Das schwierige Geschäft mit dem Winter

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    • 19.03.13
    • Outdoor
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Problem: Klimawandel

Das schwierige Geschäft mit dem Winter

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Rottach-Egern - Ohne Schnee kein Ski- Geschäft: Der Tourismus im Winter ist dem Wetter ausgeliefert. Während Liftbetreiber aufrüsten, zieht sich ein Hütten-Wirt zurück. Er fürchtet den Klimawandel – und fordert kreative Strategien.

© dpa

Unverdrossene Expansion: Auch am Sudelfeld ist ein riesiger Speichersee geplant. Vor gut einem Jahr protestierten Naturschützer neben der Piste.

Die Bäcker-Alm auf 1190 Metern ist ein Traum. Draußen die Süd-Terrasse, drinnen Holztische, karierte Vorhänge, ein Kachelofen. Der saftige Kaiserschmarrn mit Rumrosinen, Mandeln und Apfelmus für 9,60 Euro macht zwei gute Esser satt, die Wirtsleut sind herzlich und freuen sich über jeden Gast, der „Servus“ sagt und nicht „Tschüüüüß“. Doch die Hütte am Rand des Spitzing-Gebiets, oberhalb des Tegernsees, hat im Winter ein kapitales Problem. Den Klimawandel.

Die Liftbetreiber rüsten sich für eine schneearme Zukunft, investieren Millionen in Beschneiungsanlagen – doch für die Hüttenpächter Barbara Nirschl und Thomas Gigl ist dies die letzte Saison auf der Bäcker-Alm. Sie hören auf: Naturschnee-Mangel bedeutet für sie Perspektiven-Mangel. Nicht in diesem Winter, sicher auch nicht im nächsten – aber doch mittelfristig. Das möchten sie nicht riskieren.

"Unter 1500 Metern macht das Skigebiet keinen Sinn"

Ihr Problem: Auf den Pisten können Schneekanonen den Skibetrieb künstlich aufrechterhalten, auch wenn keine einzige Flocke vom Himmel fällt – doch die Bäcker-Alm liegt ein bisserl abseits, nur über eine kurze Varianten-Strecke kommen Wintersportler zur Hütte. Beschneit wird das Wegerl freilich nicht. Schmilzt der Schnee, ist die Alm vom Geschäft so gut wie abgeschnitten – obwohl Skifahrer die nahe Sutten-Abfahrt noch emsig hinunterwedeln. Barbara Nirschl, 47 Jahre alt und Trachtenschneidermeisterin, sagt: „Wir können uns einen Haxen ausreißen – wenn kein Schnee liegt, hilft das nichts.“ Und weil die Klimaerwärmung solche Fälle immer wahrscheinlicher macht, ziehen sie und Thomas Gigl jetzt die Notbremse, auch wenn das Geschäft bisher gut läuft: „Unterhalb von 1500 Metern macht das Skigebiet keinen Sinn – auch nicht für die, die davon abhängig sind.“

Viele Wissenschaftler geben den beiden Pächtern Recht, sie sagen den kleinen bayerischen Wintersportorten eine düstere Zukunft vorher. Der Fürstenfeldbrucker Robert Steiger untersuchte vor einigen Jahren für die Universität Innsbruck, welche Gebiete überleben können – die künstliche Beschneiung setzte er als Standard voraus und verrechnete sie mit verschiedenen Klimamodellen. Eine Überlebenschance, so sein Ergebnis, hätten in einigen Jahrzehnten nur die Zugspitze und Oberstdorf im Allgäu.

Aktuell hat der Deutsche Wetterdienst in einer Langzeit-Untersuchung über Skigebiete in Deutschland die dahinschmelzende Schneesicherheit untermauert. Die Meteorologen werteten die Monate Dezember bis April im Zeitraum 1970 bis 2010 aus. Das Ergebnis: Die Zahl der Tage mit mindestens 30 Zentimetern Schnee – diese gelten als schneesicher – sinkt stetig. Daten bezogen die Meteorologen von den Beobachtungsstationen am Wendelstein, in Kreuth-Glashütte und auf der Oberen Firstalm im Spitzing-Gebiet. Das Ergebnis im Durchschnitt: Während im Jahr 1970 noch an 118 Tagen genügend Schnee lag, waren es 2010 nur noch 103. Ein Skigebiet rentiert sich, wenn die Lifte an mindestens 100 Tagen laufen können, das ist die Faustregel.

