Sylvensteinsee - Könige, Dichter, Ruinen

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    • 24.09.12
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Über dem Sylvensteinsee

Könige, Dichter, Ruinen

Der Isarwinkel hinter Lenggries im 19. Jahrhundert: Den Sylvensteinsee gab es noch nicht, das Dörfchen Fall stand woanders, Ludwig Ganghofer ging auf die Jagd...

© Rauch

Schöne Ausblicke auf Vorderriß, Walchensee und Herzogstand genießt man auf dem Weg zum Grammersberg.

...und am Grammersberg oben thronte König Ludwigs Berghaus. Heute liegt das alte Fall versunken am Grund des Stausees, von Ganghofer erzählen noch Bücher und Filme und vom königlichen Jagdhaus einige Mauerreste. Geblieben sind die Tief- und Weitblicke – ein guter Grund, den Spuren der Vergangenheit nachzuwandern.

Die Tour beginnt an den Ufern des fjordartigen Sylvensteinsees. In den 50er-Jahren war sein Bau umstritten. Immerhin 100 Einwohner aus dem alten Fall mussten umgesiedelt werden. Doch da man das Wasser der oberen Isar immer mehr zugunsten des Walchenseekraftwerks abgeleitet hatte, wurde der Bau eines Speichersees unumgänglich. Den Wasserhaushalt bis hinunter nach Tölz galt es auszugleichen – in Trockenzeiten und natürlich bei Hochwasser. Der Weg zum Grammersberg führt anschließend durch lichte Bergwälder. Die Blicke weiten sich auf den langen Kamm von Stierjoch und Schafreuter. Weiter oben lugen die Felszacken der nördlichen Karwendelkette hervor.

Getöteten Bock durch München getragen

Dass der Steig einst ein Reitweg war, lässt sich noch immer gut erkennen. Zwanzig Mal soll König Ludwig II. hier heraufgeritten sein, um eines seiner zahlreichen Jagdhäuser zu besuchen. Bevor man die Überreste erreicht, passiert man die weiten Wiesen der Grammersbergalm. Die alte, sonnengebräunte Hütte trägt am First die Jahreszahl 1925. Die Ursprünge der Almwirtschaft hier oben sind jedoch weit älter – bis ins 16. Jahrhundert reichen manche Zeugnisse zurück. Noch eine lang gezogene Serpentine höher, dann steht man auf dem Absatz der Pürschneid (oder Pirschschneid). Der Name verrät es schon: Hier oben bestand seit jeher ein beliebtes Jagdrevier. König Max II. ließ es sich daher nicht nehmen, ein großzügiges Berghaus zu errichten, das Sohn Ludwig als Zufluchtsstätte nutzte. Während andere königliche Jagdhäuser später zu Alpenvereinshütten geworden sind, verfiel das Haus auf dem Grammersberg. Nur mehr ein paar überwucherte Mauerreste lassen sich links des Wegs inspizieren. Wer nun dem Steig noch weiter folgt, kann die Pürschneid etwas ausgesetzt überschreiten und einen steilen Gipfelanstieg auf das Grasköpfl versuchen. Bis dorthin ist es jedoch noch ein gutes Stück. Das einstige Jagdhaus lässt sich daher getrost zum Tagesziel erklären, zumal der Blick beim Abstieg noch einmal weit und tief reicht. Das Kiesbett der jungen Isar mit der Anhöhe von Vorderriß glänzt gut 700 Meter unterhalb. Auch hier hielt sich Ludwig II. gerne auf. Der Schriftsteller Ludwig Thoma, der in Vorderriß seine Kindheit verlebte, erinnerte sich später gern an die geheimnisvollen Aufenthalte des Königs. Wer aufmerksam schaut, wird auch einen Zipfel des Walchensees mit Herzogstand und Heimgarten erkennen, die Benediktenwand, die Lenggrieser und Tegernseer Berge, und ganz im Südwesten gar die Zugspitze. Bevor man im unteren Teil die Bergwiesen am Kohlstattl erreicht, kommt der Sylvensteinsee wunderschön ins Blickfeld. Dass ein ganzes Dorf am Grund des Wassers liegt, kann man sich nur schwer vorstellen. Wer wissen will, wie das alte Fall ausgesehen hat, kann den Film „Der Jäger von Fall“ von 1956 ansehen. Vorlage dafür ist der gleichnamige Roman Ludwig Ganghofers. Der Schriftsteller erhielt von seinem Vater zur Belohnung für die Promotion eine Jagderlaubnis in Fall. Die Geschichten der Isartaler Jäger und Wilderer inspirierten ihn drei Jahre später zu seinem ersten populären Roman. „Die Schönheit der Berge wurde für mich zu einem gesteigerten Wunder des Lebens, die Jagd zu einem fröhlichen Dolmetsch der Natur“, erinnerte sich Ganghofer später. Den ersten erlegten Gamsbock aus Fall trug er anschließend „mit offener Brust und mit nackten Knien“ mitten durch die Kaufingerstraße in sein Münchner Zuhause...

Von Christian Rauch

GRAMMERSBERG (1476 METER)

ANFAHRT – A 8 München – Salzburg, Ausfahrt Holzkirchen. Weiter nach Bad Tölz und über Lenggries bis nach Fall. Noch vor der Ortseinfahrt links in den „Waldparkplatz“.

TOUR – Gehzeit: 5 bis 5,5 Stunden, 800 Höhenmeter. Gute, wenig steile Bergwege. Aufstieg: Vom Parkplatz ein Stück zurück zur Bundesstraße. An ihr entlang kurz nach links, dann rechts in einen Forstweg und hinab zum Sylvensteinseeufer. Am Ufer nach links zu einem Parkplatz mit Infotafel. Neben einer Schranke auf dem Forstweg zunächst in Ufernähe weiter. Nach rund 350 Metern den nächsten Forstweg links hinauf zur Autostraße. Über sie hinüber, kurz nach rechts, dann links den gelben Schildern zum Grammersberg folgen.

Auf dem Weg hinauf zur Kohlstattl-Wiese, dann halbrechts weiter aufwärts. Vorbei an der Wiesalm, immer den Grammersberg- Schildern folgend, bergauf. Über die Wiesen der Grammersbergalm (keine Einkehr) und über eine weitere Serpentine hinauf. Auf dem nächsten freien Wiesenabsatz (rund 1530 Meter) stehen links die Mauerreste des ehemaligen Königshauses.

Für Trittsichere Weiterweg bis zum Grasköpfl (1726 Meter, hin und zurück rund 1,5 Stunden mehr) möglich. Abstieg zunächst wie Aufstieg. Nach der Wiesalm schöne Blicke auf den See. Danach auf den Kohlstattl-Wiesen rechts auf die Forststraße. Auf ihr hinab zu einer Teerstraße und links nach Fall. Links Abstecher möglich zur Kirche und zum Hotel-Restaurant „Jäger von Fall“. Ansonsten vorne rechts zum Parkplatz.

BUCHTIPP – Diese Tour und weitere „Kulturwanderwege“ zwischen Isar und Inn, Tegernsee und Wendelstein enthält Christian Rauchs neues Buch „Künstlerwege“ (Bergverlag Rother, 148 Seiten, 14,90 Euro).

KARTE – Kompass-Wanderkarte 182, Isarwinkel.

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