+
Mit der richtigen Ausrüstung und Kleidung kein Problem: Rad fahren im Winter macht Spaß. Sicherheit ist das oberste Gebot, doch wer vorausschauend fährt, kommt sturzfrei den Berg hinauf und hinunter.

Radfahren im Winter

Flotter Reifen auf eisiger Piste

Das Verb dazu heißt „einmotten“: Davon sprechen die Leute, wenn sie einen Saison-Gegenstand für eine längere Pause präparieren und lagern. Zum Beispiel die Skiausrüstung über den Sommer. Mit Fahrrädern ist das jetzt ähnlich.

Schnee und radeln, das verträgt sich schlecht. Glauben viele. Stimmt aber nicht. Gerade im Winter kann das Radfahren viel Spaß machen.

Zwei Dinge vertragen sich nicht mit dem Winterradeln: Schneematsch, bei dem man sich einsaut, und zu tiefer Schnee, in dem die Räder versinken. Ist dagegen die Schneedecke nur dünn oder hart gefroren, lassen sich mit entsprechender Ausrüstung und Vorsicht sehr schöne Radtouren absolvieren. Nicht nur in der Stadt, sondern auch im Gebirge.

Das Wichtigste beim Winterradeln: eine besonnene Fahrweise. „Abrupte Lenkmanöver sollte man vermeiden, damit das Fahrrad auf glatter Fahrbahn nicht ausbricht“, rät Anke Namendorf vom Fahrradhersteller Koga. „Denn die Bedingungen können sich innerhalb eines Tages deutlich ändern. Angetaute Schneeflächen, die am Abend überfrieren, können plötzlich sehr glatt werden.“ Zudem sei zu beachten, dass Brücken, Überführungen und Pfützen sehr schnell vereisen.

Mit dem Bremsen verhält es sich ähnlich wie mit Lenkmanövern – Behutsamkeit ist angesagt. „Besonders sportliche und geübte Fahrer benutzen meist die Vorderradbremse am Fahrrad, da diese physikalisch bedingt effektiver verzögert“, weiß Tobias Erhard vom Hersteller Sram. „Im Winter setzt man die Vorderradbremse jedoch nur mit Bedacht ein: Die Haftreibung ist auf Schnee und Eis bedeutend geringer als etwa auf trockenem Asphalt. Somit kann das Vorderrad in der kalten Jahreszeit viel weniger Bremskraft auf die Straße bringen und rutscht schneller weg.“ Daher sei hauptsächlich der Gebrauch der Hinterradbremse anzuraten.

Der gefährlichste Feind im Winter ist das Eis. Es lauert manchmal unter einer harmlos wirkenden Schneedecke oder auf blankem Asphalt – die berüchtigte überfrierende Nässe. Wie fürs Auto gibt es auch für Fahrräder spezielle Winterreifen. Die ultimative Lösung sind Spike-Reifen wie der „Snow Stud“ oder der „Icespiker“ von Schwalbe, bei dem Metallstifte in der Lauffläche für Haftung sorgen. Aber Achtung, möglichst nur bei Schnee benutzen: Auf Teerstraßen – und die gibt es bei Tauwetter nun mal – sind die Spikes schnell abgefahren. Wer stattdessen ein Mountainbike benutzt, hat mit Downhillreifen den besten Grip. Grundsätzlich gilt: Im Winter kann der Reifendruck etwas verringert werden, um die Auflagefläche des Reifens zu erhöhen.

Eine weitere Maßnahme für mehr Sicherheit ist es, die Sattelposition um ein paar Zentimeter abzusenken. Die niedrigere Fahrposition stärkt das Sicherheitsgefühl, weil der Schwerpunkt tiefer liegt, und erlaubt es im Fall des Rutschens, die Füße zum Ausgleichen schneller auf den Boden zu bringen.

Ein schwieriges Thema ist die Beleuchtung. Rechtlich gesehen muss jedes Fahrrad, das im Straßenverkehr bewegt wird, über eine Dynamo-Lichtanlage verfügen. In der Praxis setzen viele dennoch auf Batterie-Lampen – denen kann bei extremer Kälte rasch der Saft ausgehen. Wer nicht unerwartet im Dunkeln stehen und seine Wahrnehmbarkeit für andere Verkehrsteilnehmer sichern möchte, sollte sich daher unbedingt einen Nabendynamo einbauen lassen. „Viele Fachhändler bieten zum Winterbeginn günstige Paketpreise für ein Nabendynamo-Vorderrad, das ohne Kraftverlust und Laufgeräusche arbeitet, LED-Scheinwerfer und Rücklicht mit Standlicht an“, erklärt Sebastian Göttling vom Hersteller Busch & Müller. „Damit ist man bei jedem Wetter sicher und legal unterwegs.“

Was die Lagerung des Fahrrads betrifft, so stellt sich die Frage: warmer Keller oder kühle Garage? Andreas Hombach, Experte beim Pressedienst Fahrrad, sagt: „Ein gut gewartetes Fahrrad verträgt Kälte, da muss man sich keine Sorgen machen. Starke Temperaturschwankungen und Feuchtigkeit führen jedoch zu Kondensation und Oxidation. Insofern ist eine kühle Fahrradgarage der bessere Lagerort als ein warmer Heizungskeller.“

Zu denjenigen, die bei jedem Wetter ihr Mountainbike nutzen und auch im Winter durchs Gebirge touren, zählt Thomas Rychly aus Otterfing. Für den örtlichen Alpenverein gibt der 55-Jährige Fahrtechnikkurse, oft ist er bei Schnee auch allein in den heimischen Voralpen unterwegs. „Winterbiken ist etwas Wunderschönes“, sagt er. Richtige Kleidung vorausgesetzt. Also Bergschuhe statt Klickpedal-Schläppchen. Und, damit man beim Temperaturwechsel zwischen Auf- und Abfahrt nicht friert, passende Funktionsbekleidung analog zum Skitourengehen. Mütze unterm Helm und Reservehandschuhe sind Pflicht. Zur Schaltung hat Rychly die Erfahrung gemacht: „Eine Kettenschaltung kann einfrieren, dann fährt man unter Umständen mit sehr wenigen verbleibenden Gängen. Besser eine Rohloffschaltung, die funktioniert immer.“

Für die Tourenauswahl empfiehlt der Otterfinger gut ausgetrampelte oder sogar geräumte Winterwanderwege (zum Beispiel zu Bodenschneid oder Blomberghaus oder zur Kirchsteinhütte). Auch Rodelbahnen seien ein besonderes Vergnügen: „Mit einem Radl hat man mehr Kontrolle als die Schlittenfahrer.“ Aber Vorsicht sei geboten, um andere Wintersportler nicht zu erschrecken. Im Frühjahr toben sich Hardcore-Biker nach Saisonschluss sogar auf den Überbleibseln der Skipisten aus, „was auch witzig sein kann“, so Rychly.

Ob im Englischen Garten oder am Wallberg, überall unterm Schnee können unerwartete Hindernisse lauern, Bordsteinkanten oder Steine. Eine gute Hinterbaufederung wird von Winterradlern als Segen empfunden beim Abfedern unerwarteter Schläge. Doch auch eine Federung ist kein Garant gegen Stürze – dagegen hilft im Winter nur eins: vorsichtig fahren.

Von Martin Becker

  • 0 Kommentare
  • 0 Google+
    schließen

Mehr zum Thema