Kunstschnee gibt es nur bei Minusgraden

Das Problem: Fehlender Naturschnee kann nur bedingt durch Beschneiung ausgeglichen werden. Die herkömmlichen Geräte produzieren Kunstschnee nur bei Minusgraden. Zudem fressen die Kanonen ungeheure Mengen Energie – der Wissenschaftler Robert Steiger hat das für das Sudelfeld einmal durchgerechnet. Werden die gut 30 Pistenkilometer beschneit, verbrauche das in warmen Wintern so viel Strom, dass die Gemeinde Bayrischzell und ihre 1600 Einwohner ein Jahr damit versorgt werden könnte. Der hohe Stromverbrauch schadet zum einen der Umwelt – und kostet zum anderen richtig viel Geld. Skipass-Preiserhöhungen werden notwendig, was wiederum kleine Gebiete im Vergleich zu den großen, höher gelegenen und deshalb schneesicheren benachteiligt. Ein Teufelskreis, der das Geschäft mit dem Winter zunehmend anstrengend macht.

Die Analyse des Deutschen Wetterdienstes ist Teil der „Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel“ des Bundesumweltministeriums. Sie soll der Tourismuswirtschaft helfen, sich frühzeitig auf Temperaturveränderungen einzustellen – und sich alternative Freizeitangebote zu überlegen.

Die Ski-Branche in der Region setzt unverdrossen auf Expansion, zum Teil durch staatliche Gelder unterstützt. Ein paar Kilometer entfernt vom Spitzing, am Sudelfeld, wollen die Bergbahnen schnellstmöglich damit beginnen, einen der größten Speicherseen der bayerischen Alpen zu bauen – daraus sollen 250 neue Schneekanonen gespeist werden. Die Zustimmung des Landratsamts Miesbach steht noch aus, dann kann die 25 Millionen Euro teure Modernisierung starten. Am Brauneck im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen sind sie schon einen Schritt weiter, dort verwandeln in diesem Winter erstmals 70 Kanonen Wasser aus dem neuen Kunst-See im Garlandkessel in Schnee. Das Becken ist 250 Meter lang, 85 Meter breit und 15 Meter tief.

22 Millionen wurden am Spitzing investiert

Am Spitzingsee hat die Schörghuber Unternehmensgruppe zwar noch keinen Speichersee in dieser Dimension gebaut, am Stümpfling gibt es einen kleinen. Doch die Gruppe hat seit 2003 bereits 22 Millionen Euro investiert. Zum Beispiel in den neuen Doppel-Sessellift am Rosskopf, die überdachte Vierer-Suttenbahn – und die Vollbeschneiung der beiden Hauptabfahrten. Der Geschäftsführer der Alpen Plus GmbH, zu der auch das Spitzing-Gebiet gehört, ist hochzufrieden: „Wir haben einen solchen Aufschwung“, sagt Peter Lorenz. Freilich sei „die ganze Klimaerwärmung nicht von der Hand zu weisen“, meint er. Doch die Prognosen würden sich meist auf die Lage in 30 Jahren beziehen – bis dahin seien die Investitionen in die neuen Anlagen locker wieder drin. „Und es wird auch darüber hinaus weitergehen“, ist er sich sicher. Lorenz spekuliert auf das Mikroklima am Spitzing – „das war schon immer ein Schneeloch“. In diesem Winter seien die Kanonen kaum gelaufen – und die Rosskopf-Abfahrt zum Beispiel musste laut Lorenz überhaupt nicht beschneit werden. Derzeit verspricht Alpen Plus auf der Internetseite „Pistenspaß von Anfang Dezember bis Ende März“, Schnee ist garantiert.

Das klappt nicht immer. Im Jahr 2007 zum Beispiel mussten sie die Stümpflingbahn am Spitzing wegen Schneemangel schließen – mitten im Januar, Hochsaison. Auch im Tegernseer Tal unten durchkreuzen zu milde Temperaturen manchmal die Pläne der Touristiker: Heuer am 11. Januar war ein großes Langlauf-Festival in Kreuth geplant. Kaiserschmarrn bei Kilometer 10, Speckknödelsuppe bei Kilometer 24, alles war organisiert. Man war sich sicher, zu dieser Jahreszeit beste Langlauf-Bedingungen vorzufinden – bislang lag meistens genug Schnee. Heuer nicht. Die Wiesen waren grün, die Loipen standen unter Wasser.

Wie sehr der Wintertourismus vom Wetter abhängt, das hat Wirt Gigl unterschätzt. Er hatte nach seinen Angaben ein gutes Geschäft. „Aber ich dachte, das Grundrauschen ist stärker“, sagt er und meint damit die Einnahmen an mauen Tagen. Er dachte, er bräuchte die Spitzentage zum Ausgleich der schlechten nicht so dringend.

