Die letzten der 1800 Höhenmeter: Vom Karwendelhaus geht’s zum Hochalmsattel, danach rollt man nur noch bergab.
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Die letzten der 1800 Höhenmeter: Vom Karwendelhaus geht’s zum Hochalmsattel, danach rollt man nur noch bergab.

Karwendel

Die große Schinderei

Irgendwann kommt der Punkt, da lassen Kraft und Kondition nach. Ebenso der Blick für die wunderschöne Landschaft ringsrum.

Die volle Konzentration gilt dem nächsten Pedaltritt, der nächsten Bergaufkurve. Nicht aufgeben! Darum geht es bei der großen Karwendelrunde für Mountainbiker. 1800 Höhenmeter, 68 Kilometer, je nach Form fünf bis acht Stunden im Sattel, jenseits der Forststraßen auch Ansätze von Trail-Passagen: Nein, für den Gelegenheits-Radfahrer ist diese bayerisch-tirolerische Spritztour nichts. Aber wer über eine passable Fitness verfügt, der genießt diese Runde. Immer wieder. Passiert werden prominente Gipfel wie der Wörner oder die Birkkarspitze.

Gegen den Uhrzeigersinn

Im Prinzip geht es dreimal hinauf und dreimal hinunter, sodass sich vorab zwei Fragen stellen. Erstens: Wo soll man starten? Zweitens: Wie herum – im oder gegen den Uhrzeigersinn? Wir empfehlen nach diversen Befahrungen dieser Route einen Start in Hinterriss und einen Streckenverlauf entgegen des Uhrzeigersinns. Das mag individuelle Geschmackssache sein, aber es gibt dafür auch Gründe. Der Routenverlauf entgegen dem Uhrzeigersinn hat den Vorteil, dass alle Trail-Passagen bergab gefahren werden. Und bei einem Start in Hinterriss (alternativ in Krün, Mittenwald oder Scharnitz) kommt mit dem Hochalmsattel (1800 Meter) der höchste Punkt zum Schluss – danach geht es fast nur noch bergab. Wir legen also los in Hinterriss, strampeln uns warm auf der Forststraße Richtung Vorderskopf, die zunehmend steiler wird. Teil eins der Quälerei und ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt!

Doch an dem Sattel bei der Jagdhütte beginnt erst mal ein genussvoller Teil: Bis zur berüchtigten Bachüberquerung rollt es sich fast durchweg bergab. Kurz vor der Furt über den Bärnbach befindet sich das fahrtechnisch schwierigste Stück – wem die 50 Höhenmeter zu diffizil erscheinen, der schiebt notfalls übers grobe Gestein. Schieben oder tragen – oder beides? Das ist die Frage bei der nun anstehenden Bachüberquerung. Je nach Witterung und Jahreszeit stellt sich die Situation ganz unterschiedlich dar. Die einen radeln lässig hindurch, die anderen ziehen Schuhe und Socken aus, tragen watend durchs Wasser. Und wieder andere balancieren – mit dem Mountainbike als Stützhilfe – von Stein zu Stein.

Wie auch immer, über den Bach muss jeder. Danach folgt Teil zwei der Bergauf-Qualen: der in der ersten Hälfte wirklich knackige Forststraßenanstieg zur Vereiner Alm. Dies ist übrigens die an der Hütte nachzulesende offizielle Schreibweise, sodass sich Überlegungen, ob die oft verwendete Bezeichnung „Fereinalm“ richtig ist, erübrigen. Von der Vereiner Alm – gute Gelegenheit für den ersten kulinarischen Zwischenstopp – sind es noch fünf Fahrminuten zum Wörnersattel, dann heißt es wieder: Helm auf, Sattel runter und rollen, rollen, rollen. Bis nach Mittenwald, sofern man im unteren Teil der Forststraße nicht durchschießt, sondern den (minimal trailigen) Abzweig zur Aschaukapelle erwischt.

In Mittenwald steht die Flach-Etappe an: nach Scharnitz. Um dorthin zu kommen, gibt es drei Varianten. Knapp oberhalb der Bundesstraße, knapp unterhalb davon, oder entlang der Isar durch Mittenwald. Im Süden des Orts beginnt – bei den Parkplätzen zur Geisterklamm – der attraktive Riedboden; die zwei Radwege dort sind wohl der attraktivste Etappenschritt nach Scharnitz. So, nun kommt das Finale – und das zieht sich! Die 17 Kilometer von Scharnitz zum Karwendelhaus genügen vielen als Tagestour. Wer jetzt schon über 800 Höhenmeter in den Knochen hat, der ackert erst beim ersten steilen Anstieg zum Karwendelsteg, schwitzt ein wenig vor der Wildfütterung und hat ab der Larchetalalm stets das Karwendelhaus im Blick. Doch gut 400 Höhenmeter sind es nun immer noch, eine Kehre reiht sich an die andere, aber am Ende steht das Gefühl, etwas Besonderes erreicht zu haben.

Eine Einkehr im Karwendelhaus ist Pflicht, das zeigt der riesige Bike-Parkplatz davor. Nach Saftschorle oder Weißbier: noch ein paar Höhenmeter zum Hochalmsattel – und dann fast nur noch bergab. Die leicht trailige Abfahrt zum traumhaften kleinen Ahornboden: Genuss pur. Der Rest nach Hinterriss ist quasi aktives Ausrollen – nach 1800 Höhenmetern!

Martin Becker

Karwendelrunde

ANFAHRT – A 8 München – Salzburg, Ausfahrt Holzkirchen. Über Bad Tölz, den Sylvensteinstausee und Vorderriss nach Hinterriss; Start am Parkplatz direkt nach der Brücke vor dem südlichen Ortseingang von Hinterriss (928 m).

TOUR – Auf der Forststraße Richtung Vereiner Alm, ab der Jagdhütte bergab bis zum Bärnbach. Nach dessen Überquerung Auffahrt zur Vereiner Alm (1406 m) und weiter zum Wörner-Sattel. Abfahrt auf Forststraße bis zum Abzweig zur Aschaukapelle (nach kleiner Brücke kurz bergauf) und weiter nach Mittenwald (911 m). Nun nach Scharnitz (am schönsten über den Riedboden) und dort beim Großparkplatz steil links hinauf, dann flacher bis zur Larchetalalm (1173 m) und schließlich in knackigen Kehren hinauf zum Karwendelhaus (1771 m). Vom Karwendelhaus via Hochalmsattel (1803 m) und kleinen Ahornboden (1309 m) zurück nach Hinterriss. Distanz: 68 Kilometer, rund 1800 Höhenmeter.

TIPP – GPS benutzen – bei www.openmtbmap.org (kostenloser Kartendownload) ist die Route markiert. Ansonsten Kompass-Karte WK 26 (Karwendelgebirge) oder ADFC Regionalkarte Bayerische Seen (1:75 000). Auss.: ADFC-Regionalkarte Bayerische Seen.

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