Rocker ist nicht gleich Rocker: Moderne Ski-Technologie im Test

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    • 19.02.13
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Moderne Ski-Technologie im Test

Rocker ist nicht gleich Rocker

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Als vor zweieinhalb Jahren die Rocker-Technologie auf den Skimarkt drängte, glaubten viele noch an ein Nischen-Experiment der Hersteller.

© Atomic /  Pondella

Da staubt’s gewaltig: Rockerski kommen eigentlich vom Tiefschneefahren her, sind mittlerweile aber auch pistentauglich.

Inzwischen, das hat die Sportartikelmesse Ispo in München gezeigt, gibt es kaum noch einen „ungerockten“ Ski. Aber, das zeigte ein Selbsttest am Spitzingsee: Rocker ist nicht gleich Rocker.

Rocker-Technologie Rocker Ski© BeckerEin Ski, zwei Nutzungsmöglichkeiten: Bei der Rocker-Technologie liegt der Ski aufgrund der Aufbiegung, wenn man flach darauf steht, nur in der Skimitte auf der Kante, was die Drehfreudigkeit vereinfacht.

Seinen Dienst-Kombi hat Andreas König direkt am Pistenrand geparkt, keine 50 Meter von der Talstation der Stümpflingbahn entfernt. Im Kofferraum: elf Paar Rockerski. „Wir machen pro Ski eine Abfahrt, damit du dich gar nicht erst an ein Modell gewöhnst, sondern die Unterschiede herausspürst“, erklärt der Sicherheitsexperte und Testleiter vom Deutschen Skiverband beim individuellen Rockerski-Probefahrtermin mit unserer Zeitung. Mit einem Schraubenzieher stellt der 41-Jährige die Bindung ein, bis Sohlenlänge und Z-Wert passen, dann geht’s los. Zuerst mit einem sehr sportlichen Slalomski, tauglich für Rennen. „Weil die Pisten in der Früh am besten sind“, sagt König.

Rauf also mit der Stümpflingbahn, runter auf der Suttenabfahrt. Kurze Schwünge, lange Schwünge, variierendes Tempo. „Und?“, fragt der DSV-Experte. Ja, dieser Ski verlangte nach kräftiger Beinarbeit. Von wegen, Rockerski seien etwas für gemütliche Skifahrer. Wir fahren wieder hinauf und tauschen Skier. Schrauben ruckzuck die Bindung um. Pro Ski eben eine Abfahrt diesmal auf der Stümpflingpiste. Mit Kontrastprogramm: Nach der sportiven Herausforderung kommt ein Genuss-Rocker unter die Füße. Erholung für die Oberschenkel, das Drehen klappt spielerisch einfach, die Muskulatur muss weniger ackern. Und wenn sie es doch tun soll: einfach den Aufkantwinkel erhöhen, sich also in die Kurve legen wie ein Rennläufer – schon steigt die Anforderung ans skifahrerische Repertoire.

Rocker-Technologie Rocker Ski© BeckerLehnt sich der Skifahrer indes voll in die Kurve liegt der Ski komplett auf der Kante und entfaltet – je nach Biegelinie – seine Sportlichkeit.

„Darin“, erläutert König während des nächsten Ski-Wechsels am Parkplatz, „liegt das Geheimnis: Der Rockerski wächst mit dem Können des Skifahrers und entwickelt seine Sportlichkeit mit zunehmendem Aufkantwinkel.“ Beschaulich herumcruisen oder sich bis ans Limit anstrengen, beides geht also. Mit demselben Ski.

Warum das so ist? Bei den Pausen zwischen unseren elf Testfahrten legt Andreas König dar, was genau eigentlich hinter der Rocker-Technologie steckt. Erstens: Alle Rocker sind auch Carver, denn sie haben eine vergleichbare Taillierung. Zweitens: Rockerski sind im Schaufel- bzw. Endenbereich stärker aufgebogen als Carver und haben dadurch bei gleicher Skilänge kürzere Kontaktpunkte; dadurch lassen sich die Rocker leichter drehen. Drittens: Um Carvingski (die einen sofort in die Kurve ziehen) gutmütig und fehlerverzeihend zu machen, sind sie im Schaufelbereich torsionsweich, der Ski verwindet sich und gibt somit etwas nach – weich gleich gutmütig, hart gleich sportlich. Die Rocker-Technologie dagegen vereint beides: Die Aufbiegung sorgt für das Gutmütige, eine generell höhere Torsionssteife für das Sportliche.

