor man da Geld reinstecken musste, standen sie auf den Parkplätzen rum. Jetzt stehen die Wagen wieder in der Station.“ Ob die Ideen von Silvio Gesell wirklich die Auswirkungen haben, die er vorhersage, wisse er nicht, räumt Kremer ein. Doch er hält sie „für forschungswürdig“. Man solle das auch ausprobieren, fordert er.

Für die kaiserlichen Berater aus dem Märchen gab es eine solche Möglichkeit nicht. Für sie war es tabu, einfach mal die nackten Tatsachen anzusprechen. Also versuchten sie, die Nacktheit mit immer mehr von der Kleidung zu kaschieren – die in Wahrheit ja gar nicht vorhanden war.

So ähnlich, behauptet Kremer, halte es auch die erdrückende Mehrheit der Ökonomen aller Denkrichtungen. Sie sähen zwar das soziale Auseinanderdriften auch. Als Lösung setzten sie aber auf Wachstum – Punkt. Kremer widerspricht dem energisch. Das funktioniere auf Dauer nicht, wirft er als Naturwissenschaftler ein. „Zeitlich unbegrenztes Wachstum lässt sich physikalisch auf keinenn Fall aufrechterhalten.“

Er illustriert das mit dem sogenannten Josephspfennig. Das ist ein fiktiver halber Cent. Wäre der bei Christi Geburt für nur fünf Prozent Zinsen angelegt worden, hätte er sich mit Zinseszinsen bis heute zu einem aberwitzig hohen Vermögen entwickelt. Bildlich gesprochen wären das hunderte Milliarden Goldkugeln von der Größe der Erde. Natürlich ist das unmöglich, aus einem ganz einfachen Grund: weil es so viel Gold auf der Erde unmöglich geben kann.

Kremers Fazit: Andauerndes Wachstum ist kein Ausweg. Der Josephspfennig hätte schon deshalb nicht so anwachsen können, weil mit Kriegen oder Krisen verbundene Umwälzungen den Geldwert immer wieder vernichtet hätten. „Langfristig ist unser Geldsystem nicht stabil“, sagt Kremer. Er fordert nun, ein stabiles Geldsystem für Europa zu entwickeln.

„Wir müssen die Schwächen, die wir jetzt haben, erst einmal erkennen, um dann effektive Gegenmaßnahmen zu ergreifen.“ Eine Patentlösung habe er nicht, gibt er zu.

Damit wären wir wieder beim Märchen. Man muss sich erst trauen, die Nacktheit des Kaisers auszusprechen, bevor man dafür sorgen kann, dass er sich wieder ankleiden lässt. Die Berater schafften das nicht. So präsentierten sie den hüllenlosen Monarchen dem Volk.

Kremer vergleicht das zinsbasierte Wirtschaftssystem, das die meisten Ökonomen und Politiker mit schier unglaublichen Geldsummen über die gegenwärtige Krise in die Zukunft retten wollen, mit einem Supertanker: Der kann verlangsamt werden, indem man ihn mit Wasser füllt, das aber nicht mehr abgelassen werden kann. Dieses zunehmende Wasser steht für die steigende Zinslast.

Soll der Tanker schneller werden, muss man die Motorleistung immer weiter steigern. Das entspricht dem geforderten Wachstum. Betrachtet man das kurzfristig, findet Kremer, kann man zu dem Schluss kommen, es funktioniert. Dynamisch betrachtet, kommt er schnell zu einem ganz anderen Ergebnis: „Langfristig geht der Kahn unter.“

MARTIN PREM

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