(Zu) viele Unbedarfte riskieren, bei einem Lawinenunglück ihre Begleiter als Leiche aus dem Schnee zu graben.
Nun mag manch einer einwenden, diese Darstellung sei übertrieben, denn: Ist es nicht so, dass in Relation zur Masse der Skitourengeher nur sehr wenige in einer Lawine sterben? Ein Blick auf die Statistik zeigt: 2010 gab es im bayerischen Alpenraum drei Lawinentote, 2011 und 2012 (bis dato) jeweils einen. Also alles halb so wild? Statistik, Teil zwei: das 15-Minuten-Zeitfenster, um das es im Ernstfall geht. Etwa eine Viertelstunde lang nach einem Lawinenunglück kann ein Verschütteter vom Sauerstoff aus einer kleinen Atemhöhle zehren, die Überlebenswahrscheinlichkeit liegt bei 92 Prozent. Sie sinkt danach aber rapide ab, beträgt nach einer halben Stunde nur noch etwa 35 Prozent – das heißt, zwei Drittel der Lawinenopfer sterben dann den Erstickungstod.
Alte Piepser mit Analog-Technik nicht mehr zeitgemäß
Statistik, Teil drei: Wie viele Skitourengeher schaffen es wirklich, innerhalb von 15 Minuten eine Kameradenrettung (die immer schneller ist als ein Einsatz der Bergwacht) durchzuführen? Es gibt Umfragen und Unfall-Analysen, aber keine repräsentative Zahl. Nur ein Unbehagen bei denen, die zur Rettung eines Verschütteten in der Lage sind – gefühlte 60 bis 80 Prozent verfügen nicht über die erforderliche Ausrüstung und das Wissen um die richtige Anwendung.
Franz Perchtold (44), Bergführer aus Ohlstadt (www.die-bergfuehrer.de), erklärt, worauf es letztlich ankommt: „Um eine gute Chance zu haben, einen Verschütteten lebendig auszugraben, muss man seine Atemwege bis 15 Minuten nach Stillstand der Lawine freilegen. Das funktioniert nur, wenn man den Dreiklang von LVS-Gerät, Sonde und Schaufel beherrscht.“
Denkfehler Nummer zwei: Ist diese Drei-Minuten-Frist mit einem veralteten analogen LVS-Gerät zu schaffen? „Nein“, glaubt Perchtold, „das gelingt höchstens Profis. Aber der normale Skitourengeher hat mit einem alten LVS-Gerät in einer Stresssituation nahezu keine Chance.“ Bei Lawinenkursen, beispielsweise am Skitourenlehrpfad beim Eckbauer in Garmisch mit LVS-Testcenter, würden sich hinterher „99 Prozent der Leute ein modernes digitales LVS-Gerät kaufen“, sagt Perchtold.
Für Digitalgeräte sprechen mehrere Punkte. Die Reichweite liegt mit 40 bis 50 Metern rund doppelt so hoch wie bei Analoggeräten, sodass eine größere Suchstreifenbreite möglich ist, was schneller zum Ziel führt. Geräte mit drei Antennen zeigen die Laufrichtung und Distanz zum Verschütteten an, das Display ist einfach und intuitiv zu bedienen – bei Analoggeräten ertönen akustische Signale als Anhaltspunkt und erfordern meist die Nutzung von Ohrstöpseln. Und: Sind mehrere Personen verschüttet, lässt sich das per Piepton beim Analoggerät kaum heraushören – digitale LVS-Geräte dagegen erkennen die Mehrfachverschüttung, einzelne Personen können markiert werden.
Bei der Firma Ortovox, die einst die Lawinen-Piepser erfunden hat und deren „F1“ in Tourengeherkreisen Kultstatus besitzt, hat man dieses Analoggerät inzwischen aus dem Programm genommen. „Das ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Ortovox-Sprecher Hendrik Reschke. Er rät dringend, auf eins der modernen LVS-Geräte umzusteigen: „Die digitale Technologie steht für intuitive Handhabung.“ Gerade Neueinsteiger seien überfordert, wenn sie bei alten Analoggeräten die akustischen Signale richtig interpretieren sollen.
Einziges Argument für LVS-Dinosaurier und abgespeckte Varianten ist der Preis, und diese Rechnung geht nicht auf: „Das ist die Freiheit der Berge – jeder kann sich umbringen, wie er will“, formuliert es Perchtold ironisch. Im Ernst fügt er hinzu: „Wer auch nur ein bisschen Verantwortungsgefühl hat, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als sich ein modernes LVS-Gerät zu kaufen und damit zu üben, zu üben, zu üben.“ Und, ganz wichtig: Sonde sowie eine gute Schaufel nicht vergessen.
Im der Regel empfiehlt sich beim Start am Parkplatz ein Ausrüstungs-Check: Was haben die anderen im Rucksack? Denn unter Skitourengehern gilt das Solidaritätsprinzip – die eigene Ausrüstung dient der Rettung anderer, umgekehrt muss erwartet werden, dass die Tourenpartner den elementaren Dreiklang (Digital-LVS, Sonde, Schaufel) mitführen. Tun sie das nicht, sind ernsthafte Zweifel an der Zuverlässigkeit egoistischer Tourenpartner angebracht – denn im Ernstfall stünde das eigene Leben auf dem Spiel.
Von Martin Becker
Weitere Infos
In ihrer aktuell erhältlichen Januar-Ausgabe präsentiert die Fachzeitschrift „Alpin“ einen Test der preisgünstigeren LVS-Geräte (200 bis 300 Euro), stellt zudem die aktuellen fünf Top-Geräte (Pieps Vector, Pieps DSP, Ortovox S1+, Arva Link und Mammut Barryvox Pulse) vor (350 bis 500 Euro). Welches Gerät was kann, zeigt eine Übersicht des Deutschen Alpenvereins (www.alpenverein.de/Bergsport/Sicherheit/ Publikationen)

