Die Sportlichkeit wächst mit dem Aufkantwinkel

Fast klingt es so, als gebe es quasi einen (Rocker-)Ski für alles. Das stimmt natürlich nicht, wie unser Selbstversuch am Spitzingsee zeigt. Abfahrt für Abfahrt tauchen neue Eindrücke auf. Der eine Rocker reagiert schneller, der andere mit Verzögerung. Der Kraftaufwand differiert, kein Einsatzbereich gleicht dem anderen. Es ist eine Frage der persönlichen Vorlieben, des eigenen Fahrstils. Oder, wie Andreas König resümiert: „Rocker ist nicht gleich Rocker.“

Nuancen machen den entscheidenden Unterschied. Wie stark ist die Schaufel aufgebogen, also gerockt? Wo beginnt die Aufbiegung? Wie steht es um die Torsionssteifigkeit im Schaufelbereich? Wie ist die Biegelinie konstruiert? „Es kommt darauf an, wie das Gesamt-Setup zwischen Vorspannung und Rocker-Technologie abgestimmt ist“, sagt der DSV-Experte. „Je nachdem, wie dies variiert, hat der Ski unterschiedliche Fahreigenschaften und somit einen anderen Einsatzbereich. Man kann nicht pauschal am äußeren Erscheinungsbild erkennen, für welchen Einsatzbereich der Ski konstruiert ist. Die Länge und Stärke des Rockers geben zwar eine grobe Richtung vor, sind aber immer im Zusammenhang mit dem Innenleben zu sehen.“

Welcher Rocker für welches Terrain?

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In diesem Winter steckt in etwa 50 Prozent aller Skier, die auf dem Markt sind, die Rocker-Technologie, für die nächste Saison rechnet König mit über 80 Prozent. Ob es in fünf Jahren überhaupt noch ungerockte Skier geben wird? „Kaum“, glaubt der Branchenkenner. Der Skihersteller Atomic zum Beispiel baut mittlerweile ins komplette Sortiment die Rocker-Technologie ein, Salomon hat gerade eine neue Rennserie herausgebracht, K2 hat komplett umgestellt, und inzwischen hat auch bei Head das anfängliche Zögern ein Ende. Auch bei der Ski-WM in Schladming steckte in manchem Ski die Rocker-Technologie, auch wenn sie ihre Wurzeln ursprünglich beim Tiefschneefahren hat. Die alte Grundregel (je mehr Gelände, desto mehr Rockerung) besitzt weiterhin ihre Gültigkeit, die feinen Details indes haben die Rockerski zu Multitalenten entwickelt: morgens Piste, nachmittags Variantenfahren, am nächsten Tag Freeride – die klassischen Trennlinien verschwinden. „Die einzelnen Bereiche nähern sich immer mehr an“, lassen die Skihersteller Völkl, Rossignol und Blizzard verlauten. „Irgendwann werden die Segmente verschmelzen.“

Piste, Varianten oder Freeride: Die Grenzen verschwinden

Bei unseren Testfahrten am Spitzingsee verändern sich die Pistenverhältnisse von Stunde zu Stunde so, dass die Mehrdimensionalität der Rockerski immer besser zum Tragen kommt. Neben noch halbwegs ebenen Abschnitten schieben sich immer mehr Schneebuckel in den Weg, die es zu umkurven gilt, am Pistenrand wiederum lockt leicht verspurter Pulverschnee. Das Spektrum ist breit, und die Test-Ski decken es ab. „Gerade am Nachmittag, wenn die Pisten uneben sind, schluckt der Rocker die Buckel, ist kraftsparend und fehlerverzeihend“, zählt König die Pluspunkte auf. „Und das alles, ohne an Sportlichkeit und Performance einzubüßen.“ Ohne Aufwand die Skier drehen oder die rasante Kurvendynamik der Zentrifugalkraft auskosten, beides ist möglich.

Fürs Test-Finale haben wir uns zwei Spezialitäten aufgehoben: eine superbreite Freeride-Latte mit Pistentauglichkeit und einen sportlichen Ski, dessen Schaufel nur auf einer Seite gerockt ist. Die letztgenannte Variante zieht einen ähnlich mit steigendem Aufkantwinkel in die Kurve wie ein klassischer Carver, fährt sich flach aufgelegt aber fast wie ein Bigfoot. Und der Freeride-Rocker vom Schweizer Hersteller Stöckli bleibt auf der Piste erstaunlich laufruhig – die in puncto Torsion relativ harte Schaufel und die Biegelinie machen’s möglich.

Elf Paar Skier, elf Eindrücke. Rund 15 Jahre stand unser Redakteur ausschließlich auf Carvingskiern, der Test mit dem Experten vom Deutschen-Skiverband war eine Art Premiere. Die persönliche Bilanz: Wow, in Rockerskiern steckt viel mehr sportive Agilität als gedacht! Langsam, langweilig? Unsinn, ein Vorurteil – der ambitionierte Skifahrer kann sein Können voll ausreizen. Aber auch mal einen Gang zurückschalten. Zart und hart, in der Kombination liegt der Reiz. Ganz klar: Wenn mal wieder ein Ski-Kauf ansteht, wird’s garantiert ein Rocker – Alternativen dürften bis dahin sowieso ausgestorben sein.

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Von Martin Becker

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