"Beschneiung ist nicht die Zukunft des Tals"

Der 46-Jährige sitzt jetzt in der Hütte und schaut raus auf die leere Terrasse. Die Sonne hat sich verzogen, der Wind weht frisch. Der Schnee schmilzt und gluckert, vom Dach tropft’s. „Jeden Tag“, sagt Gigl, „kann man zusehen, wie das Ende naht.“ Es klingt ein bisschen traurig, die Hütte ist ihm ans Herz gewachsen. Knapp drei Jahre lang hat er zusammen mit seiner Lebensgefährtin die Bäcker-Alm bewirtschaftet. Davor arbeitete er als Manager bei großen Konzernen, hatte teilweise 600 Angestellte unter sich – als „Öko“ oder „Grüner“ sieht er sich nicht. Und doch sagt er: „Man muss vernünftig mit der Natur umgehen.“ Beschneiung sei nicht die Zukunft des Tegernseer Tals. Unternehmerisch halte er es für kritisch, in Schneekanonen zu investieren, die sich erst in 20 Jahren amortisieren. Doch andererseits gelte derzeit: „Wenn wir den Winter nicht hätten, könnten wir gar nicht überleben.“

Thomas Gigl wünscht sich von der örtlichen Tourismusbranche mehr Kreativität und Strategie: „Es fehlt ein Konzept, das sich mit dem Klimawandel kritisch beschäftigt.“ Es reiche nicht, dass die Skigebiete für schneearme Winter aufrüsten – die Region bräuchte Pläne für den Rest der Zeit. „Da passiert zu wenig“, findet er.

Beim Tourismusverband „Tegernseer Tal“ aber verweist man selbstbewusst auf die Bemühungen um den sanften Tourismus: Kutschen- oder Schlittenfahrten, geführte Wanderungen, Wellness-Angebote. Auf mögliche schneearme Winter könne man sich in den kommenden Jahren noch einstellen, sagt Geschäftsführer Georg Overs. Und: „Die Menschen haben auch im Winter das Bedürfnis, Urlaub zu machen.“ Mit Schnee oder ohne. Derzeit versuche man, den Advent als zusätzliche Reisezeit zu etablieren: „Der ist zwar bei Schnee schöner, aber er findet auch ohne statt.“

Die Völkerwanderung aus München gibt es nicht mehr

Thomas Gigl reicht das nicht. Er hat die Mitgliedschaft im Tourismusverband „Tegernseer Tal“ gerade gekündigt, 1500 Euro zahlte er für zwei Jahre Werbung auf einer Homepage. Damit habe er keinen einzigen neuen Gast auf die Hütte gelockt, sagt er. Früher kamen die Massen fast von allein zur Bäcker-Alm. Kurz nach Kriegsende war die Hütte gebaut worden, die ersten Pächter hatten Kontakte zu Sport Scheck in München. Das Unternehmen organisierte Ski-Wochenenden auf der Bäcker-Alm, direkt neben der Hütte hatte der Wirt einen kleinen Lift gebaut. Zügeweise reisten die Skifahrer aus München an und übernachteten im Matratzenlager im ersten Stock. Den Lift gibt es schon lange nicht mehr, die Völkerwanderungen auch nicht.

Peter Lorenz von Alpen Plus will an die Klima-Argumentation von Thomas Gigl nicht recht glauben: „Der hat einen Frust, weil das Geschäft nicht läuft“, sagt er. Doch der Pächter weist das zurück: „Wir haben viele Stammgäste – und auch neue Besucher gewonnen“, sagt er. Der Ex-Manager Gigl hat die Hütte gut vermarktet, eine Homepage erstellt, Firmenfeiern, Geburtstagspartys und Hochzeiten an Land gezogen.

Thomas Gigl und Lebensgefährtin Barbara Nirschl hätten den Pachtvertrag für die Bäcker-Alm womöglich noch ein paar Jahre laufen lassen – trotz der wackeligen Aussichten. Doch dann ergriffen sie eine Chance, die sie unabhängiger vom Schnee macht: Sie bewarben sich um die Pacht für die Berggaststätte Neureuth, am 1. Mai geht es dort los. Die Bäcker-Alm übernimmt dann ein anderer Pächter.

Die Neureuth-Alm ist nur eine Stunde Fußmarsch vom Bahnhof Tegernsee entfernt, der Parkplatz liegt direkt hinter einem Sterne-Hotel. Wenn nichts schiefgeht, strömen die Gäste noch ein paar Jahrzehnte lang hinauf zur Neureuth. Klimawandel hin oder her.

Von Carina Lechner und Klaus Wiendl

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Kommentare

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Toisinsiri09.05.2013, 16:17
(0)(0)

ein Ex-Manager in der Neureuth, mei oh mei oh mei, wenn da nicht Zahlungen an den Stadtrat geflossen sind ?

Ändern ? Was will der ändern, der soll die Neureuth so lassen wie sie ist oder sich wieder auf die Bäckeralm zurückziehen, ein Jammer, daß so ein geldgieriger Manager dieses schöne Haus bekommen hat !

Reitstall-nebel20.03.2013, 07:35
(0)(0)

als Stammgast der Neureuth kann ich nur hoffen das sich dort in den nächsten Jahren kein Klimawamdel breit macht

Xare19.03.2013, 20:07Antwort
(2)(0)

Voraussetzung ist halt immer das richtige Geschäftsmodel und damit hatte der jetzige Betreiber wohl so seine Probleme.

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