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„Harte Männer“ warten auf die Wanderer: Auf einer plateauartigen Felsfläche unterhalb des Gipfels haben unbekannte Künstler unzählige Steinmänner errichtet.

Zum Schafreiter im Karwendel

Fast vergessener Klassiker

Auch im Rißtal gibt es sie noch, die abwechslungsreiche und ruhige Bergtour. Konditionsstarke Wanderer brauchen bloß kurz nach der Oswaldhütte in Richtung Schafreiter starten.

Schon nach wenigen Minuten taucht man ein in die Stille. Der einstmals klassische Anstieg ist fast vergessen und beginnt gerade zuzuwachsen. Manchmal verliert sich der Weg schon für ein paar Meter. Doch wer mit wachen Augen unterwegs ist, hält sich an blassrote Markierungspunkte und Trittspuren. Uralte bemooste Laubbäume wechseln sich mit reizvollen Waldwiesen ab.

Verspielt schlängelt sich die Route an einem kleinen Wasserfall vorbei und über einen schrofigen Grashang hinweg. Drüben im Fermersbachtal recken sich die bleichen Felswände von Wörner (2474 m) und Hochkarspitze (2482 m) der Sonne entgegen. Dann auf einmal Kuhglockengebimmel. Die anmutigen Hügelwiesen der Moosenalm sind erreicht. Und hier kreuzen sich einige Wanderrouten, sodass der restliche Aufstieg etwas geselliger verläuft. Jetzt geht’s kräftig bergauf über den Latschenrücken des Kälberecks – immer schön an der steilen Hangkante entlang. Auf felsigen Bändern thront in der Ferne schon der langgestreckte, schlanke Gipfel.

Nach der Latschenregion wandert man einen grünen behäbigen Rücken empor und gegenüber ist das Karwendelbuch weit aufgeschlagen: Schroffe Felsengipfel, Zackengrate und dunkle Geröllkare erzählen ihre bewegte Geschichte von eisigen Stürmen, von sintflutartigen Regenfällen und vom ewigen Schnee... Nach einer Weile steht man vorm Gipfelaufschwung. Passend zum Bergnamen taucht eine quirlige Schafherde auf. Manche der wolligen Wesen sind recht klettertüchtig, sogar am schmalen Gipfelkamm finden sich ihre rundlichen Hinterlassenschaften. Der aussichtsreiche aber enge Gipfel bricht beiderseits steil ab. Ungehindert schweift der Blick über Wände und Schrofen in die Tiefe.

Etwas versteckt, nahe beim Gipfelkreuz, zeigt eine Markierung den Durchschlupf Richtung Tölzer Hütte. Die Steilheit des Abstieges lässt bald nach. Und dann windet sich ein schmales Wegerl über schrofige Balkone abwärts. Nach einer kurzen Drahtseiletappe über bröckeliges Kalkgestein zieht der Weg, teilweise etwas luftig, doch nie schwierig, hinab. Hinter einer Kurve stößt man auf richtig „harte Männer“. Irgendwer hat irgendwann angefangen, auf einer plateauartigen Felsenfläche Steinmanndl aller Größen aufzuschichten. Die Performance ist inzwischen angewachsen, weil sich im Laufe der Zeit zahlreiche Künstler berufen fühlten...

Nach der Kultur folgt auf der Terrasse der Tölzer Hütte der kulinarische Teil. Die Wirtsleute verwöhnen mit Tiroler Spezialitäten wie hausgemachte Knödel und Schlipfkrapfen. Nach der Rast zieht man gegen Westen. Der ruhige Weg Richtung Moosenalm gleicht trotz des kleinen Gegenanstiegs einem Abschiedsgeschenk. Zuerst kann man auf einer samtig grünen Hochfläche noch einmal ausgiebig blättern in den Kapiteln des Karwendels. Und hernach auf den Almmatten über der Moosenalm winkt der Schafreiter-Gipfel ein letztes Mal herab.

Von Doris Neumayr

SCHAFREITER (2101 M)

ANFAHRT – Auto: A 95 München – GAP bis Ausfahrt Sindelsdorf. B 472 Bad Tölz, B 13 über Lenggries bis Sylvensteinstausee. Vorderriß, Richtung Hinterriß. Kurz nach der Oswaldhütte kommt links eine Garage, dann ein Graben und ein Parkplatz (Beginn einer Forststraße, 850 m). Bahn/Bus: Bhf. Lenggries und mit dem Bergsteigerbus (RVO 9569) bis Haltestelle Oswaldhütte. Information: www.bayerischeoberlandbahn.de und www.rvo-bus.de

TOUR – 1320 Hm inkl. Gegenanstiege; insg. 13 km; Gehzeit: Aufstieg ca. 3,5 Std., Abstieg ca. 3 Std.; Der Aufstieg bis zum Wiesensattel über der Moosenalm ist sparsam markiert. Orientierungssinn und Karte sind nötig, im Gipfelbereich auch Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Aufstieg: Vom Parkplatz zurück zur Garage. Zwischen der Garage und dem Bachgraben beginnt ein schmaler Weg (keine Markierung). Er verläuft kurz am Graben aufwärts, dann links über einen Grashang bergauf. Nun geht’s in östlicher Richtung auf teils schwach ausgeprägtem Weg empor.

Die Route folgt bald verblassten Markierungspunkten in wechselnder Steilheit. Nach ca. 1,5 Std. erreicht man einen Wiesensattel (Moosenalm). Hier rechts über eine hügelige, steinige Wiese (rote Punkte). Kurz bergab in eine Wiesensenke mit Schilderbaum (in Sichtweite: das Ende einer Forststraße mit Wendeplatz für die Almbauern. Nun links (Ww. Schafreiter, Tölzer Hütte) zum nächsten Schild am Fuß des latschenbewachsenen Kälberecks. Hier rechts (Ww. Schafreuter Tölzer Hütte, 237) zur nächsten Verzweigung. Jetzt links (Ww. Schafreuter 1 ¼ h) bergauf. Am Vorgipfel auf schmalem Kamm weiter zum Gipfelkreuz.

Abstieg: Am Gipfel zeigt eine rotweiße Markierung den Abstieg (Südosten). In engen Kehren steil abwärts. Bald geht’s am Drahtseil über ein paar Felsbrocken. Dann auf plattigem, schottrigem Weg in der Südostflanke bergab. Vorbei an einem Plateau mit Steinmännern und über einen Latschenrücken zur Tölzer Hütte. Dort am Schilderbaum (Ww. Moosenalm) nach rechts. Nun unterhalb der Hütte entlang nach Westen. Man quert zunächst die schottrige Südflanke. Kurz bergauf (Ww. Moosenalm) zu einem Joch. Ein undeutlicher Weg verläuft über Wiesen nach rechts zuerst flach dahin, dann leicht abwärts (rote Punkte). Man quert einen Wiesengraben und mündet wieder in die Aufstiegsroute. Auf bekannter Route zur Forststraße (Wendeplatz der Moosenalm). Auf ihr zurück zum Ausgangspunkt.

EINKEHR – Tölzer Hütte (1835 m), Mitte Mai bis Mitte Okt.; Tel: 00 43 / 664 / 180 17 90; www.toelzer-huette.de

KARTE – Kompass-Karte 182, Isarwinkel.

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